Die Welt hinter dem Vorhang

Mit ihrer immersiven Ausstellung Frame Shift wollen die junge Münchner Produzentin Nele Urbach und ihr Team das Zusammenwirken von Virtual Production und Volumetric Video Capturing erforschen.
Text von Jürgen Moises
5 Minuten Lesezeit
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Digital erzeugte virtuelle Welten gibt es mittlerweile viele. Und durch Games, durch Superheldenfilme oder immersive Ausstellungen sind die meisten von uns den Umgang damit gewöhnt. Ob wir uns darauf einlassen, in diese eintauchen, das hängt von unserer eigenen Bereitschaft, unserem Glauben, aber auch von der Glaubwürdigkeit der Technik ab. Was diese betrifft, da hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Es gibt immer stärkere Chips in Kameras, Handys, Computern und neue Technologien wie Extended Reality (XR) und Augmented Reality (AR). Und dank der Virtual Production ist es heute möglich, physische Filmsets durch riesige LED-Wände zu erweitern und durch Synchronisierung mit der Kamera verschiedene Welten und Ästhetiken in Echtzeit darzustellen.

Für die Filmproduktion bietet das viele Vorteile. Und für Schauspieler*innen bedeutet es, dass sie anstatt vor grünen oder blauen Wänden nun vor auch für sie sichtbaren Hintergründen agieren. Wenn man das Ganze nun auch noch mit dem Volumetric Video Capturing als neuer Technik kombiniert, dann, nun: Das ist eine gute Frage. Denn bisher wurde das noch nicht gemacht. Und hier kommen nun die junge Münchner Produzentin Nele Urbach mit ihrer Firma FineLine Film, ihr Bruder, der Medienkünstler Justin Urbach, und der multidisziplinäre Designer Manuel Steitz ins Spiel. Denn mit ihrem gemeinsamen, vom FFF Bayern mit 30.000 Euro für die Konzept-/Prototyp-Entwicklung geförderten Projekt Frame Shift haben sie genau das vor.

(c) Jesko Friederichs

Nele Urbach 

Das heißt: Sie wollen erforschen, was die Kombination von konventioneller Filmproduktion, Virtual Production und Volumetric Video Capturing bedeutet. Wo liegen die Potenziale, wo die Möglichkeiten, wo die Grenzen? Und wie verändern die immersiven Medien unsere Wahrnehmung von Realität, Raum und Zeit? Um das herauszufinden, wollen die Geschwister Urbach und Manuel Steitz mit ihrem noch nicht komplett feststehenden Team eine multimediale Ausstellung produzieren. Die Betrachter*innen sollen dabei zu „aktiven Teilnehmer*innen“ werden und sich zwischen den realen und virtuellen Welten bewegen.

Geplant sind sind dafür zunächst etwa 25 Minuten an visuellem Material. Dazu gehören Aufnahmen aus Island, die Justin Urbach im vergangenen Jahr gemacht hat, wie man beim Gespräch mit Nele Urbach im Café des Museums Brandhorst erfährt. Als Kontrast dazu werde es dann aber auch eine „urbane Welt“ geben und als Übergang „eine Art Zeitreise: Die Hauptperson wird von den Betrachtenden durch eine Zeit- und Dimensionsreise durch natürliche, urbane und technische Welten begleitet, die ineinander übergehen. Der Hauptfokus liegt dabei auf dem Wechsel zwischen den Dimensionen – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Erfahrung der Betrachtenden.“

Bei der Produktion sollen außerdem „ein bis zwei Schauspieler*innen“ involviert sein. Und die Besucher*innen können dann entscheiden, auf welche Art sie das Ergebnis betrachten: über eine immersive Screen-Umgebung, mit einer Virtual-Reality-Brille oder mittels Augmented Reality, die in Verbindung mit der Screen-Umgebung steht.

(c) Henri Nunn

Justin Urbach 

Im Moment befinden sich Nele Urbach und ihr Team aber noch in der „Forschungsphase“. Im Juni sollen die Preproduction und Ende des Jahres die Dreharbeiten beginnen. Die Installation und die „Labor-Ausstellung“ sind irgendwann ab Oktober geplant. Wo? „Also zum Beispiel auf der Ars Electronica in Linz“, so Urbach, „wenn man jetzt ganz groß träumen würde“. Was konkret den Einsatz der Technik betrifft, da sei auch für sie noch vieles Neuland. Mit LED-Wänden habe sie zwar „schon mal in der Hyperbowl gedreht“, also in dem virtuellen 360-Grad-Filmstudio im oberbayerischen Penzing, das seit einigen Jahren von sich reden macht. Mit dem Volumetric Video Capturing habe sie aber noch keine Erfahrungen.

Was aber auch nicht verwundert. Denn Nele Urbach befindet sich aktuell noch im Studium. Seit 2020 studiert sie Produktion und Medienwirtschaft an der HFF München, hat sich dort auf Virtual Production und KI spezialisiert. Ihre Produktionsfirma FineLine Film hat sie 2024 nebenher gegründet, was, wie sie sagt, an der HFF aber nichts Ungewöhnliches ist. Was aber auch heißt, dass sie deswegen noch ein Jahr länger studieren wird. Mit ihrem Bruder Justin Urbach arbeitet sie seit 2018 zusammen. Gemeinsam haben sie mehrere Medienkunstprojekte gemacht. Dazu gehörte 2023 dessen Diplomarbeit Fractal Breeze im Fach Medienkunst bei Julian Rosefeldt an der Münchner Kunstakademie. Für diese bekam Justin Urbach den Preis der Erwin und Gisela Steiner Stiftung.

(c) Anna Maconi

Manuel Steitz

Manuel Steitz haben sie als Technical Director mit an Bord geholt, um für sie die „ganze Technik hinter dem Volumetric Video Capturing“ zu betreuen. Steitz hat Abschlüsse in Social Design, Industriedesign und Spatial Design. Er hat mit Wunderkammer Visual Engineering ein Studio für immersive Bildtechnik gegründet und an mehreren Filmproduktionen mitgewirkt. Wie Volumetric Video Capturing funktioniert? Man lässt „sehr viele Kameras in einem Kreis aufstellen und in der Mitte stehen zum Beispiel mehrere Schauspieler, die miteinander kommunizieren“, erklärt Urbach. „Diese Kameras nehmen das aus jeder Richtung auf und dann werden in der Postproduktion die Bilder zusammengelegt und erschaffen dadurch eine Art begehbaren Raum, den der User am Ende zum Beispiel durch eine VR Brille wahrnimmt“.

Dadurch wird es möglich, Filmszenen direkt als dynamische, dreidimensionale Räume einzufangen. Sogar komplexe Oberflächen und Materialien wie Lichtreflexionen, Haare oder Wasser werden präzise erfasst. Was nach der perfekten Illusion klingt. Aber genau das soll Frame Shift nicht sein. Stattdessen sollen die Mechanismen wie die Kamerasynchronisation, das Volumetric Video Capturing oder auch Glitches, also graphische Fehler, offengelegt werden und damit die Künstlichkeit der digitalen Welten erkennbar sein. Also ähnlich wie bei Brechts Verfremdungseffekt im Theater. Damit die Betracher*innen die Möglichkeit haben, das Gesehene zu hinterfragen. Bevor ihnen diese Technik vielleicht bald überall begegnet. Im Bereich der Werbung werde schon vieles davon eingesetzt, erzählt Nele Urbach. Deshalb kann es für die Produzent*innen, aber auch für die Rezipient*innen sicher nicht schaden, wenn sie wissen, wie dieser Bilder-Zauber funktioniert.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Jürgen Moises
Fotos: Fineline Film / Jesko Friederichs, Henri Nunn, Anna Maconi; FFF Bayern / Kurt Krieger
Digitales Storytelling und Gestaltung: Schmid/Widmaier

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