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und
Jazz

Der Kinofilm Köln 75 über eines der berühmtesten Konzerte der jüngeren Musikgeschichte ist die erste Koproduktion des Münchner Unternehmens Alamode Film, bisher bekannt für hochwertiges und international erfolgreiches Arthouse Kino. Federführend sind Sol Bony und Fred Burle mit One Two Films. Dem Team steht nun die Uraufführung bevor: in der Reihe Special Gala bei der 75. Berlinale.
Text von Chris Schinke
7 Minuten Lesezeit

Einen Film zu machen, der nicht nur vom Jazz handelt, sondern sich selbst wie Jazz anfühlt, das war das erklärte Ziel der Filmemacher*innen hinter Köln 75. Bei Jazzmusik-Kenner*innen dürften angesichts der Jahreszahl und des Ortes längst die Fan- und Alarmglocken schrillen. Die Rede ist natürlich vom legendären Improvisationsauftritt des Jazz-Stars Keith Jarrett, der sich mit seinem Konzert in der Kölner Oper Mitte der Siebzigerjahre endgültig in den Legendenhimmel spielte. Einen solch mythischen Auftritt filmisch in Szene zu setzen, bedurfte eines besonderen Ansatzes. Produzent Sol Bondy schildert die Anfänge des gemeinsam mit Regisseur Ido Fluk vorangebrachten Projektes so: „Als Ido uns die erste Drehbuchfassung schickte, stand auf dem Cover nicht wie sonst ‚written by Ido Fluk‘, sondern ‚Improvised into words by Ido Fluk‘. Das stimmte uns schon mal darauf ein, was da kommen würde.“

Was schließlich kommen sollte, ist ab der Premiere im Februar auf der Berlinale zu besichtigen. Köln 75 ist ein Konzertfilm über einen der kulturell einflussreichsten Konzertauftritte schlechthin – und obendrein einer, der die Hintergrundgeschichte davon erzählt, wie dieses Avantgardekunst-Event zustande kam. Und dessen Entstehen ist zutiefst mit dem Namen einer Frau verknüpft: dem der Promoterin und Musikmanagerin Vera Brandes.

Köln 75 läuft seit 13. März 2025 in den deutschen Kinos

Regisseur und Autor Ido Fluk hatte während der Covid-Pandemie einen Zeitungsartikel über Vera Brandes und das Köln Konzert gelesen. Er spürte, dass hier mehr verborgen lag als ein bloßes Musikereignis. Ihn und die Produzenten darunter auch die Koproduzent*innen und Verleiher des Films von der Münchner Alamode begeisterte sofort die Frage: Wer ist diese junge Frau, die in den 70er-Jahren fast im Alleingang ein Konzert auf die Beine stellt, das Musikgeschichte schreiben sollte? Fabien Arseguel drückt seine Begeisterung für den Stoff wie folgt aus: „Das Köln Concert, eines der meistverkauften Piano- und Jazzkonzerte mit über vier Millionen verkauften Alben, hat eine besondere Faszination – es ist quasi ein kulturelles Monument. Aber es ging dem Autor und Regisseur Ido Fluk nicht nur um das Konzert an sich, sondern auch um die Geschichte dahinter, den Lokalkolorit, der in Köln verankert ist. Zudem war das Konzept als Female-Empowerment-Geschichte, die von der jungen Konzertpromoterin Vera Brandes erzählt, ein entscheidender Faktor für uns.“

Mala Emde spielt Vera Brandes

Als die One Two Films der Produzenten Sol Bondy und Fred Burle bereits an einer Umsetzung arbeiteten, stieß während der Finanzierungsphase schließlich Alamode Film hinzu. Diesmal nicht nur in der gewohnten Rolle als Verleiher qualitativ hochwertiger Arthouse-Kinoproduktionen, sondern selbst auch als Koproduzent – für das Münchner Unternehmen eine Premiere. Elena Diesbach von Alamode meint dazu: „Die Idee der Firmengründung schwebte schon länger im Raum, aber dieser Film war die Initialzündung. Dass der FFF Bayern an uns und das Projekt geglaubt hat, war eine tolle Motivation und hat uns viel Power gegeben.“

Die im Filmprojekt steckende Power verkörpert auf geradezu ideale Weise die junge Darstellerin Mala Emde, die den Part der 16-Jährigen Vera Brandes übernahm. Emde zeigt die junge Frau als eine, die für die Musik brennt und beinahe alles zu geben bereit ist, um ihren Traum, eine einflussreiche Veranstalterin zu werden, Wirklichkeit werden zu lassen. Auch wenn es bedeutet, sich mit der eigenen Familie anzulegen. Köln 75 erzählt auch vom repressiven Gesellschaftsklima, das Mitte der 70er noch immer vorherrschte. Im Film verkörpert Ulrich Tukur eindrücklich das rückwärtsgewandte, patriarchale Milieu und den Vater, gegen den Vera Brandes sich auflehnt. Für Elena Diesbach ist diese Dynamik der Motor der Erzählung: „Vera möchte sich vom Milieu ihres Vaters, der Zahnarzt ist, abwenden. Und so eine Freiheit spüren, die das Grundgefühl dieser Zeit begründet – eine Aufbruchsstimmung.“

Vera Brandes will Keith Jarrett in der Kölner Oper auftreten lassen. Aber kurz vorher droht alles zu scheitern

Zusammen mit dem Caster Emrah Ertem haben die Produzent*innen in ganz Deutschland nach jungen Darsteller*innen gesucht. Besonderes Augenmerk galt dabei natürlich der Besetzung von Vera Brandes. Regisseur Ido Fluk zeigte sich offen dafür, jemanden komplett neu zu entdecken. Das Casting fand noch während Pandemie-Zeiten statt, die erste Runde musste mit Self-Tapes stattfinden. Produzent Fred Burle beschreibt die anschließende Findungsphase, die mit der Besetzung von Mala Emde endete, so: „Wir haben dann neun Finalistinnen ausgewählt und jedes Casting hat ca. 2,5 Stunden gedauert. Erst haben sie mit Ido einen Kaffee getrunken, bevor es an die Arbeit mit den Szenen vor laufender Kamera ging. Mala hat uns alle einfach umgehauen. Sie hat eine Leichtigkeit, Spielfreude und Präsenz, der man sich nicht entziehen kann, das haben alle im Raum gespürt.“

Als klar war, dass Mala Emde mit an Bord sein würde, schicken Sol Bondy und Fred Burle das Drehbuch an Susanne Wolff, die die Rolle der 50-Jährigen Vera übernehmen sollte. Wolff sagte umgehend zu. Ebenso Alexander Scheer, Ulrich Tukur oder Jördis Triebel, die jeweils die erste Wahl für ihre jeweiligen Rollen waren.

Das Konzert ist als legendär in die Musikgeschichte eingegangen

Eine Herausforderung stellte die Besetzung der Rolle von Keith Jarrett dar. Es galt, einen Schauspieler zu finden, der nicht nur das Aussehen Jarretts glaubwürdig verkörperte, sondern obendrein die fast meditative Ausstrahlung des legendären Jazzpianisten authentisch transportieren musste. Als die Wahl schließlich auf den Darsteller John Magaro fiel, zeigte sich nicht nur anhand seiner Piano-Fähigkeiten, dass es sich bei der Zusage des gerade vielgefragten Schauspielers um einen Glücksfall handelte. Sol Bondy: !Als wir dann irgendwann John Magaro fanden, waren wir darüber sehr glücklich, denn nicht nur konnte er Klavier spielen, er war auch schon als großartiger Charakter-Darsteller bekannt aus den Filmen von Kelly Reichardt zum Beispiel. Aber danach ist seine Karriere fast explodiert! Erst spielte er eine der drei Hauptrollen in dem A24 Film Past Lives, der es letztes Jahr bis hin zu einer Oscar-Nominierung geschafft hat, und vor kurzen hat er die Hauptrolle in Tim Fehlbaums September 5 gespielt, der vor allem international große Wellen geschlagen hat – und ja auch für einen Oscar nominiert wurde! Das ist natürlich ein unglaubliches Geschenk, auch für uns.“

Köln 75 ist die erste Koproduktion mit Alamode Film

Regisseur Ido Fluk war von Anfang an vom Mythos rund um das Köln Concert fasziniert – allerdings nicht allein wegen der musikalischen Leistung Jarretts, sondern auch wegen der Geschichten und Menschen dahinter. Für ihn eröffnete sich die Chance, eine faszinierende Begebenheit filmisch zu erkunden: das legendäre Konzert, das weltweit als Meilenstein gilt und doch ohne die Initiative einer kaum 18-jährigen Konzertpromoterin nie stattgefunden hätte. In langen Gesprächen mit Vera Brandes sammelte Fluk Details, die über die gängigen „Konzertlegenden“ hinausgehen. Ihn interessierte vor allem, wie sich im Schicksal einer jungen Frau die Themen Aufbruch, Selbstbehauptung und künstlerische Freiheit der 1970er-Jahre bündeln. Gleichzeitig reizte ihn der kreative Umgang mit begrenzten Mitteln – etwa der Verzicht auf die Originalaufnahmen. So konnte er ein Stück Zeitgeschichte inszenieren, das Jazz ebenso feiert wie die Menschen, die hinter dem Rampenlicht oft unsichtbar bleiben.

Köln 75 ist auch eine Generationengeschichte, eine Erzählung über die 70er-Jahre in Deutschland, eine Feel-Good- und Female-Empowerment-Geschichte. Der Film hat so viele Aspekte, und daher glauben wir daran, dass er ein breites Publikum finden kann“, so Fabien Arseguel von Alamode. Die nun auf der Berlinale anstehende Premiere ist für das Kreativteam ein emotionaler Höhepunkt, auf den alle beim Dreh Beteiligten hinfiebern. Beim Verleih in München ist man sich sicher, dass man mit einem tollen Film nach Berlin fährt.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Chris Schinke
Fotos: Wolfgang Ennenbach / One Two Films / Alamode Film
Gestaltung: Schmid/Widmaier

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