It’s a
Girl’s
Day!

In etlichen wichtigen kreativen Berufen hinter der Kamera wirken immer noch weniger Frauen als Männer. Um das zu ändern, veranstaltet die HFF München erstmals einen Girl’s Day am 3. April und lädt 30 Teilnehmerinnen* für einen Tag zu sich ein, um die Berufe Kamerafrau* und VFX-Supervisor* kennenzulernen. Die Plätze waren innerhalb von 24 Stunden ausgebucht.
Text von Anna Steinbauer
6 Minuten Lesezeit
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Eine Frau als Chefin? Nicht nur gesamtgesellschaftlich gesehen sind Frauen in Führungspositionen leider häufig noch eine Rarität. Laut einer aktuellen Studie, die Tausende Filmproduktionen aus den Jahren 2005 bis 2020 aus gut 30 Ländern untersucht hat, wird in der deutschen Filmbranche erst 2041 Geschlechter­gerechtigkeit herrschen. Die Filmindustrie braucht nicht nur mehr Frauen, sondern auch in den richtigen Positionen, so die Ergebnisse der Studie. Das findet auch Sinje Gebauer, die seit dem Wintersemester 20024/2025 Professorin für Visual Effects Producing an der HFF München ist: „Auf die Repräsentation kommt es an. Es ist eindrucksvoll für junge Mädchen, wenn die Chefin eine Frau ist. Wir sollten uns alle bemühen und Zeit investieren, damit dieses Bild zur Normalität wird.“

Ein Blick in die Filmbranche zeigt: Während in der Produktion die Gender­verhältnisse recht ausgeglichen sind, herrscht in technischeren Arbeits­bereichen oftmals eine Schieflage. „Bei der Bildgestaltung und den visuellen Effekten sind Männer überrepräsentiert. Da gibt´s noch was zu tun“, sagt Gebauer. Deshalb veranstaltet die HFF München erstmals einen Girls‘ Day am 3. April und lädt 30 Teilnehmerinnen* für einen Tag zu sich ein, um die Berufe Kamerafrau* und VFX-Supervisor* kennenzulernen und alles über ein mögliches Studium und Karrieremöglichkeiten in diesen Gebieten zu erfahren. Bedarf und Interesse sind wohl da: Die Plätze waren innerhalb von 24 Stunden ausgebucht, berichtet die VFX-Professorin. Die jungen Frauen werden an diesem Tag die Gelegenheit dazu haben, Workshops zu besuchen, im Studio zu drehen, ein bisschen VFX zu machen und das Haus kennenzulernen. Am wichtigsten sei es ihr, dass die Filminteressierten „die Scheu verlieren und den Film nicht als fertiges Werk sehen“, sagt Gebauer.

Die HFF München läuft erstmals zum Girls’ Day ein

Diese Erkenntnis war für die Berufswahl der aus Ludwigsburg stammenden Professorin entscheidend. Nach dem Abitur auf dem Gymnasium, das sich in unmittelbarer Nähe zur Filmakademie Baden-Württemberg befand, nahm ein Freund sie mit zu einem Drehbuchseminar. „Das hat mir zum ersten Mal vermittelt, dass man an Filmen arbeiten kann, sie sogar bearbeiten kann“, erzählt Gebauer beim Tee in ihrem neuen Büro an der HFF im 4. Stock. Vorher sei sie eher „passive Konsumentin“ von Film gewesen, so die VFX-Spezialistin, die seit 15 Jahren in München lebt. „Aber wo die ganze Magie herkam, davon hatte ich keine Ahnung“. Nach einigen Produktionsassistenzen und Praktika, unter anderem bei Mondlandung von Till Endemann, wusste sie, dass ihr die Arbeit in der Produktion gefällt. „Sachen organisieren, das ist mein Ding. Ich mag es gerne, wenn Sachen rund laufen, sich die Leute wohlfühlen und alle dem nachgehen können, was sie gerne machen.“

2004 begann sie Produktion an der Filmakademie in Ludwigsburg zu studieren, wo sie sich ab dem dritten Studienjahr auf Animations- und VFX-Producing spezialisierte. Schon während des Studiums arbeitete sie gerne und viel mit Leuten aus dem Bereich visuelle Effekte zusammen – bis heute. „Das sind einfach sehr nette Menschen“, antwortet Gebauer, wenn man sie fragt, warum sie sich für den VFX-Bereich entschieden hat. Besonders schätzt sie den Informationsaustausch untereinander, der gerne gesehen und gefördert wird. „Es ist schon ein bemerkenswertes Miteinander, weil man sich so direkt die Geheimnisse verrät“, sagt die Producerin. Neueste Erkenntnisse auf Konferenzen und open source zu teilen, damit sich Industriestandards etablieren, wovon wiederum alle profitieren, sei gängige Praxis. An VFX komme man außerdem in keinem Film vorbei, so Gebauer: „Der größte Teil an visuellen Effekten im Film ist der, den man nicht sieht.“

Prof. Sinje Gebauer

Der interessante Mix aus technologischer und künstlerischer Affinität und Organisation, die es bei der Menge an Daten braucht, die verarbeitet werden, reizte die Professorin an dem Beruf als VFX-Producer. „Das macht man nicht mit einem Excel-Sheet“, bemerkt sie trocken. Überhaupt wird im Gespräch schnell klar, dass Gebauer genau weiß, was sie will. Karriereentscheidungen trifft sie überlegt und in logischen Schritten, die sie systematisch weiter nach oben führen – stets getrieben von Wissbegier und dem bewusst gefassten Entschluss, Verantwortung übernehmen zu wollen und auch zu können. „Ich war auch im Studium schon eher fordernd“, verrät sie augenzwinkernd. Nach ihrem Abschluss arbeitete Gebauer zunächst als freie VFX-Producerin – eine Position, die es zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich gab – weil sie lernen wollte, wie unterschiedlich Firmen arbeiteten. Zusammen mit einer Kollaboration aus Freelancern im „Keller“ in der Adelheidstraße, arbeitete sie an vielen tollen Projekten wie Das kleine Gespenst oder Die kleine Hexe.

In ihrer ersten Festanstellung bei Scanline VFX als interim Head of Production und Senior VFX-Producer, bot sich Gebauer dann die Möglichkeit, Dinge erstmals auf struktureller Ebene zu verändern. Sie selbst bezeichnet sich als „Riesenfan“ von Effizienz, die sie gern von Effektivität abgrenzt: „Man kann VFX machen, aber man kann VFX auch geil machen. Wenn es einem gelingt, eine Struktur aufzubauen, kann man dafür sorgen, dass die Leute sich maximal ihrem Job, ihrer Kunst und ihrem Interesse widmen können. Das ist meiner Meinung nach das Ziel innerhalb einer Firma.“ Dass sie obendrein ein gutes Gespür für Kommunikation und Mitarbeiterführung besitzt, liest man aus ihrem Lebenslauf: 2019 baute die Ludwigsburgerin als Head of Studio das neu gegründete Studio Isar Animation auf, wo innerhalb von 18 Monaten das erste studioeigene Kinofilmprojekt Biene Maja 3 verwirklicht wurde. 2021 übernahm Gebauer die Studioleitung und Geschäftsführung der Rise FX South GmbH, wo sich nach zwei Jahren die fest angestellte Belegschaft von 20 auf über 50 Mitarbeiter*innen erhöhte und zuletzt Megalopolis und Hagen umgesetzt wurden.

Copyright: HFF München / Stella Traub

„Man kann VFX machen, aber man kann VFX auch geil machen.“

Seit Oktober 2024 ist Gebauer nun Professorin an der HFF München, wo sie schon seit zehn Jahren unterrichtet. Wie sie selbst auf ihre Karriere blickt? „Ich habe mir den Raum gegeben, mich weiterzuentwickeln und bin stark den Dingen gefolgt, die mich interessieren“, sagt die VFX-Spezialistin, die nebenher gerade noch ein Psychologiestudium angefangen hat. Mittlerweile ist sie gut angekommen inmitten des Kunstareals, von der Hochschule, ihrem Team und den Studierenden ist sie begeistert. Sie habe ein großes Interesse daran, Wissen gut zu vermitteln und weiterzugeben, ihre Tür stehe allen offen. Mit der VFX-Professur von Jürgen Schopper und ihrer Stelle sieht sie die HFF für alles, was VFX-Producing betrifft, für die Zukunft gut aufgestellt. Und noch etwas ist mit Gebauers Berufung hergestellt: Die Parität bei den Professuren. Es gibt nun genauso viele Professoren wie Professorinnen am Bernd-Eichinger-Platz.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Anna Steinbauer
Fotos: HFF München / Robert Pupeter, HFF München / Stella Traub
Digitales Storytelling und Gestaltung: Schmid/Widmaier

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