„Plotten für
Film oder
für Romane
sind zwei
Paar Schuhe“

Im Herbst 2024 gewann Clemens Meyer für seinen dritten Roman den Bayerischen Buchpreis, im Januar 2025 wurde er mit dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen geehrt, und im April 2025 erhält er den Preis der LiteraTour Nord. In dem monumentalen Werk Die Projektoren hat der Leipziger Autor seine am Film orientierte literarische Cut-up-Technik perfektioniert: Über rund 1.050 Seiten läuft eine mal gegeneinander geschnittene, mal trickreich in sich verschlungene Erzählung. Die siebzehn Kapitel stehen je für sich, zusammen ergeben sie ein Epos. Ein Gespräch über Karl May in der Literatur und im Kino, über das Phänomen des Isar-Westerns und den Einfluss des Films auf Meyers Schreiben.
Interview von Tina Rausch

Ihr Roman Die Projektoren spielt zu großen Teilen im ehemaligen Jugoslawien, genauer: im Velebit, wo in den 1960er-Jahren die Winnetou-Filme gedreht wurden. Er ist eine Hommage ans Kino und an Karl May – bei Ihnen Dr. May genannt –, einige Kapiteltitel referieren auf seine Bücher. Was war für Sie zuerst da: die Filme oder die Bücher?

Ich glaube, es war das Buch Der Ölprinz, eine Erzählung von Karl May, die mir mein Onkel Mitte der 1980er-Jahre zum Geburtstag schenkte oder zu Weihnachten. Da liefen die Filme auch gerade an in den Kinos der DDR – sie hatten dort ja erst 20 Jahre nach ihrem Entstehen Kino-Premiere. Parallel dazu begann der Verlag Neues Leben, die Bücher auch in der DDR zu verlegen. Da merkte ich aber ganz schnell: Die Filme, auch die ersten – also Der Schatz im Silbersee, Winnetou 1 bis 3 –, die noch ganz gut waren, hatten mit den Büchern eher wenig zu tun …

 

Hatten Sie bei Ihrem Schreiben dennoch ganz konkrete Szenen aus den Winnetou-Filmen mit Pierre Brice und Lex Barker vor Augen? Ihre Hauptfigur der Cowboy trägt zum Beispiel ein kariertes Dreieckstuch, unter dem sich eine Wunde verbirgt, die der von Old Shatterhand entspricht.

Nein, das mit der Narbe ist Zufall. Ursprünglich war geplant, dass der Cowboy als Junge bei den Partisanen von den Deutschen gehängt wird, aber überlebt. Jetzt gibt’s das im Roman nur noch als Episode eines Groschenromans, den der Cowboy in den 1970ern in der BRD schreibt.

Clemens Meyer, Die Projektoren, Verlag S. Fischer, 2024, 848 Seiten,
ISBN: 978-3-10-002246-2

Ein weiterer literarischer Schauplatz bei Ihnen ist eine „deutsche Stahlstadt“. Karl May reiste im Jahre 1897 durch Bayern und nannte es „seine geistige Heimat“. Einige Jahre später kam hier der sogenannte Isar-Western auf.Haben Sie sich bei Ihrer Recherche auch damit beschäftigt?

Ich kenne den Film Tschetan, der Indianerjunge  …

 

… der erste Spielfilm von Hark Bohm von 1973. Ursprünglich wollte er ihn auch im ehemaligen Jugoslawien drehen, schwenkte dann aber aufs bayerische Voralpenland um.

Ja, aber für mich spielte Bayern für die Projektoren keine Rolle. Obwohl: In München, im Mathäser Filmpalast, hatten einige der Karl-May-Filme in den 1960ern Premiere.

 

Sie wurden von Münchner Firmen wie Rialto Film und Constantin Film produziert, teils in Kooperation mit der jugoslawischen staatlichen Filmfirma Jadran Film. Ihren Büchern merkt man die Begeisterung fürs bewegte Bild an. Ob Collage, Cut-up, Kameraauge oder Überblendung von Szenen: Sie verwenden für Ihr Schreiben viele Techniken aus dem Film.

Ich bin seit frühester Kindheit begeisterter Kinogänger. Anfangs mit meinem Vater oder der Mutter, dann auch oft allein. Dass das Kino, der Film, mein Schreiben beeinflusste, begann erst in der Jugend, nach der Wende, Mitte der 1990er.

Bayerischer-Buchpreis-Träger Steffen Mau (4. v. li.) und Clemens Meyer (4. v. re.) sowie Donna Leon, ausgezeichnet mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten, im Kreise der Jury und der Veranstaltenden

Gab es einen bestimmten Erweckungsmoment?

Als ich das Kino des New Hollywood entdeckte oder Es war einmal in Amerika das erste Mal sah. Überblendungen, Cuts, das Fließen der Zeit … Wie das in Literatur zu verwandeln ist, hat mich immer interessiert. Aber schon die Vertreter der klassischen Moderne, James Joyce, John Dos Passos oder auch Alfred Döblin, sind ohne die Einflüsse des Kinos gar nicht denkbar.

 

Michaela Krützen, Professorin für Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, meinte kürzlich, dass sie auf einen Spielfilm in der Tradition der Isar-Western am Flaucher wartet. Wär das nicht ein Stoff für Sie?

Ich glaube nicht.

 

Ich frage, weil Sie auch Drehbücher verfassen – unter anderem für den Tatort und den Polizeiruf 110. Wie unterscheidet sich das Plotten dafür vom Plotten für Romane?

Das sind zwar zwei Paar Schuhe. Wer gute Short Storys schreiben kann, die eher klassisch geplottet sind, eignet sich aber auch fürs Drehbuchschreiben. Und Psychologie, plausible Charaktere, logischer Fortgang einer Handlung gehören zum Rüstzeug des Schriftstellers – all das ist auch wichtig beim Schreiben für den Film.

 

Für das Drehbuch für In den Gängen haben Sie 2015 gemeinsam mit Thomas Stuber den Deutschen Drehbuchpreis erhalten. Der Kinofilm basierte auf der gleichnamigen Kurzgeschichte in Ihrem Erzählband Die Nacht, die Lichter. Wie steht es mit der Verfilmung von den Projektoren? Gibt es Pläne?

Nein, bisher nicht. Aber ich bin sicher, dass der Roman als Mini-Serie verfilmt werden wird.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Tina Rausch
Fotos: Yves Krier, Bayerische Staatskanzlei
Redaktion und digitales Storytelling: Olga Havenetidis
Gestaltung: Schmid/Widmaier

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