Reit Here, Reit Now

Mit dem FFF-geförderten Game Die Legende von Khiimori baut das größte unabhängige Entwicklungsstudio Bayerns auf eine lange Tradition der Pferdespiele auf. Doch jetzt wollen es die Münchner von Aesir Interactive wissen: Durch Mainstream-Appeal und mächtige Fördersummen ist das Reiterspiel in der Mongolei schon jetzt ein Interneterfolg.
Text von Pascal Wagner
7 Minuten Lesezeit
D

Die Mongolei, unendliche Weiten. Im Fokus eine junge Reiterin, das Pferd im Galopp durch die Steppe, die Satteltaschen voll mit Briefen und Paketen. Kein Spin-off von Spirit – Der wilde Mustang, sondern das neueste Videospiel von Aesir Interactive, dem hochspezialisierten Erfolgsteam aus München. Mit Berufssimulationen und mehreren erfolgreichen Umsetzungen der Ostwind-Buchfranchise in Games für Pferdefans eroberte sich das Studio dereinst einen Platz unter den erfolgreichsten deutschen Entwicklungsteams. Und mit Die Legende von Khiimori, dem aktuellen FFF-geförderten Pferdespiel, bricht eine neue Ära für Aesir an.

Dabei begann zunächst alles ganz bescheiden. „Aesir Interactive begann 2013 als kleines Studententeam aus fünf Leuten in einem einzigen Raum in der MediaDesign Hochschule, getragen von Idealismus und dem Glauben daran, dass man auch ohne große Mittel Spiele erschaffen kann, die etwas bedeuten,” erzählt Andreas Sirch, CEO von Aesir. „Damals konnten wir erste kleine Spiele und Non-Game Applikationen entwickeln, die uns in den ersten drei Jahren ein kleines Team von ca. 10 Personen gesichert haben. Mit Subsiege entstand zum ersten Mal das Gefühl, ein richtiges Games-Studio zu sein, ein Team mit Ambition und einer klaren Richtung.”

2017 schließlich folgte eine Kooperation, die Aesir für lange Zeit prägen sollte: Die Zusammenarbeit mit Alias Entertainment, IP-Halter der Kinderbuch- und Kinderfilmserie Ostwind, beziehungsweise Windstorm, im internationalen Umfeld. „Ostwind war damals der entscheidende Startschuss und hat unsere Marschrichtung klar geprägt. Mit dieser IP begann für uns der Weg in jenes Genre, das heute ein starkes Standbein geworden ist nämlich  Open World Adventure Games mit tiefem Pferdebezug,” sagt Sirch. „Durch unser Münchner Netzwerk und dank unseres damaligen Business Developers Stefan Kreutzer kamen wir erstmals mit dem IP Halter Alias in Kontakt. Die Chemie hat von Anfang an gestimmt, und schon bei den ersten Gesprächen haben wir gemeinsam über die spielerische Ausgestaltung des Ostwind-Universums philosophiert. Diese Offenheit und das gegenseitige Vertrauen haben es uns ermöglicht, die Welt der erfolgreichen Filme und Bücher nicht nur ins Spiel zu übertragen, sondern sie behutsam weiter auszubauen. So entstand unser Einstieg in eine Marke, die für viele Menschen emotional tief verankert ist und für uns der Beginn eines Genres, das wir bis heute mit Leidenschaft weiterentwickeln.”

Zwischen 2017 und 2024 entstanden so drei Ostwind-Spiele bei Aesir, dazu mit Horse Tales: Rette Emerald Valley ein weiteres Pferdespiel außerhalb der Lizenz gemeinsam mit dem französischen Publisher Microids. Die Ostwind-Kooperation festigte Aesirs Kompetenz im Bau offener Welten und systemischer Simulationen, und ermöglichte dem Studio so auch den fast schon natürlichen Schritt zu ihrem zweiten Standbein, den Berufssimulationen. Erst in Form der Reihe Police Simulation: Patrol Officers, 2025 dann mit einem Ausflug in die Arbeit der Rettungssanitäter mit Ambulance Life. Sirch macht den Zusammenhang klar: „Die technische Komplexität einer systemischen Sandbox Entwicklung erfordert ein enormes Investment in Zeit, Technologie und Expertise,” erklärt er. „Grundsätzlich entwickeln wir Spiele, die auf offenen Welten, systemischen Sandbox Strukturen und freier Erkundung basieren, ohne starre lineare Vorgaben. Genau in diesem Ansatz lassen sich unsere beiden stärksten Genres ‚Simulationen‘ und ‚Open World Adventure‘ wunderbar vereinen. Das Simulationsgenre gehört weltweit zu den größten und am stärksten wachsenden Bereichen der Branche und bietet enorme Skalierungsmöglichkeiten, ohne die kreativen oder wirtschaftlichen Perspektiven einzuschränken.” So steckt in jeder Berufssimulation auch ein kleines bisschen der Pferdespiel-Abstammungslinie, wenn auch nur ideell.

Ostwind hat Aesir also dahin verholfen, wo das mittlerweile zweitgrößte Spielestudio Bayerns nach Medienriese Plaion und damit größte inhabergeführte Entwicklungsstudio des Freistaats nun steht. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen geht das Studio den Weg der kommenden Pferdesimulation nun alleine. Denn was als Ostwind: Die Legende von Khiimori startete, verlor Ende 2025 den Franchise-Zusatz. Laut Sirch eine Konsequenz von Scope und Ausrichtung des Spiels: Während sich die Ostwind-Titel auf die etablierte, junge Zielgruppe ausrichteten, sah man mit Khiimori eine echte Chance, außerdem die immer stärker relevante Gruppe erwachsener Pferde-Enthusiast*innen und Open-World-Fans im Allgemeinen anzusprechen. „Diese Erkenntnisse entstanden nicht im luftleeren Raum, sondern wuchsen organisch aus Playtests, der Kickstarter-Kampagne und ersten Dev Diaries, die ein sehr klares Bild der Wünsche und Erwartungen unserer Community zeichneten. Genau dort lag jedoch auch die Schwierigkeit. Viele der neuen Ideen und spielerischen Anforderungen ließen sich nicht ohne Weiteres mit den Werten und dem Schutzbedürfnis der eher kinder- und jugendorientierten Ostwind-Marke vereinbaren. Die kommenden Entwicklungsphasen, insbesondere Early Access, der auf kontinuierliches Spielerfeedback angewiesen ist, hätten uns gezwungen, entweder wesentliche Teile der Marke stark zu verändern oder zentrale Wünsche der Community auszuklammern. Beides wäre der Ostwind-Welt gegenüber nicht gerecht geworden.” Die neue Marke befüllt Aesir nun gemeinsam mit Publishing-Urgestein Mindscape aus den USA. Bei der Entwicklung hilft außerdem das Bayreuther Studio NightinGames.

 

Aufgrund der neuen Perspektiven und Möglichkeiten, die diese Freiheit mit sich bringt, will Aesir Khiimori auch gar nicht zu sehr mit vorherigen Titeln vergleichen. „Ein direkter Vergleich ist tatsächlich schwierig, denn weder die bisherigen Ostwind-Spiele noch Horse Tales verfolgen einen so stark auf den Mainstream ausgerichteten Ansatz wie unsere neue Vision. Am besten lässt sich das anhand der USPs von Die Legende von Khiimori erkennen. Dieses Spiel öffnet das Pferdespiel-Genre in einer Weise, die es so bislang nicht gegeben hat. Spielerinnen und Spieler werden nicht in einen klassischen Stallalltag geführt, sondern als Kuriere in ein historisches Zentralasien versetzt, wo Erkundung, Reiten und Lagerleben zu echten Abenteuern verschmelzen. Die raue Schönheit des 13. Jahrhunderts, von eisigen Gipfeln über weitläufige Steppen bis zu glühenden Wüsten, bildet den atmosphärischen Rahmen, getragen von hochwertigen Bildern und eigens komponierter, authentisch mongolischer Musik. Pferde sind in Khiimori keine reinen Reittiere, sondern Gefährten mit Persönlichkeit, Entwicklung und Bedeutung.” Die Vision kommt an: Bereits mit der Demo verbuchten Aesir massive internationale Aufmerksamkeitserfolge in Form viral gegangener Artikel auf PC Gamer, Polygon und anderen wichtigen Medien. Nicht zuletzt auch, weil die Schweizer Pferdespielberaterin Alice Ruppert, Autorin des einzigartigen Pferdespielblogs The Mane Quest, mit am Community- und Social-Media-Management des Spiels beteiligt war.

Der Aufstieg Aesir Interactives zum Münchner Primus ist damit eine echte Vorzeige-Erfolgsgeschichte, an der auch die bayerischen und bundesrepublikanischen Förderschienen stark mitbeteiligt waren. Bereits 2016 förderte der FFF das erste Ostwind-Spiel mit 78.000 Euro Prototypenförderung, eine Produktionsförderung in Höhe von 300.000 Euro für den zweiten Teil folgte 2018. Die Legende von Khiimori bekam ebenfalls 200.000 Euro für die Produktion zugesprochen, während der Titel aus der Bundesförderung sogar auf 1.471.162 Euro zugreifen kann. „Ohne die ursprüngliche FFF Förderung hätten wir das Projekt im Jahr 2022 weder starten können noch in dieser Form starten wollen. Damals war es bewusst kleiner gedacht, getragen von einem Team von acht bis zehn Personen, dass die Grundvision und erste Systeme entwickeln sollte,” zeigt Sirch die Timeline auf. „Erst die kumulierte Förderung durch den Bund hat das Projekt in die Größenordnung gehoben, die seiner tatsächlichen Komplexität gerecht wird. Mit diesen zusätzlichen Mitteln konnte das Spiel auf eine Teamgröße und technische Tiefe wachsen, die für ein modernes Open World Projekt dieser Art notwendig ist. In Kombination mit den Mitteln unseres Publishers und unserem eigenen, nicht unerheblichen Investment wurde daraus erst ein Projekt, das wirtschaftlich tragfähig und inhaltlich ambitioniert realisierbar ist.”

Mit ihrer Vision und Die Legende von Khiimori im Holster sind Aesir dabei auf dem besten Weg, noch lange den Erfolg zu feiern, den ihre hochspezialisierte Nische mit sich bringt. Nicht zuletzt drei Nominierungen beim Deutschen Computerspielpreis in den letzten drei Jahren, aber auch der Sieg beim Pädagogischen Medienpreis 2023 für Horse Tales bestätigen das Studio auf ihrem Weg. Im Büro an der Schwanthalerhöhe ist man stolz darauf, was man tut, und was man noch ganz lange weitermachen will: „Spiele, die Haltung haben, die technologisch überzeugen und die man mit Stolz als ‚made in Bavaria‘ bezeichnen kann.”

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Pascal Wagner
Redaktion: Olga Havenetidis

Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

Zum nächsten Artikel

Programm­prämien