Das DOK.fest München hat in eurem ersten Jahr als Leiterinnen wieder einen Besucherrekord aufgestellt. Insgesamt verzeichnet ihr 58.000 Besucher*innen. Im Vergleich zum letzten Jahr kamen 4.500 mehr Menschen in die Kinos. Wie erklärt ihr euch diesen großen Erfolg?
Adele Kohout: Wir freuen uns sehr, dass unsere Neuerungen offenbar Früchte getragen haben. Wir hatten uns überlegt, wie wir das Festival sinnvoll und nachhaltig mit neuen Facetten, Farben und Nuancen erweitern können. Wir hatten den Wunsch, dass sich eine Euphorie einstellt. Das hat sich gerade in den Kinos widergespiegelt, was ich sehr, sehr erfreulich finde. Unser Konzept ist aufgegangen! Zum einen haben wir die Programmstruktur, die bereits letztes Jahr aufgebohrt wurde, weiterentwickelt. Den thematischen Reihen haben wir jeweils einen „Signature-Film“ vorangestellt und in „Fokus-Talks“ das Thema vorgestellt. Das Rahmenprogramm zu einzelnen Filmen haben wir als weitere Öffnung gesehen. Die Filme stehen natürlich im Fokus und für sich, aber sie enden nicht mit dem Abspann und auch nicht mit dem Besuch des Films.
„Unser Konzept ist aufgegangen“
In den Fokus-Talks treffen Expert*innen und oft auch Protagonist*innen außerhalb des geschützten Raums des Films aufeinander. Welche Talks fandet ihr besonders gelungen?
Adele Kohout: Finding Connection aus der Reihe „Visions of the Future“ fand ich ein tolles Gespräch. Da waren der Regisseur Florian Karner, zwei Protagonist*innen und der Geschäftsführer der Companion-Apps vor Ort. Die Fragen, die der Film stellt, waren: Wie bauen sich Beziehungen heutzutage auf, wenn man zum Beispiel aus toxischen Beziehungen kommt? Wo kann man vielleicht Hilfe finden? Wie entwickeln sich andere Arten von Beziehungen? Es ging um die Mensch-Maschine-KI-Beziehung. Die Protagonisten haben von ihren eigenen Erfahrungen gesprochen. Man hat sie wirklich von der Leinwand heruntertreten sehen! Eine Protagonistin erzählte mit spürbarem Stolz, dass ihr KI Partner „Randy“ ihr in einer schwere Lebensphase Halt gegeben hat und sie dabei unterstützt hat, neue Kraft zu schöpfen. Das sind Momente, die das Gesehene noch nahbarer, greifbarer und menschlicher machen.
Maya Reichert: Ein anderes Beispiel ist der Fokus-Talk zu Becoming Kim in der Reihe „Beziehungsweise“. Aus der sehr persönlichen Perspektive der Regisseurin Susanne Kim wird erzählt, wie du in einer langjährigen Beziehung an den Punkt einer Midlifecrisis geraten kannst. Als sie eigentlich gehen möchte, nimmt die Regisseurin die Kamera in die Hand und erzählt von ihrer Beziehung. Im klassischen Filmgespräch im Kino ging es um die Form des Films, um Regieentscheidungen und darum, was das Filmemachen für die Regisseurin bedeutet hat. Im Fokus-Talk nach einem anderen Screening war dann eine systemische Psychologin anwesend, mit der wir generell über Beziehungen gesprochen haben und darüber, wie diese Beziehung in diesem Film dargestellt wurde.
Lasst uns über Trends sprechen: Welche Filme sind beim Publikum besonders gut angekommen?
Adele Kohout: Wir haben einen absoluten Publikumsliebling. Die Überraschung dieses Jahr war Watching People Watching Birds von Ulrike Franke und Michael Loeken. Der ist durch die Decke geschossen. Man sieht Menschen dabei zu, wie sie Vögel beobachten, und erfährt, welche Gedanken sie sich dabei machen. Der Mensch steht im Fokus, obwohl eigentlich das Tier den Ausgangspunkt der Erzählung bildet. Das hat beim Publikum viel aufgemacht über die Beziehung zwischen Mensch und Tier und darüber, wie wir mit unserer Umwelt umgehen. Er hatte eine Zartheit in der Erzählung, die sich wunderbar übertragen hat.
Maya Reichert: Das breite Publikum war da: sowohl die Bird-Watchers als auch das ganz klassische Kinopublikum kam. Viele Menschen kamen zur Vogelwanderung, obwohl sie kein Kinoticket hatten und gingen danach gemeinsam ins Kino. Hier zeigt sich, wie die Verbindung zwischen dem Film und den durch das Rahmenprogramm neu geschaffenen Räumen das Publikum auf sinnvolle Weise erweitern lässt.
Adele Kohout: Ein anderer Publikums-Magnet war Regina Schillings Ingeborg Bachmann, der durch die hybride Form angezogen hat und natürlich auch durch Sandra Hüller. Bachmann hat außerdem dieses Jahr den 100. Geburtstag. Finding Connection lief ebenfalls sehr gut, und auch Maria Wischnewskis Helene Weigel.
Maya Reichert: Einen Trend, den wir aus unserem Programm ableiten können, ist, aus persönlicher Sicht eine Geschichte zu erzählen und daraus gesellschaftliche Zusammenhänge zu entfalten. Das sind Filme, die aus einer sehr subjektiven Perspektive erzählen, beobachtend, mit einer intelligent gebauten Dramaturgie, die kein klassisches Voiceover braucht. Das Verständnis für Dramaturgie und Plot Points – für die Frage, wann du welche Bilder zeigst – hat sich geschärft und dem Spielfilm genähert. Indira Geisels Politik ist persönlich ist ein Beispiel dafür. Absolut „character driven“ gibt er ein Verständnis von Politik und erzählt zugleich über eine Vater-Tochter-Beziehung.
Adele Kohout: Interessant ist auch, dass sich viele dieser Tendenzen in bayerischen Produktionen wiederfinden. Einige der FFF-geförderten Filme im Programm und unter den Preisträger*innen haben genau diese sehr persönlichen und zugleich gesellschaftlich relevanten Erzählweisen aufgegriffen. Und es gibt aktuell auch viele Archivfilme. Man verlässt sich auf die Bilder, die zu einer bestimmten Zeit entstanden sind. Sie vertrauen auf die erzählerische Kraft dieser historischen Bilder.
Wie erklärst du dir die Beliebtheit des Archivs?
Adele Kohout: Es gibt ja mittlerweile synthetische Bilder, die mit KI generiert werden können. Man hat ein Bedürfnis nach Echtheit und Wahrhaftigkeit, nach dem echten Bild von damals. Wobei ja auch ein Dokumentarfilm nicht sofort gleich die Wahrheit ist, er ist immer eine künstlerische Erzählung mit der Wirklichkeit. Hybride Formen ergänzen das. Die verschiedensten klassischen Formen des Dokumentarfilms werden aufgebrochen und nicht mehr so klassisch bedient.
Könnt ihr einen Unterschied zwischen dem Kinobesuch und dem Online-Zugriff bemerken?
Adele Kohout: Was gut im Kino läuft, wird auch online gerne gesehen. Die Mund-Propaganda wirkt auch für die @Home-Festivaledition.
Maya Reichert: Unsere Moderator*innen sagen das auch bewusst bei der Begrüßung im Kino: Der erste und beste Ort, an dem Filme gesehen werden sollen, ist das Kino. Ein Beispiel: Laura Kansys Hello, New Body, How Are You today? ist ein Kurzfilm, der die Erkrankung ME/CFS filmkünstlerisch erzählt, unter anderem auch mit Schwarzbild. Wie ich nach der ersten Sichtung am Monitor den Film im Kino anders wahrgenommen habe, ist beeindruckend. Und gleichzeitig ist es toll, dass der Film online verfügbar ist. Für Menschen, die diese Erkrankung haben und nicht in ein Kino kommen können. Der Film hat den All-inclusive-Dokumentarfilmpreis 2026 erhalten.
Ihr seid vom Vorstand des Trägervereins des Festivals direkt aus dem Team bzw. der stellvertretenden Position als Nachfolge von Daniel Sponsel in die neue Leitung berufen worden. Wie findet ihr euer eigenes Profil?
Adele Kohout: Da haben wir ein großes Erbe angetreten. Wohin Daniel das DOK.fest München gebracht hat, hat man in der 40. Edition noch einmal gesehen. Es ist heute eines der renommiertesten Dokumentarfilmfestivals und steht für den künstlerisch wertvollen Dokumentarfilm, besondere Erzählweisen und gesellschaftliche Relevanz. In dieser Tradition sehen wir uns vereint. Der Auftrag, den wir haben, lautet: Dass das Festival eine Sichtbarkeit in der Branche hat und eine Plattform für Filmschaffende ist, die ihre Werke gut präsentiert finden und damit selbst mehr Sichtbarkeit bekommen. Wir haben dem bekannten Orange nun eine neue Farbe hinzugefügt: Wir wollen die Stärken des Festivals weiterführen und zugleich neue Zugänge für Publikum, Filmschaffende und die Branche schaffen.
Die Farbe Lila ist mit Weiblichkeit konnotiert …
Adele Kohout: Sie spricht in der Kulturgeschichte nicht nur das Weibliche an, sondern auch viele andere Facetten. Das Lila steht für Offenheit und Vielfalt der Perspektiven. Insofern wollen wir zeigen, welche Fülle möglich ist. Wir haben unseren Plakaten auch ein Scribble hinzugefügt. Damit wollen wir sagen: Wir schaffen Verbindungen, Knotenpunkte, eine Linie und kreatives Chaos.
Die Verbindungslinien führen mich zu einem Thema außerhalb des Festivals. Daniel hat sich in verschiedenen Verbänden immer stark filmpolitisch engagiert und Lobbyarbeit für den Dokumentarfilm gemacht. Habt ihr vor, euch in ähnlicher Weise zu engagieren?
Adele Kohout: Wir bringen unsere Erfahrungen in unterschiedliche Verbände und Netzwerke ein – die AG DOK, die AG Filmfestival, die AG Filmvermittlung und auch in verschiedenen europäischen Netzwerken – und verstehen unsere Festivalarbeit selbst als wichtigen Beitrag für die Sichtbarkeit des Dokumentarfilms und seiner Filmschaffenden, weil wir die Möglichkeit und die Größe haben, eine Außenwirkung zu entfalten. Wir sind die Botschafter für den Dokumentarfilm.
Maya Reichert: Für mich gehört dazu auch die Filmvermittlung. Ich bin Gründungs- und Vorstandsmitglied der AG Filmvermittlung, die sich für die Professionalisierung und Sichtbarkeit dieses Berufsfeldes einsetzt. Gemeinsam haben wir beim DOK.fest München erstmals eine bundesweite Konferenz veranstaltet, bei der Akteur*innen aus Festivals, Kinos, Schulen und Wissenschaft zusammengekommen sind. Gerade der Dokumentarfilm eignet sich besonders für die Filmvermittlung, weil man sowohl über die Form als auch über die Inhalte sprechen kann.
Adele Kohout und Maya Reichert mit Regina Schilling, Autorin und Regisseurin von Ingeborg Bachmann – Jemand der einmal ich war bei der Eröffnung im Deutschen Theater
Ihr habt jetzt wieder mit DOK.aroundtheclock begonnen, eurem Ganzjahresprogramm. Wie nehmt ihr das Momentum des Festivals ins Kinojahr mit und was braucht der Dokumentarfilm aus eurer Sicht, um langfristig sichtbar zu bleiben?
Adele Kohout: Ich sehe das „DOK.around the Clock“-Programm als eine schöne und wertvolle Verlängerung. Das Festival versteht sich als Plattform für Filmschaffende und ihre Werke und begleitet viele Filme über die Premiere hinaus. Dabei interessiert uns auch: Wie kann man Filme, die keinen Kinostart haben, trotzdem Sichtbarkeit verschaffen und im Gespräch halten? Und die Kooperation mit den verschiedenen Akteuren bedeutet auch eine Vernetzung in der Stadtkultur.
Maya Reichert: Was ich mir für den Dokumentarfilm wünschen würde, ist sehr, sehr viel mehr Budget für die generelle Sichtbarkeit. Das würde einen riesigen Unterschied für die Wahrnehmung der Dokumentarfilme machen. Und die zahlreichen Möglichkeiten der Filmvermittlung sollten bewusster und viel mehr ausgeschöpft werden. Im Schulbereich, aber auch für erwachsenes, reguläres Publikum.
Ein großes Plädoyer in Sachen Filmpolitik! Habt ihr aufgrund der Erfahrungen, die ihr in eurem ersten Jahr in der Leitung gemacht habt, schon erste Ideen für die nächste Ausgabe?
Adele Kohout: Ich freue mich schon auf unsere Klausur in zwei Wochen mit dem Kern-Team. Wir haben eine Besucherbefragung durchgeführt und bereits einiges an Feedback gesammelt. Insgesamt würde ich sagen: Die Richtung stimmt und sollte mit der entsprechenden Unterstützung unserer Förderer weiterverfolgt werden. Ich glaube, wir haben gezeigt, dass der Dokumentarfilm mit einem Festival wie dem DOK.fest München genau die richtige und wichtige Bühne hat, um gesehen und verstanden zu werden, um anzukommen, um etwas zu bewirken und damit auch wichtige Impulse für die Filmbranche zu setzen.
Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Dunja Bialas
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier