Wie Menschen KI intelli­gent nutzen

In München entstehen gerade drei innovative Tools, die auf Künstlicher Intelligenz basieren: ein Online-Empfehlungsportal für kulturelle Angebote, eine Musik-KI, von der die Urheber profitieren, und ein Programm, das literarische Texte in Film-Trailer umwandelt. Ermöglicht werden diese vielversprechenden Projekte durch die Innovation Lab Förderung von Creative Europe MEDIA.
Text von Dominik Petzold
8 Minuten Lesezeit

»Visionary Tales« von WeDa Vinci

Filmproduzent*innen verbringen seit jeher viel Zeit damit, Treatments, Manuskripte und ganze Romane zu lesen. Wäre es auf der Suche nach dem richtigen Stoff nicht praktisch, gleich den fertigen Trailer einer potenziellen Literaturverfilmung sehen zu können? Genau das will Veronika Gamper mit dem Projekt „Visionary Tales“ ermöglichen – mithilfe von KI.

Die gebürtige Südtirolerin ist promovierte Informatikerin, mit ihrem Münchner Start-Up WeDaVinci hat sie gerade begonnen, das KI-Programm zu entwickeln. Werden literarische Texte einspeist, erscheinen in kürzester Zeit animierte Trailer – das ist das Ziel. „Das wird Verlagen insbesondere dabei helfen, die Filmrechte an nicht mehr ganz neuen Romanen zu verkaufen“, sagt Gamper.

Besonders spannend: Mit nur wenigen Prompts lassen sich die KI-generierten Trailer verändern. „So können wir sie an unterschiedliche Zielgruppen und Kulturen anpassen oder in andere Sprachen übersetzen lassen“, sagt Gamper. „Wir können aus den Buchvorlagen auch bestimmte Szenen, Dialoge und Bilder herausgreifen und um diese herum einen Trailer bauen lassen. Durch die KI gibt es unendliche Möglichkeiten.“

Gamper hat als potenzielle Kunden von „Visionary Tales“ nicht nur Verlage im Blick, sondern auch deren Kund*innen: die Filmproduzent*innen eben. „Sie können ohne große Vorproduktion testen, welches Potenzial in bestimmten Geschichten steckt“, so Gamper. Sie sollen die KI nutzen können, um einen Stoff aus Perspektiven zu betrachten, auf die sie selbst nicht kommen würden. Zum Beispiel kann gesehen werden, wie eine Münchner Geschichte als japanischer Animationsfilm wirken würde. „Und die KI kann selbst auch unbegrenzt viele Vorschläge machen, auf welche Weise ein Thema angegangen werden kann“, sagt Gamper.

Die nötige Expertise für „Visionary Tales“ hat WeDaVinci durch ein früheres Projekt gesammelt: Da entwickelte das Unternehmen Algorithmen, die Skripte und Dialoge für Podcasts erzeugen. „Durch die generative KI wachsen zurzeit Text, Sprache und Bild stark zusammen“, sagt Gamper. „Und in den Trailern fließt das alles zusammen.“

Veronika Gamper vom Münchner Start-Up WeDaVinci

„Visionary Tales“ kann das junge Unternehmen dank einer EU-Förderung entwickeln: Die Innovation Lab Förderung von Creative Europe MEDIA unterstützt die Entwicklung innovativer Tools und Modelle sowie digitaler Lösungen mit bis zu 70 Prozent der Kosten und unterstützt Firmen bei Interesse auch dabei, europäische Partner zu finden. Die Projekte müssen erstens für die audiovisuelle Branche sowie einen weiteren kreativen oder kulturellen Sektor anwendbar sein und zweitens eines der folgenden Themengebiete abdecken:

1

Virtuelle Welten als neues Umfeld für die Promotion europäischer Werke, die Erreichung neuer Publikumsschichten und die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kultur- und Kreativindustrien

2

„Greener“ Practices, die im Einklang mit dem Green Deal der EU-Kommission und der Neuen Bauhaus-Initiative stehen

3

Innovative Tools für Produktion, Finanzierung, Vertrieb oder Bewerbung europäischer Werke und Inhalte, die durch neue Technologien (KI, Big Data, Blockchain, virtuelle Welten, NFT usw.) ermöglicht oder verbessert werden

Mathis Nitschke von Sofilab UG

Ein solches innovatives Tool zur Produktion neuer Werke entwickelt gerade Mathis Nitschke mit seiner Sofilab UG. Der Münchner hat Gitarre, Komposition und Bildende Kunst studiert und arbeitete bisher in den Bereichen Musik, Regie, Sounddesign und Multimedia-Kunst. Sein Interesse gilt aber auch Technologie und Mensch-Maschine-Kommunikation, und so beschäftigte er sich seit einigen Jahren mit Künstlicher Intelligenz. Und die möchte er nun auf neuartige Weise für die Schaffung von Musik nutzen: mit „crps.ai“, ausgesprochen „Corpus AI“.

Natürlich gibt es längst Anbieter, mit deren KI-Modellen Musik kreiert werden kann. Aber „crps.ai“ soll in vielerlei Hinsicht anders funktionieren. Es soll nicht nur durch bereits bestehende Musik trainiert werden, sondern auch lernen, wie Musik entsteht. Und zwar mittels einer sogenannten Ideation-Plattform, an der sich möglichst viele Musiker*innen beteiligen. Da spielt zum Beispiel einer Gitarre, ein zweiter dazu Tuba, ein dritter Klavier. Und die KI soll verstehen lernen, wie Musiker*innen auf das Spiel der anderen reagieren. „Adaptive Systeme kommen bisher noch nicht dahin, auf alle Feinheiten zu reagieren wie Musiker beim Zusammenspiel“, sagt Nitschke.

„Bei Bild- oder Text-KI-Systemen kann man mit Prompts alles nachformen, bei der Musik geht das noch nicht. Aber da wird es erst interessant.“

Je mehr Musiker*innen mitmachen und je stärker sich ihre Beiträge unterscheiden, desto mehr lernt die KI. Und die Musiker*innen sollen für ihre Kreativität belohnt werden: Je origineller ihr Beitrag ist, desto mehr Anteile an „crps.ai“ erhalten sie. „crps.ai ist ein Lizenzsystem, und wenn Wert daraus geschöpft wird, werden die Einnahmen entsprechend der Anteile an die Urheber ausgeschüttet“, sagt Mathis Nitschke. crps.ai soll also nicht – wie andere KI-Modelle – Urheberrechte verletzen, sondern die Urheber*innen sollen profitieren. „Ich glaube, dass es einen Markt geben wird für ein faires KI-Programm“, sagt Mathis Nitschke.

Außerdem soll die Musik, mit der die KI trainiert wird, detailliert und in kleinsten Zeiteinheiten beschrieben werden. „Natürlich sind klassische Parameter wie Tempo oder Tonart wichtig“, sagt Nitschke. „Aber wir wollen über diese Beschreibungen hinaus Musik auch anders charakterisieren: als ,grüne Musik‘ zum Beispiel, oder als Musik, die nach ,aufgehender Sonne‘ klingt.“ Davon profitieren dann die Nutzer*innen, die – auch ohne musikalisches Wissen – das Ergebnis präzise nach eigenen Vorstellungen gestalten können. „Die bisherigen Musik-KI-Systeme sind beeindruckend, aber man kann das Ergebnis nicht formen“, sagt Nitschke. „Bei Bild- oder Text-KI-Systemen kann man mit Prompts alles nachformen, bei der Musik geht das noch nicht. Aber da wird es erst interessant.“ Im nächsten Schritt plant Mathis Nitschke ein weiteres KI-Produkt auf der Basis von crps.ai, das zu Storyboards und Exposés eigenständig Musik entwickelt. Und da wird es dann auch für Film- und Gameschaffende interessant. Der schlüssige Arbeitstitel: „story2music“.

Dank der Innovation Lab Förderung von Creative Europe MEDIA wird in München noch an einem weiteren spannenden Projekt gearbeitet: Bettertained, einem neuartigen Online-Empfehlungsportal für kulturelle Angebote. Dahinter steht die Münchner Firma „&why“. „Ein kleiner Teil der Produktionen auf großen Plattformen wie Netflix bekommt einen Großteil der viewing hours“, erklärt deren Managing Partner Alexander Dohr. „Wir hatten das Gefühl: Die Leute finden nicht unbedingt den Content, der spannend für sie ist – sondern nur, was der Algorithmus ihnen vorsetzt.“ Und dieser Algorithmus basiert auf allem, was der Nutzer bislang konsumiert hat. So sei die Wahrscheinlichkeit gering, etwas völlig Neues, Unerwartetes zu entdecken, so Dohr.

Die App Bettertained soll anders funktionieren. Eine große Rolle soll die Persönlichkeit des Nutzers spielen: Wer sich anmeldet, muss erstmal ein paar kurze Fragen zu sich selbst beantworten, höchstens eine Minute lang und auf Wunsch anonymisiert. Welche Interessen hast Du? Magst Du Abenteuer und Überraschungen? Bist Du geduldig oder ungeduldig? Die Antworten auf diese Fragen beeinflussen, was die App als Erstes vorschlägt. „Von da an lernen wir und stellen dem Nutzer immer mal wieder eine kurze Frage, um das Modell zu verbessern“, sagt Dohr. „Aus den Antworten werden interessante Empfehlungen abgeleitet.“

Alexander Dohr von &why

Diese richten sich nicht unbedingt nur an einzelne Nutzer*innen, sondern an mehrere. Das ist die zweite Grundidee von Bettertained. „Wir kennen das alle: Wenn man in der Gruppe oder mit der Partnerin schaut, ist es nicht so einfach, etwas zu finden, was allen gefällt“, sagt Dohr. „Man kann Bettertained auch als Gruppe nutzen, dann fließen die Daten aller ein.“

Und relevant soll auch sein, wie die Nutzer*innen sich gegenseitig einschätzen. „Wir finden auch spannend und relevant, was Freunde und Partner über einen Nutzer sagen“, sagt Dohr. Was der vorher angesehen hat, wird zwar auch einfließen, wie bei den bekannten Streaming-Portalen. „Aber wir wollen einen anderen, innovativen Weg gehen“, sagt Dohr. „Die Empfehlungen sollen vielfältiger sein als bei den Streamern.“ Dafür setzt &why auch auf viele spezialisierte KI-Modelle.

Bettertained konzentriert sich aber nicht nur auf Filme und Serien, sondern empfiehlt auch Bücher und Games. „Wer eine Serie mochte, dem können wir ein Buch zu dem Thema vorschlagen“, sagt Dohr. Das entspreche genau dem Ziel des Förderaufrufs, verschiedene kulturelle Formate zu integrieren. Und für die Zukunft ist in Planung, dass Bettertained auch Theaterstücke, Konzerte und Podcasts empfiehlt.

Seit November 2024 arbeitet &why an dem Projekt, beteiligt sind viele der 35 festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in München und der Berliner Dependance. Ende 2025 soll ein Prototyp von Bettertained vorliegen, ein Jahr später soll das Produkt auf den Markt kommen. Und parallel entwickelt das Team das Living Stories Lab, mit dem interaktive Filme entstehen sollen – dank einer weiteren Förderung von Creative Europa MEDIA: „Innovative Tools & Business Models“.

Mehr Informationen zur Innovation Lab Förderung gibt es hier.

Sollten Sie auf der Suche nach europäischen Partnern für Ihr Projekt sein, können Sie Ihr Konzept in einem Matching Formular teilen. Creative Europe MEDIA prüft die Angaben mit Blick auf die Voraussetzungen des Förderaufrufs und überträgt dann die Projektdaten in ein öffentlich zugängliches Partner Search Matching Tool. Mehr Informationen gibt hier.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Dominik Petzold
Fotos: WeDa Vinci, &why, Sofilab UG, Eugen Wagner / FotostudioWagner.de
Gestaltung: Schmid/Widmaier

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