2500 Prozent Bayern-Effekt

Mit 1 Mio. Euro förderte der FFF Bayern die Produktion der zweiten Staffel der Hulu-Serie Nine Perfect Strangers mit Hauptdarstellerin Nicole Kidman. Produzent Joe Neurauter erklärt, welche Vorzüge des Standorts dazu beigetragen haben, das Projekt nach Europa und speziell nach Bayern zu bringen – und was es Bayern gebracht hat.
Text von Josef Grübl
7 Minuten Lesezeit
© Rainer Bajo Fifth Season, LLC and Made Up Stories, LLC

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9 Fremde sollt ihr sein: So oder so ähnlich lautete die Ausgangslage der US-Serie Nine Perfect Strangers, die im Sommer 2021 veröffentlicht wurde. Die Produktion von Autor und Showrunner David E. Kelley (Big Little Lies) erreichte ein weltweites Publikum, sie war ein großer Hit, auch in Deutschland. Es geht darin um neun Menschen, die in ein mysteriöses Wellness-Resort in Kalifornien einchecken, dem sogenannten Tranquillum House. Dessen Betreiberin Masha (gespielt von Hollywood-Superstar Nicole Kidman) verspricht Diskretion, Exklusivität und „totale Transformation“: Sie nimmt auch nur neun Kundinnen und Kunden pro Session an, zehn Tage lang sollen sie mit Meditation, Yoga und Glasschalenmusik kuriert werden. Alkohol und Süßigkeiten sind tabu, Telefone und Laptops auch. Dafür gibt es regelmäßig frisch gemixte Smoothies. Bis jemand fragt: „Werden wir hier etwa unter Drogen gesetzt?“

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8 Episoden hatte die erste Staffel, in Deutschland war sie bei Amazon Prime zu sehen. Im Juni 2023 bestellte in den USA der Streaminganbieter Hulu eine zweite Staffel, wiederum mit acht Episoden. Das Konzept der Serie sah vor, dass es einen Ortswechsel mit neuen Gästen rund um die dubiose Masha (Nicole Kidman) geben sollte: Vom Wellness-Resort im sonnigen Kalifornien geht es für sie in eine winterliche Bergwelt. Und hier kommt Joe Neurauter ins Spiel: Der gebürtige Österreicher arbeitet seit vielen Jahren als Filmproduzent, seit knapp vier Jahren ist er auch Geschäftsführer der bayerischen Penzing Studios. „Ich habe lange in Los Angeles gelebt, ein Großteil meines professionellen Networks geht auf diese Zeit zurück“, erzählt er im Dezember 2025 bei einem Gespräch in München. „Als wir in Penzing angefangen haben, war ich wieder öfter in Amerika und habe mich mit mehreren Entscheidungsträgern getroffen.“ Bei einem dieser Meetings erfuhr er von der geplanten Fortsetzung von Nine Perfect Strangers. Es sollte aber noch ein langer Weg sein bis in den Zauberwald.

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7 unterschiedliche Service-Dienstleistungen bieten die Penzing Studios auf ihrer Website an: Produktion, Geräteverleih, Set Construction, Requisiten, Kostüm, Postproduktion und Virtual-Art-Leistungen. Auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorsts bei Landsberg am Lech hat sich in den letzten Jahren viel getan. Es wurden internationale Kinofilme wie Cliffhanger 2, The Crow oder Return to Silent Hill gedreht, erst kürzlich inszenierte der Oscar-nominierte Brite Paul Greengrass sein Historiendrama The Uprising hier. Auch nationale Produktionen wie Bora Dagtekins Kinohit Chantal im Märchenland oder Marcus H. Rosenmüllers Pumuckl (Kinofilm und Serie) kamen nach Penzing. Diese Vielfalt sei wichtig, sagt Neurauter, man freue sich über große und kleine Projekte aus dem In- und Ausland. Auf dem weitläufigen Studiogelände könne man klassische Sets, Backlot Filming oder Drehs im virtuellen Produktionsstudio anbieten, der sogenannten Hyperbowl. „Die größten Kosten einer Produktion machen Reisen, Trucks und Logistik aus“, sagt Neurauter. „Mit einer intelligenten Verbindung verschiedener Produktionsmethoden brauche ich aber nicht mehr ‚on location‘ gehen. Ich kann 100 Prozent an einem Ort darstellen.“ Aber gilt das auch für eine Großproduktion wie Nine Perfect Strangers?

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6 Monate lang dauerten die Dreharbeiten. Los ging es im Januar 2024, abgedreht war die zweite Serienstaffel im Juni 2024. „Penzing war unsere Base“, sagt Joe Neurauter, der mit seiner Firma Supernix GmbH auch als Koproduzent beteiligt war. In der Hyperbowl sei unter anderem eine Szene gedreht worden, in der die von Nicole Kidman gespielte Figur ein Eisbad in einem winterlichen See nimmt. „Das wäre in echt zu drehen nicht möglich gewesen“, erzählt Neurauter. „Der See wurde also nachgebaut in der Hyperbowl, an der eigentlichen Location sind nur die Hintergründe gedreht worden.“ Diese Bilder habe man in die Hyperbowl transferiert, so entstand die perfekte Illusion der eisbadenden Masha. Überhaupt wurde die Produktion ganz auf ihre Hauptdarstellerin ausgerichtet: Da Nicole Kidman ein vielbeschäftigter Star ist, konnte sie keine sechs Monate am Stück vor Ort sein. „Der Drehplan wurde auf sie abgestimmt“, sagt Neurauter. So seien auch die Sets die ganze Zeit stehengeblieben, weil Kidman immer wieder kam – und ging. 

 

 

 

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5 Monate lang wurde verhandelt, bis der fiktive Wellness-Tempel „Zauberwald“ nach Bayern kam. Beziehungsweise nach Österreich: Nine Perfect Strangers entstand nicht nur in Penzing, sondern auch an Originalschauplätzen in den Bundesländern Salzburg, Oberösterreich oder Tirol, in Hallstatt oder in Kals am Großglockner. „Anfangs wollten die Amerikaner für den Location-Teil nach Frankreich gehen“, erinnert sich Joe Neurauter. „Den Studioteil wollten sie in Atlanta drehen.“ Dieser Plan stellte sich schon bald als zu teuer heraus. Dreharbeiten in den USA seien ohnehin kostspielig, weiß der Produzent und Studiobetreiber. Sehr viele US-Projekte entstehen mittlerweile im Ausland. Bayern und Österreich verbinden kurze Wege, das war natürlich von Vorteil. Hinzu kam die Kombination aus attraktiven Originalschauplätzen und einem gut ausgestatteten und modernen Studio. Im April 2023 fiel die Entscheidung für Bayern und Österreich. Kurz darauf wurden die ersten Büros in Penzing bezogen, insgesamt war die Produktion 14 Monate lang in Bayern.

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4 Männer und 5 Frauen checken in den „Zauberwald“ ein, sie alle schleppen unterschiedliche Traumata mit sich herum, die Therapieansätze von Masha und ihrem neuen Kollegen Martin (Lucas Englander, der österreichischen European Shooting Star der Berlinale 2026) sind umstritten. Die Besetzung ist wie schon in der ersten Staffel prominent und umfasst internationale Schauspielstars wie Henry Golding, Lena Olin, Mark Strong, Murray Bartlett oder Christine Baranski. „Wir holen eure Gefühle und Ängste ans Licht“, sagt Masha alias Nicole Kidman einmal. Dass sie dafür wieder psychedelische Drogen einsetzt, können die Gäste natürlich nicht ahnen.

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3 Studiohallen habe die Produktion in Penzing parallel belegt, verrät Joe Neurauter beim Gespräch in München. Das hatte nicht nur mit der an- und abreisenden Nicole Kidman zu tun: Das liegt auch an der Größe des mit „einem neunstelligen Budget“ veranschlagten Projekts. „Wir hatten insgesamt 117 Drehtage. 76 davon fanden in Deutschland statt, 41 in Österreich“, sagt der Koproduzent der Serie. Die „on location“ gedrehten Szenen erkennt man oft, aber nicht immer: Wenn Masha etwa am Tresen einer Hotelbar sitzt und Pommes isst, identifizieren die Münchner diesen Ort als Falk‘s Bar im Bayerischen Hof. In der Serie aber sitzt sie angeblich in Prag, dorthin geht es in Rückblenden. Film ist eben Illusion, nicht nur in den Penzinger Studiohallen. Auch in der Münchner Altstadt, auf der Praterinsel, in Augsburg, Ismaning und Oberföhring wurde gedreht. Wer genau hinsieht, wird so manche Orte erkennen.

 

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2 Länder, 1 Serie: Die gemeinsame Stärke von Deutschland und Österreich habe letztendlich den Ausschlag gegeben, Nine Perfect Strangers hier zu drehen, sagt Neurauter. „Zum Verhandlungszeitpunkt gab es auch den österreichischen Tax Credit neu“, fügt er hinzu. „Damit konnten wir die perfekte Kombi aus einem besseren Financial Package und einem sehr guten Creative Package anbieten.“ Gemeint sind die steuerlichen Anreize für eine solche Produktion: Die Serienfortsetzung wurde gefördert vom FFF Bayern, German Motion Picture Fund, FISA+ und ABA (Filmstandort Austria) sowie von Cine Tirol und dem Land Salzburg. So seien insgesamt 17,5 Millionen Euro zusammengekommen, zum größten Teil über steuerliche Anreizmodelle. Die Produzenten gaben hierzulande ein Vielfaches davon aus: „Wir hatten in Deutschland Ausgaben von 58,8 Millionen Euro“, so Neurauter.

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1 Million Euro wurde der zweiten Staffel von Nine Perfect Strangers im Mai 2023 vom FFF Bayern zugesprochen, das Geld stammte aus dem Fördertopf „Internationale Kinofilme und Serien“, das der Freistaat Bayern zur Verfügung stellt. Direkt in Bayern ausgegeben wurden bei diesem Projekt knapp 25 Millionen Euro. „Der Bayern-Effekt liegt bei fast 2500 Prozent“, sagt Neurauter. Die Serie sei also eine „richtige Lokomotive“, die Geld ins Land gespült habe und Infrastruktur schaffe. „Hier sind aus einer Million 25 Millionen entstanden.“ Zugleich stellen solche erfolgreich realisierten Produktionen eine Visitenkarte für den Filmstandort dar, auf diese Weise würden weitere Projekte in dieser Größenordnung angelockt. So hat der FFF Bayern jüngst den Kinofilm Left Seat mit Richard Gere und Michelle Wiliams gefördert und zuletzt im November 2025 drei neue internationale Serien unter anderem eine Serie über die spätere schwedische Königin Silvia Sommerlath (German Queen) oder die Krimiserie The Death of Sherlock Holmes

Die neuen Nine Perfect Strangers sind dagegen schon seit Sommer 2025 zu sehen, wieder bei Amazon Prime. Sollte die Serie fortgesetzt werden, dürften die amerikanischen Produzenten aber nach einem neuen Tranquillum House beziehungsweise Zauberwald suchen. Auch wenn sie in Bayern längst keine Fremden mehr sind.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Olga Havenetidis
Redaktion: Olga Havenetidis

Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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