Betritt man die Hochschule für Fernsehen und Film in München, fällt einem sofort eine Neuerung ins Auge: Im Foyer steht ein Tisch mit Stühlen. Darüber hängt ein Schild mit der Einladung zur Sprechstunde „Let’s Talk!“ mit Daniel Sponsel, die jeden Mittwoch von 11 bis 12.30 Uhr sattfindet. Der neue Präsident der HFF hat sich vorgenommen, mit den Student*innen und Mitarbeiter*innen ins Gespräch zu kommen und zu hören, was sie bewegt. Warum der neue Job eine Rückkehr für den 1964 geborenen Hamburger ist und was sich Sponsel vorgenommen hat, erzählt er im Gespräch.
Avantgarde
und
Handwerk
Herr Sponsel, Sie haben 16 Jahre lang das DOK.fest München geleitet und sind nun seit Herbst 2025 Präsident der HFF München. Wie haben Sie sich eingefunden?
Es war schon ein großer Einschnitt in meiner beruflichen Tätigkeit, ich bin aber sehr gut gelandet. Für mich ist es ja eine Rückkehr, die mit einer Art von Heimatgefühl verbunden ist. Ich habe selbst Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik an der HFF München studiert, die damals noch in Giesing war, und dort anschließend sieben Jahre lang als künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet. Ich kenne noch viele der aktiven Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von früher. Außerdem hatte ich nach meiner Bestellung Anfang Februar 2025 noch eine gemeinsame Übergangszeit mit meiner Vorgängerin Bettina Reitz bis zu meinem Einstieg Anfang Oktober, in der ich mich in die eine oder andere Thematik schon einarbeiten konnte.
Was ist denn der größte Unterschied zu Ihrer Tätigkeit als Festivalleiter?
Erstmal die Größenordnung. Das DOK.fest München hat ganzjährig 18 Mitarbeitende und dann zum Festival deutlich mehr. Hier sind es insgesamt 150 Personen mit einem ganz anderen Volumen und verschiedenen Aufgaben. Die Art und Weise zu arbeiten, ist aber grundsätzlich gar nicht so anders, weil wir ja im Präsidium ein kleines Team sind, das eng zusammenarbeitet – das waren wir beim DOK.fest auch. Der größte Unterschied ist natürlich die Ausrichtung: Hier geht es darum Studierenden zu ermöglichen, erfolgreich in die Branche hereinzuwachsen. Beim Festival hingegen organisiert man eine Veranstaltung. Diesen Jahreszyklus gibt es für mich jetzt nicht mehr.
Was hat sich denn an der HFF am meisten verändert im Gegensatz zur Ihrer eigenen Studienzeit?
Seit 14 Jahren ist die HFF nun in der Maxvorstadt, Standort und Größe der Hochschule haben sich verändert. Aber noch viel mehr haben sich die Branche und die gesellschaftliche Wirklichkeit gewandelt – in technischer Hinsicht, aber auch von der Konstitution und der Lesart her, was Filmkunst bedeutet und welchen Stellenwert sie in der Gesellschaft hat. Wir sind damals mit einem anderen Selbstverständnis ins Studium gestartet, als die Studierenden das heute machen: Sowohl von der Art und Weise der Medien als auch von dem Wissen um deren Wirkung und die Stabilität und Perspektiven für den Beruf. Nichtsdestotrotz ist die Relevanz die gleiche: Dass Menschen Geschichten erzählen oder die Welt filmisch nahebringen, steht eigentlich immer noch im Mittelpunkt der Aufgabe einer Hochschule.
Hier geht es darum Studierenden zu ermöglichen, erfolgreich in die Branche hereinzuwachsen.
Was ist die größte Herausforderung für Sie momentan?
Die Transformation der einzelnen Diplomstudiengänge in ein Bachelor- und Master-System und das Thema KI. Letzteres nimmt gerade eine Dynamik auf, auf die wir tatsächlich auch reagieren können, indem wir einen Studiengang dazu machen, der nächstes Jahr startet. Seit 2022/23 haben wir ja schon einen Lehrstuhl KI, der bisher aber primär einen forschenden, beratenden Charakter besitzt und im Bereich Technik in die Lehre integriert ist. Der neue Studiengang, der „Serial Storytelling: Created by AI and I“ heißen wird, soll das Angebot des Bereichs Drehbuch erweitern. Es soll sich nicht nur damit beschäftigen, wie weit man mit der Unterstützung durch die KI tatsächlich unter Wahrung der künstlerischen Kreativität und der Urheberschaft des Menschen erzählen kann, sondern auch mit den Fragen: Von wem lassen wir uns in Zukunft eigentlich Geschichten erzählen und was interessiert uns grundsätzlich? Was passiert mit und in der Branche, wenn uns eine Maschine irgendwann die Geschichten erzählen kann, die uns angehen und interessieren?
Inwieweit wird KI zukünftig das Geschichtenerzählen bestimmen?
KI ist längst eine Wirklichkeit, mit der wir uns alle zu arrangieren haben und die wir auch alle noch gestalten können. Wir haben momentan das Gefühl, dass in Silicon Valley entschieden wird, aber das ist nur zum Teil so. Es gibt da für uns einiges an Möglichkeiten und Wegen, die sich gabeln. Die Verantwortung dafür müssen wir wahrnehmen und mitgestalten. Gleichzeitig muss uns auch bewusst sein, dass KI gewisse Arbeitsplätze ersetzt, die vielleicht nicht die begehrtesten waren, aber sie waren und sind jedoch klassische „Brotjobs“. Beim Dokumentarfilm zum Beispiel hatte man schnell 30 Stunden Interviewszene mit sieben Protagonist*innen, die jemand zwei Wochen lang Wort für Wort transkribiert hat und dann jemand anderes noch übersetzt hat. Es ist jetzt unsere Aufgabe als Branche, als Filmhochschule und darüber hinaus als Gesellschaft zu überlegen, wie wir diesen Ausfall an Jobs mit anderen Modellen auf dem Arbeitsmarkt kompensieren können.
Dass Menschen Geschichten erzählen oder die Welt filmisch nahebringen, steht eigentlich immer noch im Mittelpunkt der Aufgabe einer Hochschule.
Was ist Ihre Vision von einer Filmausbildung in der heutigen Zeit?
Einerseits schaffen wir Freiräume für Leute, die wirklich originell und Avantgarde sind und die Branche später mit ihrer Individualität bereichern. Andererseits ist Filmen auch ein Handwerk, das nicht automatisch nur eine Einzigartigkeit voraussetzt. Gleichzeitig sind wir keine Fachhochschule, die nur marktorientiert ausbildet. Die Ausbildung muss zudem auf einen vielseitigen und sich stark im Wandel befindenden Markt vorbereiten und dabei klar mitdenken: Nicht alle, die wir hier z.B. in Regie ausbilden, werden Regisseurinnen und Regisseure. Viele entdecken in der Branche andere Tätigkeiten für sich. Das ist nicht nur in Ordnung so, sondern das sollten wir in der Ausbildung bereits mitdenken. Wichtig ist, das Angebot immer wieder abzugleichen mit der Veränderung der Produktionswirklichkeit da draußen, weil die Hochschule kein Elfenbeinturm ist. Da die Balance zu bewahren und diesen Spagat hinzubekommen sehe ich als eine wichtige Aufgabe.
Welche Erfahrung aus Ihrer Studienzeit möchten Sie gerne weitergeben?
Das Wichtigste ist mir tatsächlich, Räume für Begegnungen von Menschen zu schaffen, die Vorbilder sein können oder die Türen öffnen können. Dazu gehören natürlich die Kontakte zu den Lehrenden und in die Branche. Genauso wichtig ist aber auch, die Begegnung unter den Studierenden zu fördern, also das Netzwerk, das man in dieser Zeit an Freundschaften, aber auch an Kompetenzen aufbaut. Dieses trägt weit in die Berufswirklichkeit rein und begründet den eigenen beruflichen Werdegang. Diese wertvolle Erfahrung konnte ich an der Hochschule machen und diese Erfahrung soll für die Studierenden hier auch weiterhin möglich sein.
Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Anna Steinbauer
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier