Die Maschine dient dem Menschen

Autor Robert Krause, der Kreatives Schreiben an der HFF München lehrt und mit Club23 Online-Kurse anbietet, hat einen KI-gesteuerten Chatbot programmiert und ihn unseren Autor für die Recherche ausprobieren lassen. Eine Operation am offenen Herzen.
Text von Georg Seitz
8 Minuten Lesezeit
D

„Drei Dinge sind wichtig für einen guten Film: 1. Drehbuch, 2. Drehbuch, 3. Drehbuch.“ Das Zitat wird Billy Wilder zugeschrieben, dem genialen Regisseur und Autor von Klassikern wie Manche mögen’s heiß. Es wurde zu einem geflügelten Wort in der Branche. Die Wege zum guten Drehbuch freilich sind vielfältig. Seit Neuem wird eine Abkürzung angeboten: KI. Die Künstliche Intelligenz spuckt auf Bestellung in Minuten aus, wofür der Mensch Tage, Wochen, Monate braucht: Einen Text, der wirkt wie ein gut strukturiertes Drehbuch.

„Eine KI kann noch nicht ein Drehbuch schreiben“, sagt Robert Krause, der an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF München) Kreatives Schreiben unterrichtet. „Ich habe mich ein Jahr lang mit dem KI Prompting von einem Drehbuch beschäftigt. Die KI ist noch nicht in der Lage, das zu machen. Es ist viel zu komplex.“

Krause doziert nicht nur, er schreibt auch. Mit den Co-Autor*innen Elena Hell und Andreas Gutzeit schrieb er die Drehbücher für vier Staffeln der von Story House Pictures produzierten Serie Sisi (RTL+, Regie: Sven Bohse, Miguel Alexandre, Andy Fetscher). Der ARD-Film 3 1/2 Stunden (Regie: Ed Herzog, Produktion: Real Film Berlin, Amalia Film), ausgezeichnet mit dem Bernd Burgemeister Fernsehpreis, entstand nach einem Drehbuch von Krause und Beate Fraunholz. Und für die erste Staffel der von der Ufa produzierten ARD/Degeto-Serie Unsere wunderbaren Jahre (Regie: Elmar Fischer) verfasste Krause die Drehbücher mit Florian Puchert.

© Benedikt Schwarzer

Robert Krause

Gemeinsam mit Puchert verbreitet Krause seine Drehbuchlehre auch außerhalb der HFF München. Die Online-Kurse ihres „Club23“, angeboten von der im oberbayerischen Miesbach sitzenden Deutsche Drama GmbH, sollen dabei helfen, ein gutes Buch zu schreiben. Auch erfahrene Autor*innen nutzten das Angebot, wie Krause berichtet. Nun hat er etwas Neues entwickelt: Einen Chatbot, spezialisiert auf Drehbuch-Entwicklung. „Wir wollten einen Bot schaffen, der die Kreativität der Schreibenden unterstützt. Eine KI, die ihnen helfen soll, ihre Kreativität zu entdecken und zu entfalten. Eine KI, die arbeitet wie eine Muse oder wie ein Coach. Was wir nicht wollten, ist eine KI, die die Kreativität übernimmt.“

Den Chatbot taufte Robert Krause „Robob“, eine Wortschöpfung aus Robot und Bob (= Robert). Ab Frühjahr 2026 gehört Robob zu den Instrumenten des „Club23“. „Man ist verführt, sich Text von der KI schreiben zu lassen und promptet dann mehr herum, als dass man kreativ ist. Wir wollten nicht, dass da irgendeine weitere KI-Suppe raus spült. Wir wollten, dass Leute Lust auf den kreativen Prozess bekommen. Dass sie in einer Atmosphäre landen, in der sie merken, da kommen ganz neue, ungewohnte Sachen aus ihnen selbst heraus. Wir haben uns gefragt, wie können wir KI benutzen, dass nicht der Mensch der Maschine dient, sondern die Maschine dem Menschen? Das war der Paradigmenwechsel, den wir wollten.“

Für die Recherche des Film News Bayern-Autors schaltete Krause eine Vorab-Version von Robob frei. Die funktioniere zwar noch nicht hundertprozentig so, wie sie soll, sagt er. Sie ist aber schon recht beeindruckend. Erste Überraschung: Robob trägt nicht nur einen an Krause angelehnten Namen, Robob spricht auch mit Krauses Stimme, die er von einem KI-Programm clonen ließ. Nun die Probe aufs Exempel.

Das Programm startet im Frühjahr. Club23 hat eine Warteliste für Voranmeldungen eingerichtet

EIN BIOPIC ÜBER EINEN FILMSTAR SOLL GESCHRIEBEN WERDEN.

Hier der Dialog mit Robob, stark gekürzt.

Film News Bayern:
Wir möchten ein Biopic über den Filmstar XY schreiben, der einen Karriereknick erfährt. Kannst Du mir helfen?

Robob:
Das ist eine faszinierende Idee für ein Biopic. Was macht den Filmstar für dich als Hauptfigur so interessant? Was sind seine prägenden Eigenschaften, die ihn durch diese Geschichte tragen werden?

Film News Bayern:
Da ist der Aufstieg aus bürgerlichen Verhältnissen, seine Ausbildung zum Beamten, sein Wechsel zu Film und Fernsehen, seine großen Erfolge. Dann kommt das Alter, in dem er langsam Abschied nehmen müsste. Das ist ihm nicht so gut gelungen.

Robob:
Was ist das äußere Ziel, das er in deiner Geschichte verfolgt? Was will er unbedingt erreichen? Was stehe auf dem Spiel, wenn er es nicht schafft?“

Film News Bayern:
Sein Ziel war, von allen geliebt zu werden.

Robob:
Das ist ein starkes inneres Bedürfnis für unseren A-Plot. Ist dir der Begriff A-Plot geläufig oder soll ich ihn kurz erklären?

Film News Bayern:
Bitte erkläre ihn!

Robob:
Gerne. Das A-Plot-Ziel ist das äußere bewusste Ziel, das deine Hauptfigur in der Geschichte aktiv verfolgt Es ist wichtig, dass dieses Ziel konkret und messbar ist und dass wirklich etwas auf dem Spiel steht, wenn die Figur es nicht erreicht. Wenn wir uns die Hauptfigur ansehen, ist es wichtig, nicht nur ihre Stärken, sondern auch ihre inneren Konflikte und unbewussten Fehler zu beleuchten. Du hast angedeutet, dass er den richtigen Moment für den Ausstieg verpasst hat. Was könnte der größte unbewusste Fehler sein, den er in deiner Geschichte mit sich herumträgt und der zu diesem späteren Scheitern beiträgt.

Film News Bayern:
Vielleicht, dass er davon ausging, dass er einfach ewig weitermachen kann?

Robob:
Das ist ein sehr prägnanter und spannender größter unbewusster Fehler für ihn. Die Annahme, dass seine Karriere und Popularität ewig währen würden, bildet eine hervorragende Grundlage für dramatische Konflikte. Ist dir der Begriff größter unbewusster Fehler geläufig oder soll ich ihn kurz erklären?

Film News Bayern:
Bitte erklären!

Robob:
Das erkläre ich dir sehr gerne. Der größte unbewusste Fehler ist ein zentrales Konzept in der Dramaturgie. Es beschreibt eine tief verwurzelte Überzeugung oder ein Verhaltensmuster der Hauptfigur, das ihr selbst nicht bewusst ist, aber ihre Handlungen und Entscheidungen maßgeblich beeinflusst. Dieser Fehler führt oft zu Problemen im Leben der Figur und muss im Laufe der Geschichte erkannt und überwunden werden, damit die Figur wachsen kann. Das ist quasi das, was die Figur braucht, im Gegensatz zu dem, was sie will. Dass dein Prominenter davon ausging, dass es für ihn keinen Punkt gibt, an dem er aufhören muss, ist ein wunderbarer unbewusster Fehler. Er glaubt, er kann ewig weitermachen, aber die Realität wird ihn eines Besseren belehren. Verständlich soweit? Dann können wir uns jetzt dem äußeren Ziel widmen, das dein Protagonist im Hauptteil deiner Geschichte verfolgt.

Nachdem wir die Hauptfigur und ihr äußeres Ziel haben, ist es Zeit, über den Antagonismus nachzudenken. Wer oder was ist die größte antagonistische Kraft in deiner Geschichte, die deinen Filmstar daran hindert, dieses Ziel zu erreichen?

Film News Bayern:
Wir würden sagen, die unentrinnbare biologische Entwicklung des Alterns.

Robob:
Ein abstrakter Antagonismus wie das Altern muss sich natürlich in der Geschichte konkret zeigen, damit er dramatisch wirksam wird. Lass uns mal gemeinsam brainstormen, wie sich dieses Altern in Leben und Karriere deines Protagonisten manifestieren könnte. Jede Idee ist willkommen. Könnte es sein, dass er nicht mehr die Energie für lange Dreharbeiten hat? Dass jüngere Talente aufkommen, die ihm Rollen wegschnappen? Er selbst mit den physischen Zeichen des Alterns kämpft und versucht sie zu verbergen, was zu peinlichen Situationen führt?

Und so weiter.

Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Der Chatbot weiß Dinge über unseren Filmstar XY, die wir ihm in unserem Dialog nicht verraten haben. Er weiß sie, weil er nicht nur auf das Lehrprogramm des „Club23“ zugreift, sondern auch auf das Large Language Model (LLM) Gemini (von der Google-Mutterfirma Alphabet), das das Wissen der Welt aufgesaugt hat, genau wie andere LLMs wie etwa ChatGPT. Zweitens: Robob weiß viel, hat gute Ratschläge, schreibt aber nicht.

Robert Krause: „Wenn du Robob sagst, schreib mir einen Roman wie Sebastian Fitzek, dann sagt er, das mache ich nicht. Ich helfe Dir aber, den Roman zu schreiben. Robob hilft dir herauszufinden, welches die richtige Hauptfigur ist, die richtige Perspektive. Eben wie ein Dramaturgie-Coach.“

Krause sieht den KI-Coach als zeitgemäße Verlängerung seiner Tätigkeit als Dozent. In seinen drei Feldern – HFF München, Club23, Robob – verfolgt er eine Philosophie, der vermutlich nicht alle in der Branche zustimmen. „Wir sollten diesen in Deutschland vorherrschenden Genie-Kult überwinden. Die Maxime, man kann es oder man kann es nicht, Talent entscheidet alles. Das sehe ich sehr kritisch, weil ich ich glaube, es geht nicht darum, dass alle ein Meisterwerk schaffen. Wir maßen uns nicht an zu entscheiden, wer Talent hat. Schreiben ist zu 80 Prozent Handwerk, als Prozess ist es erlernbar und kann auch etwas unheimlich Bereicherndes sein.“

Wenn es stimmt, dass das Schreiben eines Drehbuchs erlernbar ist, dann kann das vermutlich auch die KI lernen. Nach der Lehre von Robert Krause genügt das erlernte Schreib-Handwerk für 80 Prozent der Arbeit. Für die fehlenden 20 Prozent braucht es immer noch einen klugen Kopf. Wenn es gut läuft, hilft ein Chatbot wie Robob den Erzählern von heute und morgen dabei, ihr kreatives Chaos aufzuräumen und in sinnvolle Bahnen zu lenken.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Georg Seitz
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

Zum nächsten Artikel

Film Commission Bayern News