„Aufbruch,
keine
Nostalgie-
verwaltung“

30 Jahre FFF Bayern, 30 Jahre Crew United, 40 Jahre Breitwand Kino, 20 Jahre Fünf Seen Film Festival – das sind noch nicht alle Jubiläen in diesem Jahr. 60 Jahre Hofer Filmtage! Ein Gespräch mit Direktor Thorsten Schaumann und der Trägerverein-Vorsitzenden Ana Radica über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des legendären Filmfestivals.
Interview von Christina Raftery
10 Minuten Lesezeit
© Hofer Filmtage
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Wer wissen möchte, was die Hofer Filmtage so besonders macht, sollte vielleicht nicht zuerst ins Kino gehen. Vielleicht sollte man sich einfach an die legendäre Bratwurstbude stellen. Früher oder später laufen dort fast alle vorbei: Nachwuchsregisseurinnen, Oscarpreisträger, Produzentinnen, Filmstudenten, Branchenveteranen – und natürlich die Hofer selbst. Man grüßt sich, kommt ins Gespräch, erzählt Geschichten. Oft dieselben wie vor Jahrzehnten. Und doch immer wieder neue.

Dieses Jahr feiert dieses Phänomen Jubiläum: Seit 60 Jahren ist Hof ein Ort, an dem Filmgeschichte geschrieben wird, ohne dass dabei jemals viel Aufhebens darum gemacht worden wäre. Hier trafen sich schon lange vor dem Begriff „Networking“ Menschen, die Kino lieben. Hier wurden Karrieren angestoßen, Freundschaften geschlossen und Anekdoten gesammelt, die mittlerweile ganze Bücher füllen könnten. Und während sich die Filmwelt in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach neu erfunden hat, ist eines erstaunlich konstant geblieben: das Gefühl, in Hof Teil von etwas Besonderem zu sein.

Zum 60. Jubiläum blicken Festivalleiter Thorsten Schaumann und Ana Radica, Vorsitzende des Trägervereins, auf bewegte Jahre zwischen Verlust und Erneuerung, dazu auf geradezu „himmlische“ Momente. Sie erzählen von Heinz Badewitz’ Vermächtnis, von Krisen, die das Festival stärker gemacht haben, von mutigen Veränderungen – und von der Frage, wie man eine Institution in die Zukunft führt, ohne ihre Seele zu verlieren.

© Hofer Filmtage

Thorsten Schaumann und Ana Radica 

Die Internationalen Hofer Filmtage feiern in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Wie fühlt sich dieses Jubiläum an?

Ana Radica: Es fühlt sich noch nicht nach Ausnahmezustand an, aber die Spannung steigt, da es ja ein besonderes Jahr ist. Viele Projekte müssen deutlich früher geplant werden als sonst. Wir arbeiten an der Umsetzung von Ideen, die das Festival begleiten sollen. Die Stadt Hof bereitet eine Filmplakatausstellung vor, die Diakonie zeigt eine Ausstellung zur Geschichte der Hofer Filmtage, und gemeinsam mit dem Theater Hof realisieren wir eine Ausstellung rund um „Das Theater im Sucher“, Thomas Ladenburgers Dokumentarfilm über die Theaterfotografin Ruth Walz.

 

60 Jahre sind für ein Filmfestival eine bemerkenswerte Wegmarke. Was macht Hof aus Ihrer Sicht so besonders?

Ana Radica:
Hof ist nicht als großes kulturpolitisches Projekt entstanden. Das Festival ist von Filmschaffenden gegründet worden und von innen heraus gewachsen. Es war kein Konstrukt nach dem Motto: Wir machen jetzt ein Filmfestival. Es hat sich entwickelt – aus Leidenschaft, aus Freundschaften, aus der Begeisterung für den Film. Diese Bewegung spürt man bis heute.

Thorsten Schaumann: Die Biografie so vieler Menschen ist eng mit Hof verbunden. Das sind sowohl  Filmschaffende, Gäste als auch Hofer*innen. Wenn sie über die Hofer Filmtage angesprochen werden,  kommen sofort unzählige Erinnerungen, Begegnungen und Anekdoten. Das zeigt, wie tief das Festival bei vielen Menschen verankert ist und überträgt sich jetzt auf die nächste Generation. So bleibt die Geschichte Hofs hoffentlich unendlich.

 

Hat sich die Organisation des Festivals in den vergangenen Jahren verändert?

Ana Radica:
Absolut. Die vergangenen Jahre waren für uns alle eine große Lernphase. Wir hatten den Verlust von Heinz Badewitz, anschließend den Übergang in eine neue Struktur und kurz darauf die Pandemie. Das waren Herausforderungen, die uns gezwungen haben, viele Prozesse neu zu denken.

 

Festivalgründer Heinz Badewitz starb überraschend 2016, im Jahr des 50. Jubiläums. War damals überhaupt klar, dass es weitergehen würde?

Ana Radica:
Nein. Die erste Reaktion war Schock. Heinz hatte das Festival über Jahrzehnte geprägt und verkörpert. Viele von uns fragten sich damals, ob Hof ohne ihn überhaupt weiterbestehen kann. Gleichzeitig war das Jubiläumsfestival bereits in Vorbereitung. Die Förderungen standen, die Planungen liefen. Also haben wir uns als Kernteam zusammengesetzt und gesagt: Wir machen das jetzt, die 50. Hofer Filmtage müssen stattfinden, für Heinz. Jeder übernahm die Aufgaben, die er kannte und beherrschte. Es ging zunächst gar nicht darum, die Zukunft zu planen. Es ging darum, dieses Jubiläum möglich zu machen.

© Hofer Filmtage

Heinz Badewitz mit Doris Dörrie im Jahr 1986

Wie erinnern Sie sich an dieses Festivaljahr?

Ana Radica:
Es war die emotionalste Ausgabe, die ich je erlebt habe. Da war Trauer, aber gleichzeitig große Freude darüber, dass das Festival stattfinden konnte. Viele langjährige Wegbegleiter kamen zu Ehren von Heinz nach Hof. So entstand eine ganz besondere Atmosphäre zwischen Abschied und Aufbruch.

 

Thorsten Schaumann, Sie waren damals Teil des Teams, das die Filmauswahl verantwortete. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Thorsten Schaumann: Auch für mich war das eine sehr besondere Situation. Ich habe Heinz schon als Praktikant im Weltvertrieb Ende der 90er kennengelernt. Wir waren von Anfang an immer im Austausch über Filme. Als Teil des Übergangs-Programmteams mit Linda Söffker und Alfred Holighaus war es so etwas wie ein Homecoming. Als mich die Anfrage erreichte, internationale Filme für Hof zu kuratieren, war das eine große Ehre – und ein wenig seltsam. Ich erinnere mich noch genau daran, dass beim Anruf auf meinem Handy „Heinz Badewitz“ angezeigt wurde, weil ich seine Nummer gespeichert hatte. Für einen Moment war ich völlig irritiert. Natürlich rief jemand aus dem Team an, aber dieser geradezu ‚himmlische‘ Augenblick ist mir bis heute präsent.

 

Sie sprechen oft von Gemeinschaft. Was unterscheidet Hof von
anderen Festivals?

Thorsten Schaumann: Hof fühlt sich manchmal ein bisschen wie ein gallisches Dorf an. Alle kennen sich irgendwie, es gibt Rituale, gewachsene Freundschaften und eine große Offenheit für alle, die neu dazu kommen und genauso Film lieben. Die Stadt liegt nicht auf dem direkten Weg zwischen den Metropolen. Wer nach Hof kommt, kommt bewusst. Dadurch liegt der Fokus fast automatisch auf den Menschen und den Filmen.

Ana Radica: Dazu kommt die besondere Nähe zwischen Publikum und Filmschaffenden. Viele Besucherinnen und Besucher begleiten das Festival seit Jahrzehnten. Sie haben die Karrieren von Regisseurinnen und Regisseuren von Anfang an verfolgt. Das merkt man in den Gesprächen und an den Reaktionen nach den Vorführungen.

 

Nach dem Tod von Heinz Badewitz begann auch ein Generationenwechsel. Wie war dieser Prozess?

Ana Radica: Nicht so einfach, wie es vielleicht nach außen hin schien. Über Jahrzehnte war das Festival stark auf Heinz zugeschnitten. Viele Abläufe funktionierten, weil alle fast instinktiv wussten, was zu tun war. Plötzlich mussten wir neue Strukturen schaffen.
Thorsten Schaumann: Natürlich gab es Reibungen. Das wäre bei einem solchen Übergang auch ungewöhnlich gewesen, wenn es keine gegeben hätte. Aber alle hatten dasselbe Ziel: Hof soll weitergehen. Gleichzeitig mussten wir akzeptieren, dass sich die Filmbranche und die Festivallandschaft verändert haben.

© Hofer Filmtage

Christoph Schlingensief mit Heinz Badewitz im Jahr 1997

Wie gelingt der Spagat zwischen Tradition und Erneuerung?

Thorsten Schaumann: Indem man versteht, dass Tradition allein nicht genügt. Es gibt Kontinuitäten, die unglaublich wichtig sind. Aber gleichzeitig braucht es den Willen zum Wandel. Ich sage immer: Wir betreiben keine Nostalgieverwaltung. Wir machen ein Filmfestival. Wenn sich die Rahmenbedingungen verändern, müssen wir Lösungen finden und gleichzeitig proaktiv gestalten. Das gilt für technische Entwicklungen genauso wie für Spielstätten oder Publikumsgewohnheiten.

 

Gab es dafür einen Schlüsselmoment?

Thorsten Schaumann:
Der Wegfall des fast 100-jährigen Scala-Kinos in Hof war so ein Moment. Natürlich blutet einem da das Herz. Schließlich war es eines der schönsten Lichtspielhäuser Deutschlands. Aber wir konnten nicht einfach sagen: Schade, dann geht es eben nicht weiter. Innerhalb kürzester Zeit mussten wir Ersatz schaffen, denn die Filme waren bereits eingeladen, das Programm stand. Also haben wir gemeinsam mit der Stadt, dem Team und vielen Hoferinnen und Hofern nach Lösungen gesucht. Uns riefen Menschen an und sagten: Schaut euch doch dieses leerstehende Gebäude an. Weitere boten Unterstützung an. Innerhalb weniger Tage hatten wir neue Optionen auf dem Tisch – von einer Tanzschule über leerstehende Geschäftsräume bis zur Turnhalle.

 

Das klingt nach außergewöhnlicher Verbundenheit.

Thorsten Schaumann: Die ist tatsächlich außergewöhnlich. Wenn es darauf ankommt, ziehen in Hof so gut wie alle an einem Strang. Das haben wir nicht nur beim Scala-Kino erlebt.


Sondern auch während der Pandemie?


Thorsten Schaumann:
Absolut. Als Corona kam, haben viele gefragt, ob ein Festival überhaupt stattfinden kann. Für uns war die Frage eher: Wie kann es stattfinden? Nichts zu machen war keine Lösung. Also haben wir digitale Ticketing-Systeme aufgebaut, Gespräche gestreamt und neue Formate entwickelt, bei denen sich das Publikum online beteiligen konnte, ohne vor Ort zu sein.

 

Sind diese Entwicklungen geblieben?

Thorsten Schaumann:
Ja. Das Herzstück bleibt die Begegnung im Kino. Aber wir haben gelernt, dass digitale Angebote das Festival sinnvoll ergänzen. Heute streamen wir Talks, produzieren Podcasts, begleiten Filme über Social Media, bieten viele Filme eine Woche länger an und versuchen, die Sichtbarkeit der Filmschaffenden unterjährig zu stärken. Das sind beispielsweise Filmreihen wie das HoF Filmtage Rendezvous in verschiedenen Städten, Moderationsbegleitungen und viel mehr – quasi „Filmtage all year long“.

© Hofer Filmtage

Thorsten Schaumann und Ana Radica mit Donya Madani beim FFF Empfang in Hof 2022

Wie verändert sich dadurch das Publikum?

Ana Radica: Ein Publikum ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Deshalb versuchen wir aktiv, neue Zielgruppen anzusprechen – etwa mit Schulvorstellungen oder ganzjährigen Veranstaltungsreihen.

Thorsten Schaumann: Die Menschen müssen heute oft erst wieder entdecken, wie besonders das gemeinsame Kinoerlebnis sein kann. Und ein Publikum ist heute auf vielen Kanälen unterwegs. Und da gehen wir natürlich auch hin. Das ist unser Angebot. Wenn junge Besucherinnen und Besucher dann erst einmal Festivalatmosphäre erlebt haben, sind die so gut wie alle sofort begeistert.

 

Welche Rolle spielt dabei das Publikum?

Thorsten Schaumann: Eine ganz zentrale. Das Hofer Publikum hat über Jahrzehnte hinweg eine enorme Filmkompetenz entwickelt. Junge Regisseurinnen und Regisseure sind oft überrascht, wie differenziert die Fragen und Diskussionen nach den Vorführungen ausfallen.
Ana Radica: Die Menschen hier sind mit dem Festival gewachsen. Sie haben die Karrieren vieler bedeutender Filmschaffender von Anfang an begleitet und bringen diese Erfahrung in die Gespräche ein.

 

Welche neuen Akzente kommen im Jubiläumsjahr hinzu?

Ana Radica: Viel dreht sich bei aller Improvisation um Langfristigkeit. Wir haben dafür inzwischen eigene Kompetenzen im Team aufgebaut. Ein Beispiel ist, dass wir in diesem Jahr erstmals einen Nachhaltigkeitspreis, den Planet Rebels Award, vergeben. Dabei geht es nicht nur um ökologische Produktionsweisen, sondern auch um Filme, die sich inhaltlich mit Zukunftsfragen beschäftigen.

Thorsten Schaumann:
Nachhaltigkeit bedeutet für uns, in die Zukunft denken: Wie schaffen wir Strukturen, die das Festival für kommende Generationen relevant halten?

© Hofer Filmtage

1993: Tom Tykwer

Wenn man Ihnen zuhört, entsteht der Eindruck, dass Hof mehr ist als ein Filmfestival.

Ana Radica: Vielleicht ist das tatsächlich so. Die Filmtage gehören bei vielen zur DNA. Viele Menschen in Hof nehmen sogar Urlaub, um während der Filmtage mitzuarbeiten. Andere kommen seit Jahrzehnten als Gäste zurück. Manche waren als Studierende zum ersten Mal hier und gehören heute fest zum Festival.

Thorsten Schaumann: Die Hof-Familie wächst. So entsteht ein Netzwerk über Generationen. Aber vor allem ist es ein Ort der Begegnung. Man läuft durch die Stadt und trifft Menschen aus aller Welt. Nachwuchsregisseur*innen, Produzent*innen, internationale Gäste, Publikum. Gespräche entstehen spontan. Freundschaften entstehen spontan. Oft auch neue Filme.

 

Was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre Hofer Filmtage?

Ana Radica:
Dass Hof neugierig und uns die Unterstützung auf so vielen Ebenen bleibt.


Thorsten Schaumann:
Und dass wir weiterhin diesen Spagat schaffen: die Geschichte zu bewahren und gleichzeitig offen für Neues sind. Hof hat eine starke Vergangenheit. Aber Hof ist immer auch Gegenwart und Zukunft. Am Ende geht es um Geschichten und um die Menschen, die sie erzählen. Unsere Aufgabe ist es, dafür den richtigen Raum zu schaffen.

 

Und das ist vielleicht das eigentliche Geheimnis der Hofer Filmtage?

Thorsten Schaumann:
Vielleicht. Filme sind der Anfang. Die Begegnungen sind das, was bleibt.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Christina Raftery
Redaktion: Olga Havenetidis

Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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