„Jeder Ort
kann für
den Film
erschlossen
werden“

Nach dem erfolgreichen Start im letzten Jahr ging es in die Fortsetzung: Der 2. Münchner Filmgipfel fand unter dem Titel „Outside the Box: Neue (Denk)Räume für Filmkultur“ im Rahmen des 41. DOK.fest München statt. Einer der wichtigsten Begriffe an dem Vormittag: „dritte Orte“.
Text von Dunja Bialas
5 Minuten Lesezeit
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Die frühe Uhrzeit passte zu den Gipfelstürmern. Am Morgen nach der feierlichen Eröffnung des 41. DOK.fest München unter der neuen Leitung von Adele Kohout und Maya Reichert fand sich die Filmcommunity – nicht ganz ausgeschlafen, aber zahlreich – in der HFF München zum 2. Münchner Filmgipfel ein. Nach dem erfolgreichen Aufschlag im Jahr zuvor, der unter dem Titel „Kreativität vernetzen, Orte stärken und Filmkultur fördern“ stattgefunden hatte, lautete das Thema diesmal: „Outside the Box: Neue (Denk)Räume der Filmkultur“.

Wieder luden die Filmstadt München e.V. und ihr größtes Mitglied, das DOK.fest München, gemeinsam mit dem Filmfest München ein, um über die Zukunft der Filmkultur in der Landeshauptstadt nachzudenken. Namhafte Akteur*innen aus der kommunalen Film- und Kinoszene sprachen auf zwei Podien. Es ging um die Herausforderungen der Stadtkultur angesichts steigender Mieten und knapper werdender Räume. Hinter der allgemeinen Frage, wie neue Orte für die Filmkultur aussehen könnten, wurde auch ganz konkret die Zukunft der einstigen Kino-Metropole befragt.

Kulturreferent Marek Wiechers fasste in seinen Begrüßungsworten das Motto des Gipfels als Appell an die Stadt auf. „Auch die öffentliche Hand“ müsse Kultur „outside the box“ denken. Kino verstehe er als Ort der Unterhaltung und als demokratiefördernden Raum, „der uns die Möglichkeit bietet, viele unterschiedliche Stimmen zu hören und zu verstehen“.

Das von Barbara Schuster und Thomas Schultze von SPOT moderierte Panel

Ganz in diesem Sinne hielt Malve Lippmann, Mitbegründerin und künstlerische Leiterin des Berliner Sinema Transtopia, eine Keynote. Sie stellte ihr Kino als beispielhaften Ort des sozialen Austauschs und Diskursraum vor. Eine Kernfrage ist für sie: „Wie muss Kino sein, damit sich die Leute wohlfühlen?“

Die Menschen miteinander in den gedanklichen Austausch zu bringen, unabhängig vom Ort des Kinos, den Alexander Kluge einst etwas scherzhaft „Mekka“ genannt hatte – weil dort alle in dieselbe Richtung blicken –, öffnet ihn als demokratischen Gedankenraum, von dem Wiechers gesprochen hatte. Daher sei auch der Blick auf die Inhalte wichtig, so Lippmann: Wer erzählt die Geschichten und welche werden vernachlässigt? So könnten auch neue Zielgruppen erschlossen werden.

Nach der Keynote fand auf dem Podium ein erster „Deep Dive“ statt. Auf dem langen Sofa nahmen hochkarätige Vertreter*innen der Münchner Kulturgesellschaft Platz: Markus Speidel, als Direktor des Stadtmuseums für das Filmmuseum München zuständig; Tobias Bartelmus, für den Spielbetrieb des Gasteigs verantwortlich; sowie Marina May, Programmdirektorin der Münchner Volkshochschule (VHS).

Kulturreferent Marek Wiechers begrüßte die Gäste

Mit den Institutionen Stadtmuseum und Gasteig waren zwei neuralgische Punkte der städtischen Kulturentwicklung vertreten. Für die Umbaumaßnahmen des Stadtmuseums muss das Filmmuseum München ab Juni 2027 ebenfalls schließen. Ob der Spielbetrieb an einem anderen Ort fortgesetzt wird, ist derzeit noch offen. Man werde „ein Interimsprogramm anbieten, ich kann aber noch nicht sagen, wie es aussieht“, räumte Speidel ein. Er stellte in Aussicht, dass das Filmmuseum ab der Wiedereröffnung 2030 nicht nur als Kino zurückkäme, sondern auch andere Räume bespiele. „Das Filmmuseum muss als integrativer Bestandteil des Stadtmuseums sichtbarer werden“, betonte er.

Der Gasteig steht vor ähnlichen Problemen. Obwohl das Kulturzentrum in Haidhausen seit fast fünf Jahren geschlossen ist, wird erst jetzt mit der Generalsanierung begonnen. Eine Neueröffnung soll erst zum Jahreswechsel 2034/35 kommen. Nach der erfolgreichen Gasteig-Sanierung sei aber standardmäßig Kinotechnik im Carl-Amery-Saal, im Carl-Orff-Saal und sogar in der Philharmonie zu erwarten, versprach Bartelmus. Bis dahin müsse man sich noch mit dem „Projektor“ im Sendlinger Interimsbau HP8 begnügen.

Die Veranstalter*innen und Panelisten (v.l.): Thomas Schultze und Barbara Schuster (Moderation), Tobias Bartelmus (Gasteig), Marina May (VHS), Malve Lippmann (Sinema Transtopia), Moni Haas (Filmstadt München), Patrik Thomas (CinéVéloCité), Maya Reichert (DOK.fest),  Marek Wiechers (Kulturreferent), Daniela Bergauer und Michael Hehl (Leopold Kinos), Adele Kohout (DOK.fest), Markus Speidel (Stadtmuseum), Christoph Gröner und Julia Weigl (Filmfest), Anna Kleeblatt (Kulturmanagerin)

Marina May sieht in der Filmvermittlung eine zentrale Aufgabe der VHS. Die Zusammenarbeit mit dem DOK.fest und dem Filmfest München sei eine gute Schnittstelle. Auch die Münchner VHS sei ein sozialer Raum, an dem die Menschen zusammenkommen, betonte May; das Stichwort der Stunde sei „digital detox“: „Die Leute wollen wirklich zusammenfinden“, entsprechend groß sei die Bedeutung des „Community Building“. Und doch sei es schwierig, technisch geeignete und bezahlbare Abspielräume zu finden.

Nach den Institutionen kamen die Kino-Akteure auf das Podium. Die Betreiber des ABC- und Leopold-Kinos, Daniela Bergauer und Michael Hehl, boten ihre Räume prompt der VHS an. Patrik Thomas stellte sein mobiles Fahrradkino „Ciné Vélo Cité“ vor, mit dem er im Stadtraum Filme im Pop-up-Format zeigt.

Die Kulturmanagerin Anna Kleeblatt erläuterte abschließend das Konzept des „dritten Ortes“. Der erste Ort ist das Zuhause, der zweite der Arbeitsplatz, der dritte der für alle offene Ort der Begegnung. Sie ist überzeugt, dass jeder Ort für den Film erschlossen werden könne. Kulturinstitutionen, die sich nicht öffnen, werden es in Zukunft schwer haben, Fördergelder zu bekommen, prophezeite sie. „Wir diskutieren in der Kultur viel darüber, dass wir Diskursräume bieten. Aber seien wir ehrlich: Wir diskutieren sehr viel mit uns allein.“

Malve Lippmann (Sinema Transtopia)

Die Diskussion kam diesmal – dem Format der Podien geschuldet – erst mit den Fragen des Publikums auf. Arne Ackermann, Leiter der Münchner Stadtbibliothek, meldete sich. Ganzjährig würden unter seinem Dach die Veranstaltungen der Filmstadt München stattfinden; sie seien deshalb als „zweites kommunales Kino“ zu betrachten. Eine Stadtbibliothek sei außerdem klassischerweise ein „dritter Ort“, der allen Bevölkerungsgruppen offenstehe. Das dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Claudia Engelhardt, stellvertretende Leiterin des Filmmuseums, meinte: „Auch wenn wir buchstäblich raus müssen aus der Black Box“, dürfe man Filme nicht einfach auf einer weißen Wand zeigen. „Die Qualität muss bleiben.“

Die zweistündige Veranstaltung verdeutlichte den großen Rede- und Diskussionsbedarf der Film- und Kinoschaffenden der Stadt. Die Stimmungslage blieb trotz der ungewissen Kino-Zukunft optimistisch: Wenn schon keine neuen Räume gefunden werden können, so hat sich doch der Münchner Filmgipfel zum zweiten Mal als neuer Denkraum für die Filmkultur bewiesen.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Dunja Bialas
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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