Wie die
Freundin
das Leben
spiegelt

Ella Cieslinski und Nina Wesemann haben an der HFF München studiert, die eine Drehbuch, die andere Dokumentarfilm-Regie. Mit Crowdfunding haben sie ihr Debüt Erzähl mir dein Morgen finanziert, einen Film, der kunstvoll dokumentarische Aufnahmen eines Schüler*innen-Workshops mit fiktionalen Szenen sowie Collagen verwebt. Ein paar Fragen an die beiden Autorinnen, Regisseurinnen und Produzentinnen.
Interview von Olga Havenetidis
6 Minuten Lesezeit
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Das Thema von Erzähl mir dein Morgen zeichnet eine Frauenfreundschaft und stellt fundamentale Fragen: Welches Leben will ich? Wie sieht mein Leben aus in den Augen meiner Freundin? Ist es je zu spät, es noch so zu leben, wie ich es mal gewollt habe? Für das Werk gab es zweifach den Förderpreis Neues Deutsches Kino beim 43. Filmfest München 2026, für die Regie und für eine der beiden Hauptdarstellerinnen.



Ella
Cieslinski und Nina Wesemann, Sie haben Ihren fiktionalen Debütfilm Erzähl mir dein Morgen ziemlich alleine gestemmt, darunter die Finanzierung. Wie haben Sie das geschafft?

Eine Arbeitsweise wie diese erfordert viel Ausdauer und ist ohne Unterstützung von außen kaum möglich. Dafür muss man andere zunächst von der eigenen Idee begeistern und überzeugen. Um die Dreharbeiten zu finanzieren, haben wir ein Crowdfunding gestartet. So konnten wir zumindest ein Mindestbudget für die Reise-, Unterkunfts- und Verpflegungskosten unseres Teams aufbringen. Gedreht wurde in Tübingen, Ellas Heimatstadt. Dort konnten wir auf ein großes Netzwerk an Unterstützer*innen zählen, die uns auf vielfältige Weise geholfen haben. Überhaupt haben wir Tübingen als außergewöhnlich gastfreundlich und offen gegenüber unserem Filmprojekt erlebt, sicherlich auch, weil dort vergleichsweise selten Dreharbeiten stattfinden. Während des Drehs und in der Postproduktion hatten wir dann professionelle Unterstützung von der Postproduktionsfirma Bewegte Bilder in Tübingen, sowie für das Colourgrading von Oasys Postproduction in München. Das war ein großes Glück!

 

Durch das begrenzte Budget haben Sie kreative Wege gesucht, um Ihren Stoff zu erzählen. Wie sind Sie bei den Überlegungen dazu vorgegangen?

Die ersten Überlegungen begannen mit der Entscheidung, die Handlung des Films in Tübingen anzusiedeln. Uns war bewusst, dass Ellas familiäres und freundschaftliches Umfeld die Suche nach geeigneten Motiven sowie nach helfenden Händen erheblich erleichtern würde. Eine weitere Überlegung bestand darin die Schulszenen in einem dokumentarischen Setting zu drehen. Nur so war es möglich, einen wichtigen Strang des Films an nur drei Tagen mit vielen Figuren zu drehen. Um die dokumentarischen Elemente und fiktionalen Szenen im Film am Ende zusammenzubringen, hilft die einheitliche Bildsprache. Ähnlich verhält es sich mit dem Erzählstrang des Onkels: Hier haben wir bewusst mit Archivmaterial gearbeitet und daraus eine eigenständige Erzählebene entwickelt. Entscheidend war, bereits im Drehbuch alle Erzählstränge und ihre möglichen Verknüpfungen anzulegen. So konnten die unterschiedlichen Ebenen im Schnitt miteinander in Beziehung treten und sich gegenseitig ergänzen.

© Freundinnen Film

Die Hauptdarstellerinnen Marlene-Sophie Haagen (l.) und Ricarda Seifried

Jede von Ihnen hatte bei dem Projekt mehrere Funktionen, Nina Wesemann war zum Beispiel auch als Kamerafrau für die Bildgestaltung verantwortlich. Wie hat sich das auf Ihre Arbeitsweise ausgewirkt?

Uns war von Anfang an wichtig, dass es ein Film von uns beiden ist. Die Geschichte und Erzählweise haben wir gemeinsam konzipiert. Ella kommt durch ihr Drehbuch-Studium mehr vom fiktionalen, Nina durch ihr Dokumentarfilmregie-Studium vom dokumentarischen Erzählen. Das wollten wir verbinden. Beim Dreh hat Ella Regie geführt, Nina hat die Kamera gemacht. In der Montage, für die Florian Seufert verantwortlich ist, haben wir den Film gemeinsam geformt. Die vielen unterschiedlichen Funktionen bringen eine sehr intensive Auseinandersetzung mit sich. Gleichzeitig gab es viele Dinge, die wir lernen mussten. Es war ja für uns beide das erste Mal, dass wir einen Film auch selbst produziert haben.

 

Den Workshop mit den Schüler*innen haben Sie dokumentarisch gefilmt.
Hat Sie das Ergebnis, wie gut sich das in dem Film als eigener Strang
macht, überrascht?

Wir haben den Workshop vorab sehr präzise thematisch geplant mit konkreten Arbeitsaufträgen für die beiden Schauspielerinnen. Überrascht waren wir davon, wie natürlich die Schüler*innen mit der Kamera umgegangen sind und wie großzügig sie ihre Geschichten mit uns geteilt haben. Das war aber auch möglich, weil wir vor Ort Unterstützung von Anja Markmann hatten, der Lehrerin für Literatur und Theater, die die Klasse für uns ausgesucht hatte. Beim Dreh hat dann manches natürlich besser geklappt als anderes, hier die starken Momente herauszuheben, die mit unserer Geschichte resonieren, war dann ein längerer Prozess im Schnitt. Aber schon während des Drehs gab es Momente, in denen wir uns angeschaut haben, weil uns das, was die Schüler*innen erzählt haben, so berührt hat.

Sie haben sich für den Film das Thema Frauenfreundschaft ausgesucht. Warum?

Wir beide leben und führen sehr intensive und intime Freundschaften, das sind teilweise Freundschaften noch aus der Kindheit und dann natürlich auch Freundschaften, die sich im Studium geformt haben. Dabei sind diese Freundschaften oft älter als unsere Beziehungen; sie sind Wegbegleiterinnen, Familie, Beständigkeit. Der Ausgangspunkt für den Wunsch, Frauenfreundschaften filmisch nachzugehen, kam aus dem Gefühl heraus, dass sich mit den 30ern die Selbstverständlichkeit dieser Freundschaften verändert. Lebensentwürfe beginnen auseinanderzudriften. Manche gründen Familie, andere nicht, manche ziehen in die Heimatstadt zurück, andere nicht. Im Gegenüber der Freundin kann es passieren, dass wir uns in unseren Lebensentscheidungen angegriffen fühlen, gerade weil man sich schon so lange kennt und die verschiedenen Phasen und Träume der anderen mitbekommen hat. Über die Frauenfreundschaft gehen wir im Film der Frage nach, wer wir sein wollen.

 

Welchen Rat haben Sie für andere Talente, die möglicherweise auch mit sehr geringen finanziellen Mitteln versuchen, einen Film zu machen, damit sie nicht verzagen?

Sucht euch jemandem mit dem ihr den Film zusammen machen könnt. Gerade, wenn man kein gängiges Budget hat, kann es essentiell sein den Druck nicht alleine aushalten zu müssen und sich jederzeit austauschen zu können. Geteilte Verantwortung kann einen langen, anstrengenden Prozess enorm erleichtern und vielleicht überhaupt erst möglich machen.

© Filmfest München

Die preisgekrönten Regisseurinnen Ella Cieslinksi und Nina Wesemann (2. u. 3. v.l.) mit der ebenfalls preisgekrönten Darstellerin Ricarda Seifried (2.v.r.) mit den beiden weiteren Förderpreisträger*innen Susanne Heinrich und Christoph Otto

Nun hat Erzähl mir dein Morgen zwei Förderpreise gewonnen: den für die beste Regie und den für die beste schauspielerische Darstellung. Wie hat diese tolle Auszeichnung Ihren Blick auf das Projekt verändert?

Es ist unglaublich schön zu sehen, wie der Film bei einem Publikum ankommt und verschiedenste Menschen berührt. Das hatten wir immer gehofft, aber bis der Film dann seine Premiere hat und er von einer größeren Gruppe gesehen wird, ist es doch schwer zu sagen, wie ein Film am Ende auf sein Publikum wirkt. Die Preise sind eine große Anerkennung für alle, die am Film mitgewirkt haben.

 

Wie geht es mit Erzähl mir dein Morgen jetzt weiter?

Wir sind auf der Suche nach einem Verleih und wollen den Film unbedingt ins Kino bringen.

 

Haben Sie schon Pläne für ein weiteres Projekt?

Ja, neben eigenen Projekten, an denen wir arbeiten, sind wir auch dabei eine Idee zu entwickeln für ein gemeinsames Projekt. Hier würden wir gerne unsere Erfahrungen aus Erzähl mir dein Morgen einfließen lassen und zum Beispiel die experimentelle Form weiter entwickeln. Diesmal aber unbedingt mit einem normalen Spielfilm Budget! Für die Entwicklung wollen wir bald Förderung beantragen.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Olga Havenetidis
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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