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Mit ihrem thematisch wie künstlerisch mutigen, erzähltechnisch raffiniertem und dabei sehr emotionalem Film Shahid waren Regisseurin Narges Kalhor und Produzent Michael Kalb ins Forum der Berlinale eingeladen.
von Marga Boehle
7 Minuten Lesezeit

Narges Kalhor

Es ist ihre eigene Geschichte, die Narges Kalhor erzählt. Ein mutiger Schritt und ein Blick nicht nur auf ihr Schicksal, sondern auch auf das anderer Asylsuchender. Narges Kalhor, in Teheran geboren und aufgewachsen, war 2009 mit ihrem Kurzfilm Die Egge zum Nuremberg International Human Rights Film Festival eingeladen und beantragte politisches Asyl. Aufsehen erregte ihr Fall international, da sie die Tochter eines ranghohen Kulturberaters des damaligen iranischen Präsidenten Ahmadinehjad ist.

Der Kampf mit der Bürokratie bei der Namensänderung ist nur eines der Themen des vielfältigen, schwer in ein Genre zu fassenden Films, irgendwo zwischen politischem Drama und persönlicher Tragikomödie. Im Mittelpunkt steht eine Frau – die Regisseurin –, die ihren Namen ändern will. Das Shahid aus Narges Shahid Kalhor soll verschwinden, es bedeutet „Märtyrer“ und geht auf ihren skurrilen Urgroßvater zurück, der, folgt man seiner Erzählung, nach seinem heldenhaften Tod im Iran diesen Ehrennamen erhielt. Als Narges diesen Namen ablegen will, taucht der alte Mann plötzlich auf und versucht, mit Hilfe seiner tanzenden Gefährten, seine Urenkelin umzustimmen.

Immer wieder verschwimmen die zeitlichen Ebenen, bewegt sich die Erzählung zwischen nervenaufreibenden bürokratischen Terminen beim Kreisverwaltungsreferat, Sitzungen beim Psychiater, Träumen, in denen die Protagonistin von ihrem Urahn verfolgt wird, Begegnungen auf der Straße und bei den Dreharbeiten mit anderen Asylsuchenden. Es ist ein Mix aus Realität und Fiktion, dokumentarischen und performativen Elementen – Film im Film, Theater, Schattenspiel, Tanz, erzählerischen und bildlichen Überlieferungen.

Die Regisseurin inszeniert eine Schauspielerin als sich selbst, rückt den weiblichen Blick in den Mittelpunkt, denn immer noch wird Geschichte/werden Geschichten vor allem aus männlicher Sicht erzählt. 

In Shahid mischt sich in die Erzählung des Urgroßvaters dessen Frau ein, und aus ihrer Sicht klingt die vermeintliche Heldensaga ganz anders. „Ich freue mich auf eine Zukunft, in der Frauen ihre Geschichte schreiben. Wenigstens im Cinema,“ meint Narges Kalhor. Vielleicht bekomme ihr Film in der Zukunft eine andere Bedeutung, lese man ihn anders. Jetzt stellt sie auch Fragen nach dem aktuellen Zustand in Iran: „Die Vergangenheit kennen wir, aber was ist unsere Haltung heute? Besonders wir Frauen aus dieser Gesellschaft, in der Diaspora, aus dem Nahen Osten, wie fühlen wir uns, was wollen wir?“ fragt die Regisseurin.

Der feministische Widerstand gegen patriarchale Strukturen und gegen die Homogenität der Gesellschaft sind ihr ein Anliegen. Neue Narrative können ihrer Meinung nach helfen, Geschichte(n) zu überdenken. Diversität, das Cinema der Migranten, das Kino aller Gesichter und ihrer Geschichten in der westlichen Welt und vor allem der noch immer so oft fehlende weibliche Anteil, auch in der Filmindustrie, sind Kalhors Themen.

Die setzt sie visuell vielfältig um. Kalhor, die in Teheran und später an der HFF München Spielfilmregie studierte und die Filmgeschichte genau kennt, bedient sich zum Beispiel beim deutschen Expressionismus, ist inspiriert von Stummfilmen, die ihren Ursprung vor dem ersten Weltkrieg haben. Das klassische Narrativ ist nicht ihr Ding, sie schätzt experimentelle Filme und ist ein Fan des französischen Essay-Films à la Agnes Varda. „Ich mag die Ich-Perspektive, die Geschichte von anderen in einem moralischen Zusammenhang zu erzählen.“

Shahid ist eine gesellschaftskritische Satire über die Pflicht zum Widerstand, nicht nur im Iran, sondern auch hierzulande. Kalhors Kampf gegen ihre Vergangenheit, der sich im Wunsch nach Entledigung eines Teils ihres Namens manifestiert, ist auch einer gegen die Tradition einer patriarchalen Kultur.

Vor und hinter der Kamera stehen zwei unterschiedliche iranische Frauen, die in Deutschland leben und nach einer Lösung der alltäglichen Konflikte in der neuen Heimat und den oft tödlichen in der alten suchen. Die Regisseurin Narges Kalhor mischt sich immer wieder mit ihren Kommentaren und Regieanweisungen in diese Konflikte ein. Die Grenze zwischen Heldentum und Scheitern, auch des gesamten Filmprojekts, ist fließend.

Narges ist von Beruf auch Editorin, schnitt auch ihren eigenen Film. Daher weiß sie, dass oft die besten Bilder entstehen, wenn die Kamera zufällig mitläuft: „Da zeigen die Menschen ihre echten Gesichter.“ Solche Momente verwendet sie als Wendepunkt der Geschichte. Einmal unterhalten sich am Rande des Sets Schauspieler über Narges‘ Asylantrag – so viel Glück wie sie hätten nicht alle. Eine reelle Situation, die die Kamera einfing, eine Reflexion über die gesellschaftliche Hierarchie unter Opfern.

Gedreht wurde an 20 Drehtagen mit multinationalem Team, in der Metropolitan Street in den Bavaria Filmstudios sowie in verschiedenen Locations in Augsburg, München und im Hinterbergwerkstudio in Wiesbaden. Nachwuchstalente standen gemeinsam mit erfahrenen Kolleg*innen vor der Kamera. Die Kostüme sowie die großen „Pardeh-Khani“-Zeichnungen in der Tradition persischer Miniaturmaler wurden von Künstler*innen im Iran geschaffen und via London nach Deutschland gebracht.

In der Postproduktion wurde neben dem Einsatz von moderner virtueller Studiotechnik auch mit KI generierten Inhalten experimentiert. Eine Spielwiese für Produzent Michael Kalb, der technikaffin ist und mit Tools im Bildbearbeitungsbereich bei szenischen Aufnahmen experimentierte, etwa wenn Teile des Gemäldes anfangen sich zu bewegen. Der KI-Einsatz war nicht nur kostentechnisch relevant, sondern passt auch inhaltlich, stellen sich doch immer wieder Fragen wie: Wer erzählt welche Geschichte, was ist aus welcher Perspektive richtig und falsch, welchen Bildern kann man glauben, welchen nicht.

Der HFF München-Abschlussfilm von Narges Kalhor In the Name of Scheherazade war auch bereits FFF-gefördert

Ihren Produzenten Michael Kalb lernte Kalhor 2019 bei der Weltpremiere ihres Abschlussfilms In the Name of Scheherazade in Lyon kennen. Damals beschlossen sie eine zukünftige Zusammenarbeit. Kalhor: „Für diese Art von Filmen braucht man mutige Produzenten, die bereit sind, mit Risiko reinzugehen.“ Kalb, der gerade mit Daria Kuschevs Debüt Wie im Himmel so auf Erden im Max Ophüls Wettbewerb vertreten war und als einer von fünf Produzent*innen auf Einladung von German Films am Networking des Berlinale Co-Production Market teilgenommen hat, war von Anfang an begeistert an ihrer Seite. Er las drei Drehbuchversionen und war früh auch inhaltlich involviert. Ihm ist als Produzent die Begleitung der kreativen Arbeit wichtig.

„Narges war sehr gut vorbereitet und wusste genau, was sie wollte,“ erzählt er. Die Stimmung sei super gewesen, es gab nie Überstunden. Besonders glücklich ist Kalb über den Umstand, dass er nachträglich fürs Team auf Tarif-Gage aufstocken konnte. Bei einem Budget von 300.000 Euro ein Kunststück. „Die Finanzierung hätten wir ohne den FFF nicht geschafft,“ sagt er.  Auch nicht ohne die tatkräftige Unterstützung aller involvierten Partner, die auf die üblichen Marktpreise verzichteten. Kalb absolvierte auch eine Schulung zum Green Consultant und begleitet in dieser Funktion jetzt auch andere Produktionen. Und Co-Produzent ZDF/Das kleine Fernsehspiel sowie die Förderer FFF Bayern und HessenFilm können eine offizielle Grüne Produktion ausweisen.

Was es bedeutet, in eine fremde Kultur geworfen zu werden, erzählt der Film auch mit viel Humor. Kalhor: „Das Leben ist traurig genug, ich möchte kein Kino zum Mitweinen, kein Mitleid wecken, sondern etwas mitteilen. Auch wenn wir große Verluste erlitten haben, haben wir Stärke, sind wir lebendig und geben die Opferrolle ab.“

Narges sieht sich weniger als Regisseurin denn als Autorenfilmerin. Wie wichtig ist es ihr, alles in einer Hand zu haben? „Weil es autobiografisch ist, und diese Art von Film aus der Ich-Perspektive, muss ich bei allem dabei sein. Wir entscheiden im Team, aber am Ende des Tages ist mein Nachname der Titel des Films, ist es mein Leben, da muss ich von A-Z Verantwortung übernehmen.“ Die offizielle Namensänderung gab sie allerdings auf – das sei so  komplex und teuer in Bayern, da habe sie lieber den Führerschein gemacht.

Das Plakat von Shahid

Ab dem 1. August soll Shahid im Eigenverleih, gemeinsam mit Schmidbauerfilm, in die Kinos kommen.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Marga Boehle
Fotos: Leonie Huber, Michael Kalb Filmproduktion
Redaktion und digitales Storytelling:
Dr. Olga Havenetidis

Gestaltung: Schmid/Widmaier

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