Wer in einer Diktatur lebt, der ist Terror und Propaganda ausgesetzt. Und nicht wenige reagieren darauf mit einem Rückzug ins Private. So hört man es zumindest immer wieder. Aber was ist, wenn das nichts hilft? Weil einen der offene oder schleichende Terror sogar in den privatesten Träumen verfolgt? Dass genau das während der NS-Diktatur geschehen ist, dafür gibt es Belege. Die Journalistin Charlotte Beradt hat sie in ihrem 1966 erschienenen Buch Das Dritte Reich des Traums gesammelt. Das heißt: 50 Träume, die von unterschiedlichsten Menschen, von der Putzfrau bis zum Fabrikbesitzer stammen. Diese zeigen: In einer Diktatur werden selbst die Träume zu einem Element des Terrors. Und das ist nicht nur in Nazi-Deutschland, sondern auch in UdSSR und im modernen Russland passiert.
Das Böse
lauert
in den
Träumen
Letzteres wird in dem Fall nicht in dem 2016 noch einmal neu erschienenen, erschütternden Buch von Charlotte Beradt dokumentiert. Sondern in der FFF-geförderten Virtual-Reality-Experience Library of Dreams, die in Teilen auf Beradts Traumaufzeichnungen basiert. „Ich träumte, dass es verboten war zu träumen, aber ich tat es trotzdem.“ Dieser Satz wird auf der Webseite des Projekts zitiert, in dem wir in die Träume eines Kindes, eines sibirischen Bauers, einer Hausfrau und sechs weiteren Personen eintauchen können. Das heißt dann, wenn die VR-Experience fertig ist. Die Premiere soll im nächsten Sommer sein, beim Venice Immersive-Festival in Venedig, das parallel zu den Filmfestspielen stattfindet.
So erzählt es Davide Cocchiara vom Nürnberger Studio Abduct Media, das auf die Entwicklung von Extended-, Virtual- und Augmented-Reality-Projekten spezialisiert ist und an der Produktion von Library of Dreams beteiligt ist. Weil das von Davide zusammen mit seinem Bruder Giovanni Cocchiara geleitete Studio damit in Bayern sitzt, war eine Förderung durch den FFF Bayern möglich. Und im vergangenen Juni hat Abduct Media auch einen Produktions-Zuschuss in Höhe von 60.000 Euro bekommen. Diese gehen nun in die technische Umsetzung, an der neben den Cocchiara-Brüdern und mehreren Freelancern das ebenfalls auf XR spezialisierte Yaga Studio aus Leipzig und noch ein weiteres Studio aus Israel beteiligt sind.
Davide Maria Emanuel Cocchiara und Giovanni Cocchiara vom Nürnberger Studio Abduct Media
Zentraler Kopf und die Ideengeberin hinter Library of Dreams ist aber die aus Moskau stammende, aktuell in Deutschland lebende, multidisziplinäre Künstlerin Jane Rzheznikova. Sie ist die Autorin und Direktorin des Projekts, das in einer ersten Fassung 2022 für das gemeinsame „Digital Autumn Educational Program“ der Less Media Group und des French Institutes entwickelt wurde. Hinter der Less Media Group steckt Alina Savelyeva, die ebenfalls russische, aber auch ukrainische Wurzeln hat. Und sie war es, mit der Abduct Media auf der „ArtTech Prize and Conference“ im Oktober 2024 in München in Kontakt kamen, wie Cocchiara erzählt. „Sie stand auf einer Bühne und stellte dem Publikum ihre XR-Designprinzipien und Vertriebsstrategien vor. Und wir fanden, dass sie perfekt zu unseren Überzeugungen in Bezug auf dieses Medium passte.“
Schon kurz darauf tauchten sie in die Details ihres inzwischen gemeinsamen Projekts ein. Bei dem sich, wie der 27-Jährige beim Video-Chat verrät, aber noch so einiges ändern wird. Und das betrifft unter anderem einen formalen Aspekt, der eigentlich sehr spannend klingt. Gemeint ist Rzheznikovas Idee, für die Produktion analoge Foto- und Filmkameras sowie echte Tonfiguren zu benutzen. Um das Ganze „authentischer“ und realistischer wirken zu lassen. Nur mussten Davide und Giovanni Cocchiara ihr klar machen: Das wird zu kompliziert. Trotzdem wollen sie einen Teil dieser Ideen beibehalten und am Ende eine digitale Lösung finden, die „den gleichen Effekt“ hat.
Künstlerin Jane Rzheznikova
Genau das sehen Davide und sein fünf Jahre älterer Bruder als Produzenten auch als ihre Aufgabe, wie er verrät. Dass sie die Visionen der Künstler soweit möglich technisch übersetzen. Aber ihnen auch klarmachen, was wirklich geht und was leider nicht. Um dann gemeinsam die beste Lösung zu finden. Das soll im Falle von Library of Dreams eine etwa 20-minütige Experience sein, die man sich im Sitzen mithilfe einer VR-Brille ansieht. Auch das dachte sich Jane Rzheznikova am Anfang etwas anders. Aber, so Cocchiara: „Wir haben uns entschieden, es so zu machen, dass es wirklich für alle zugängig ist.“
Das betrifft auch das Thema Interaktion. Und da stammt ihre Expertise bei Abduct Media daher, sagt er, dass sie von der Computerspiel-Entwicklung kommen. Ihr erstes Projekt war Interdimensional Mailmen, ein lustiges Spiel „zur Unterhaltung“. Also etwas ganz anderes. Aber er meint, dass man für die „Balance“ als Entwickler beides brauche, spaßige und ernste Themen. Ihr zweites Projekt, die investigative XR-Experience The Demise of the ISS Leonardo hatte dann schon politische und gesellschaftskritische Untertöne. Und das gehöre eben auch zu ihrer „Seele“: Komplexes Storytelling „mit politischen Themen“ zu kreieren. Was bei Library of Dreams neu ist: Das Ganze soll am Ende auch den Charakter einer Ausstellung haben, mit ergänzenden Objekten und Dokumentationsmaterial. Aber darum werden sich dann, so Cocchiara, Rzheznikova und Savelyeva kümmern.
Ihr Part bei Abduct Media ist dagegen wie gesagt die technische Entwicklung. Und da ist vorgesehen, dass die Experience am Ende aus fünf Teilen besteht. Einer „Eröffnung“, in der die Zuschauer die Protagonisten kennenlernen. In Teil 1, „Room“, wird ein „sicheres Zuhause“ simuliert, in dem man als Betrachter aber bereits das Gefühl bekommen soll, dass man beobachtet wird. In Teil 2, „Journey“, ist man unterwegs durch Traumlandschaften. In Teil 3, „Mirror“, geht es dann um den „introspektiven“ Blick in einen Spiegel und Fragen wie: Bin ich ein Teil des Bösen? Und in Teil 4, „Lake“, wird der See zum Symbol für das kollektive Unbewusste und das „tiefe Trauma“, das darin verborgen ist.
Das klingt nach einer aufregenden, aber auch herausfordernden Erfahrung. Und da Library of Dreams auch auf anderen Festivals, in Museen oder Schulen gezeigt werden soll, gibt es ja vielleicht die Chance, es auch in München zu erleben. Oder in Nürnberg, wo die Cocchiara-Brüder gelandet sind, weil es im Italien zwar „eine große Filmkultur“ gäbe. Für „innovative Technologien“ wie XR sei es aber leider „nicht der richtige Ort“. Deshalb hätten sie sich in Europa umgeschaut. Und Deutschland hätte sich als „guter Kompromiss zwischen kultureller und physischer Distanz“ erwiesen. Auf der Münchner Games-Messe „GG Bavaria“ hätten sie dann den Gründer des Nürnberger Game Studios Pixel Maniacs kennengelernt. Und der bot ihnen sofort einen Platz in ihrem Co-Working-Büro an. Ein Glück für die Brüder, aber auch für uns. Weil sie mit Projekten wie „Library of Dreams” die bayerische XR-Landschaft sehr bereichern.
Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Jürgen Moises
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier