„Eine echt
befreiende
Erfahrung“

Mit ihrem Bestsellerroman „Lügen über meine Mutter“ stand Daniela Dröscher 2022 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Das Buch ist in zehn Sprachen übersetzt. Im Frühjahr 2026 wurde es für „Berlin liest ein Buch“ ausgewählt, im Oktober kommt die FFF-geförderte Adaption unter der Regie von Aron Lehmann in die Kinos. Rosalie Thomass schrieb das Drehbuch und übernahm mit der Mutter Cornelia eine der drei Hauptrollen. Im Interview sprechen Daniela Dröscher und Rosalie Thomass über ihre Zusammenarbeit, Familie und die Bedeutung von Kilos für Frauen – im Leben und im Filmgeschäft.
Interview von Tina Rausch
10 Minuten Lesezeit
© Luis Zeno Kuhn / Tobis

Daniela, Sie hatten mehrere Angebote für die filmische Adaption Ihres Romans. Wie haben Rosalie Thomass und Aron Lehmann Sie überzeugt?

Daniela Dröscher: Ganz klar durch ihre Persönlichkeiten und ihren Love Letter an mich. Und durch viele Parallelen: Wir teilen die Liebe zum Absurden, wir mögen große Gefühle, wir lieben gute Figuren und gute Geschichten. Dazu kam ihr tolles Konzept: Im Buch gibt es keine einzige Kilogrammangabe. Literatur kann uns dazu animieren, uns so etwas wie einen umfangreichen Körper vorstellen. Das kann der Film nicht. Rosalie und Aron haben beide genuin filmisch gedacht und eine supercoole Übersetzung dafür gefunden.

Rosalie Thomass: Interessant, das wusste ich so noch nicht!

 

Lügen über meine Mutter ist Ihre erste eigenständige Drehbucharbeit, Rosalie …

R.T.: Nicht ganz: Es ist die erste Drehbucharbeit, die komplett aus meiner Feder stammt und verfilmt wurde. Es gab davor schon ein noch unverfilmtes Drehbuch von mir, und ich habe gemeinsam mit Aron Lehmann Jagdsaison von Lea Schmidbauer überarbeitet. Dass ich bereits von vorne bis hinten ein komplettes Drehbuch geschrieben hatte, war wichtig. Sonst hätte ich mir nie angemaßt, einen Roman zu adaptieren.  Zumal einen so komplexen. Es galt, der Vorlage treu zu bleiben, sich zugleich davon zu lösen und die Handlung zu verdichten: Im Roman erstreckt sie sich über vier Jahre – von 1983 bis 1986 –, im Film über lediglich eines.

R.T.: Ich glaube, dass viele meiner schauspielenden Kolleg*innen sehr gute Dramaturg*innen sind. Denn zu unseren Hauptvorbereitungsaufgaben gehört es, ein Drehbuch oder ein Theaterstück zu analysieren. An welchem Punkt in der Struktur befinde ich mich? Was sind die Wendepunkte? Welche Funktion trägt meine Figur? Ich durfte in meiner Karriere mit sehr vielen guten Texten arbeiten. Mein Eindruck war, dass dies genau die Kompetenz ist, die ich mir in den über 20 Jahren erschlossen habe, in denen ich jetzt schon als Schauspielerin arbeite: einen bestehenden Text aufmerksam zu lesen, ihn einzusaugen und intuitiv die Stellen herauszufiltern, die emotional und dramaturgisch am meisten Gewicht haben.

Links: © Linda Rosa Saal
Rechts: © Clemens Porikys

Daniela Dröscher und Rosalie Thomass

Wie sind Sie weiter vorgegangen?

R.T.: Ich habe auf einem Whiteboard Karteikarten mit den für mich zentralen Szenen angeordnet. Dann habe ich versucht, die für mich wichtigsten Ereignisse in einen immer kleineren Zeitrahmen zu bringen. Mein Ziel war, die Essenz der Erzählung zu erhalten, auch wenn sich die Ereignisse im Film zeitlich anders darstellen als im Roman. Ich habe mich getraut, deinem Text durchaus etwas zuzumuten, Daniela, weil er so genau und so stark ist. Diese Kraft, dieses Potenzial, ins Filmische zu übertragen, empfand ich eher als meine Aufgabe als jeden Satz Wort für Wort zu übernehmen.

 

Apropos Essenz, die Schlüsselszene des Films steht so nicht im Buch: Als die Mutter erfährt, dass ihr Mann auf dem Volksfest mit einer anderen tanzt, geht sie sofort dorthin. In Radlerhose und Frottee-T-Shirt vor der Dorfgemeinschaft tanzend führt sie ihren Mann vor. Sehen Sie das auch als Schlüsselszene?

R.T.: Auf jeden Fall. Für mich als Leserin des Romans und später als Verkörperung der Mutter war entscheidend, dass ich sie nie als Opferfigur oder schwächlich empfunden habe. Wobei ich durchaus Mitgefühl hatte – oder eher Mit-Wut, Empörung – und dachte: Wann spürst du endlich deine Kraft? Denn sie ist da. Das ist für mich das Urweibliche und Universelle an der Erzählung, das ich auch aus meinem privaten Umfeld kenne: Viele Frauen, ob Mütter oder nicht, haben diese Kraft, sich immer wieder selbst am eigenen Schopf aus der Gosse zu ziehen. In einer für mich ebenfalls sehr zentralen Szene im Roman springt die Mutter im Schwimmbad ins Wasser. Hier geht es zentral auch um das Thema Scham. Aber weil die Szene aus dem Roman einfach nicht eins zu eins in den Film passen wollte, habe ich eine Entsprechung gesucht. Also eine Situation, in der die Filmfigur – die eine Interpretation von vielen möglichen ist – einen ähnlichen Moment hat. Einen Moment, in dem sie ihren Körper der Öffentlichkeit zumutet. Da ich in der Figur auch eine Sinnlichkeit und Sehnsucht nach Ausdruck gespürt habe, lag der Tanz nahe. Sicher auch wegen meiner Leseerfahrung der Sequenz im Buch: Als ihr Mann auf der Kirmes mit der anderen Frau tanzt, hätte ich mir gewünscht, dass sie dort hingeht und ihm mal kurz zeigt, wo es langgeht. Dazu war es wichtig, dass sie nicht in einem tollen, sozusagen „vorteilhaften“ Kleid tanzt – wie sonst immer in Filmen –, sondern in dem, was sie eben gerade trägt: ihrer Putzuniform. Darin steckt in meiner Vorstellung die große Kraft und Selbstermächtigung dieser Frau.

Daniela, haben Sie die Filmszene ähnlich gelesen?

D.D.: Ich würde dem total zustimmen – ich habe es nur noch nie so genau von dir gehört, Rosalie. Dass aus der einen Szene im Buch die andere im Film geschlüpft ist, finde ich hochinteressant. Genau das ist symptomatisch für unsere gesamte Zusammenarbeit. Ich wusste meinen Stoff in vertrauensvollen Händen und konnte ihn komplett loslassen. Hinzu kommt: Ich wusste schon früh, dass Rosalie die Mutter spielen wird, meine Traumbesetzung. Rosalie kann sehr coole Drehbücher schreiben – Jagdsaison hatte ich gesehen –, und diese Rolle konnte sie sich sogar selbst erschreiben. Das fand ich genial. So sind diese ganz eigenen Szenen entstanden. Und ja, es ist eine Interpretation, weil die Mutter im Film eine Spur kraftvoller ist als in meinem Buch. Das finde ich megaschön. Durch Rosalies eigenen Zugriff auf den Stoff konnte ein eigenes künstlerisches Werk entstehen. Das geht nur mit Vertrauen, Wertschätzung, Loslassen.

 

Hatten Sie bei der weiteren Besetzung ein Mitspracherecht? Ich stelle es mir bei einem autofiktionalen Roman schon wichtig vor, wer welche Figur verkörpert.

D.D.: Das Wort Mitsprachrecht ist fast zu streng, wir waren stets im Austausch. Aron hat mir immer erzählt, wen er im Kopf hat, ich fand alles gut. Ich hätte mir auch nie angemaßt, etwas anzuzweifeln – Autofiktion hin oder her –, es handelt sich hier um eine Expertise, die nicht meine ist. Genau wie Drehbuchschreiben. Ich habe großen Respekt vor dem Handwerk anderer, und über Golo Euler als Vater habe ich mich total gefreut. Uns einen so sympathischen Schauspieler vor die Nase zu setzen, um uns auch gleich mitzuverführen – das fand ich extrem schlau. Über das Kind habe ich mich genauso gefreut. Ja, ich finde die ganze Filmfamilie toll.

© Luis Zeno Kuhn / Tobis

„Wir wollten sichtbar machen, wie extrem die Gesellschaft auf Frauen einwirkt, und ihnen – oft erfolgreich – das Gefühl vermittelt, ihr Körper sei tatsächlich ein Problem.“ Szene aus Lügen über meine Mutter

Die Tochter Ela, gespielt von Elise Lindner, fungiert zugleich als kindliche Erzählerin, die mit zeitlichem Abstand und dem Wissen einer Erwachsenen auf die Geschichte blickt. Der Kunstgriff ersetzt die erklärenden Zwischentexte im Roman. Wie hat Elise auf ihren Text reagiert – mit Begriffen wie „strukturelle Benachteiligung“ oder Aussagen wie: „Die finanziell unabhängige Frau ist eine Provokation im Patriarchat.“?

R.T.: Elise ist unglaublich schlau. Fast so, als hätte sie Zugang zu einem universellen Wissen. Das war faszinierend. Mein Eindruck war, dass sie von ihrem Elternhaus sehr gut begleitet wurde, was für uns natürlich ein großes Geschenk war. Wie es sich für sie angefühlt hat, kann sie nur selbst sagen. Ich habe sie als wertvolle Spielpartnerin erlebt, die eine gewisse Weisheit in sich trägt.

 

Einige Nebenfiguren werden im Roman als dick oder pummelig beschrieben. Im Film ist die Mutter die einzige korpulente Person weit und breit.

R.T.: Das war zunächst eine Regieentscheidung von Aron. Ich hatte anfangs die Chance gesehen, mehrere diverse Körper sichtbar zu machen. Aron wünschte sich allerdings, dass Cornelia mit diesem Körper alleine und wirklich ausgestellt ist. Wir wollten dadurch letztlich sichtbar machen, wie extrem die Gesellschaft auf Frauen einwirkt, und ihnen – oft erfolgreich – das Gefühl vermittelt, ihr Körper sei tatsächlich ein Problem.

Kommen wir zum wundersamen Körper der Mutter. So wie er im Roman nicht mit Kilos beziffert wird, lässt er sich im Film nicht fassen: Sie haben mit verschobenen Perspektiven gearbeitet, mit Spiegeln und Handkamera. Vieles sehen wir durch Elas Augen, durch ein Loch im Comicheft, unter dem Küchentisch liegend …

R.T.: Es gab einige Ideen, zum Beispiel die Tanzszene mit vielen Frauen mit den verschiedensten Körperformen zu inszenieren, um den Wahnsinn von Cornelias Mann zu dekonstruieren. Doch Aron und unser Produzent Sebastian Zühr haben mich davon überzeugt, es einfach zu halten. Letztlich ist es nicht entscheidend, was wir als Zuschauende sehen, ob Cornelia sie 20 Kilo mehr oder 10 weniger hat. Denn das, was wir erzählen – und dafür haben wir uns früh entschieden –, findet im Kopf des Ehemanns statt. Verbunden mit der Dynamik, dass durch seine Beeinflussung das Kind ins Zweifeln kommt. Und wir.

 

So ist es bei Ihrem Körper geblieben, der im Laufe des Filmes verschiedene Ausmaße anzunehmen scheint.

R.T.: Wir haben genau ausgelotet, was man mit meinem Körper machen kann: Je nachdem, wie du ihn einkleidest, aus welcher Perspektive wir ihn sehen, welche Körperhaltung ich einnehme – derselbe Körper, andere Wirkung. Unser Ziel war, dass man sich nie sicher sein kann, ob die Mutter vielleicht doch wieder mehr geworden ist. Ähnlich wie der Gedanke beim Lesen – zumindest ich ertappte mich bei dem Gedanken: „Na gut, aber … vielleicht ist sie wirklich sehr dick?“ Ich schämte mich, für den Reflex dem Vater recht geben zu wollen. Wir alle haben diese Sehgewohnheiten, und auch wenn es sich einige wenige bewusst abtrainiert haben, erlebe ich es immer noch, dass irgendwer erleichtert zu jemandem sagt: „Mei, du bist ja wieder schön schlank.“

© Luis Zeno Kuhn / Tobis

Juliane Köhler in der Rolle von Großmutter Martha

Wie haben Sie nach dem Schreiben und all den Überlegungen die Arbeit am Set erlebt?

R.T.: Als große Befreiung: In jeder meiner bisherigen Anproben ging es darum, mich so anzuziehen, dass ich möglichst schlank wirke. „Rosalie, du weißt, die Kamera legt noch mal was drauf.“ Sicher gut gemeint, aber warum ist das immer so zentral? Diesmal hieß es: „Wie bekommen wir es hin, dass der Po noch größer aussieht?“ Ich hatte das allererste Mal in meinem Berufsleben als Schauspielerin das Gefühl, dass mein Körper kein lästiges Hindernis ist, sondern bewusst eingeladen und willkommen. Eine echt befreiende Erfahrung. Im Film gibt es kaum Körper über Größe 34. Darüber hinaus zu existieren oder sichtbar zu sein, scheint schon ein kleiner Tabubruch zu sein. Ich weiß, dass das viele meiner Kolleginnen kennen, ungeachtet ihres tatsächlichen „Body-Mass-Index“: den Druck, möglichst wenig sein zu müssen.

 

Nicht zuletzt erzählt Lügen über meine Mutter von der Liebe zwischen Mutter und Tochter und von deren Aufbruch. Was sagen Sie zu dem Zitat, das im Film gerahmt an der Wand hängt: „Familie heißt, Teil von etwas Wunderbarem zu sein.“

R.T.: Ja … Daniela …?

D.D.: (lacht) Das kommt ganz darauf an. Ich finde die Idee von Familien nach wie vor sehr, sehr schön, aber man muss sie revolutionieren. Nicht reformieren, revolutionieren.

R.T.: Ich lebe in einer starken Freundinnengemeinschaft, meiner gefühlten Familie, so nenne ich es, das ist für mich ganz wichtig. Das Konzept „Vater, Mutter, Kind“ finde ich überholt. Deiner Revolution, Daniela, würde ich mich sofort anschließen.

D.D.: Ich hoffe, dass viele Freundinnen gemeinsam ins Kino gehen. Auch Buchclubs. Ich glaube, man kann über diesen Film genauso krass in Verbindung treten und diskutieren wie über das Buch. Es ist das volle Gemeinschaftserlebnis.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Tina Rausch
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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