Nieder­kalten­kirchen ist überall

Am 13. August kommt Steckerfischfiasko ins Kino, der zehnte Film rund um Dorfgendarm Franz Eberhofer. Produzentin Kerstin Schmidbauer blickt auf die erstaunliche Erfolgsgeschichte der bayerischen Komödienreihe zurück
Interview von Dominik Petzold
8 Minuten Lesezeit
© Constantin Film

Frau Schmidbauer, können Sie manchmal den riesigen Erfolg der Eberhofer-Filme selbst kaum glauben?

Kerstin Schmidbauer: Ja. Aber es ist nie ein Selbstläufer. Wir sind bei jedem Film so aufgeregt wie beim ersten, vielleicht sogar noch mehr, weil wir die Erwartungshaltung der Fans spüren.

 

Wie erklären Sie sich den anhaltenden Erfolg?

Es gibt viele Faktoren. Wir hatten von Anfang an eine populäre Buchreihe. Die ersten beiden Bände Winterkartoffelknödel und Dampfnudelblues hatten sich schon sehr gut verkauft. Es ist immer eine gute Basis, einen Bestseller zu haben – allerdings haben das auch andere Projekte. Ein wichtiger Faktor der Eberhofer-Bücher und Filme ist das anarchische Grundgefühl. Die Filme feiern eine analoge Welt, die viele noch kennen. Und es ist eine eigene Welt, in der auch mal Dinge passieren, die über das Reale hinausgehen. Wo gibt es Polizisten, die einen Nachbarschaftsstreit mit der Pistole schlichten? Wir können uns viel trauen, und das funktioniert so gut wegen der wunderbaren Charaktere: Sie sind unangepasst, eigenwillig und haben einen Wiedererkennungswert. Jeder kennt solche Leute.

 

Auch Sie als Nicht-Niederbayerin?

Ich komme aus Nürnberg, so anders ist die fränkische Provinz nicht. Rita Falk hat schon Briefe bekommen, in denen Leute aus Norddeutschland schrieben: Niederkaltenkirchen ist überall, auch bei uns. Und ich zum Beispiel hatte auch so eine Oma, die uns alle bekocht und ein Regiment geführt hat.

© Bernd Schuller

Produzentin der ersten Eberhofer-Stunde: Kerstin Schmidbauer

Eine filmische Grundregel lautet: Die Figuren müssen eine Entwicklung durchmachen. Auf die Figuren Ihrer Eberhofer-Filme trifft das überhaupt nicht zu.

Das ist in Rita Falks Romanen so angelegt. Franz Eberhofer ist resistent, was Veränderung anbelangt. Und das spiegelt unsere Realität: Wir verändern uns ja auch nicht, tappen immer wieder in dieselben Fallen und lernen nicht so richtig daraus. Auch darin liegt ein Wiedererkennungswert der Figuren. Man merkt: Die sind ja wie ich. Die Filmdramaturgie ist tatsächlich sehr untypisch. Das ist für die Drehbuchautoren Stefan Betz und Ed Herzog, unseren Regisseur, eine Herausforderung, sie müssen andere kreative Lösungen finden.

 

Es geht in den Filmen nicht immer politisch korrekt zu. Haben Sie keine Sorge, mal Ärger zu bekommen?

Es gehört zu der Reihe, dass wir uns in keine Richtung Einschränkungen auferlegen wollen. Wenn die Kreativen eine Schere im Kopf haben, verlieren sie die Unangepasstheit und die Spielfreude. Deshalb gehen wir immer eher das Risiko ein, dass sich der eine oder die andere an etwas stört.

 

Wie ist die Altersverteilung Ihres Publikums?

Die ganze Familie geht in die Filme, von Kindern bis zu den Großeltern. Das sehen wir auch bei den Kinotouren, dass Eberhofer alle abholt. Auch das Verhältnis Männer-Frauen ist nahezu fünfzig-fünfzig. Wenn nicht Menschen jeden Alters für Eberhofer ins Kino gehen würden, könnten wir nicht so hohe Zuschauerzahlen erreichen. Und wir erreichen viele Menschen, die sonst nicht ins Kino gehen.

Gibt es auch Hardcore-Fans?

Ja, viele machen die Kinotouren mit. Manche nehmen sich extra Urlaub, weil sie begeistert sind, so nah an den Darsteller*innen sein zu können. In Frontenhausen gibt es mittlerweile auch eine Filmtour, zu der die Fans zum Teil von ganz weit her pilgern.

 

Profitieren Sie davon?

Nein, das wird größtenteils über die Gemeinde organisiert. Aber wir unterstützen die Gemeinde Frontenhausen gern. Wir sind ihr zu großem Dank verpflichtet, weil sie uns so toll bei den Dreharbeiten unterstützt.

 

Blicken wir auf die Anfänge: Wie sind Sie auf Rita Falks Buchreihe gekommen?

Das war ein Glücksfall. Das Buch war in einer Filmstoffliste aufgeführt, die ich bekommen habe, aber ich habe es nicht so richtig wahrgenommen. Erst in einer Buchhandlung bin ich über die schrägen Titel gestolpert: Winterkartoffelknödel und Dampfnudelblues. In dieses Buch habe ich reingeblättert und der Einstieg lautet: „,Stirb, Du Sau.‘ steht auf der Hauswand des Schuldirektor Höpfl. Ärgerlich nicht nur für den Höpfl.“ Das fand ich so originell und lakonisch, dass ich die beiden Bücher mitgenommen habe. Mein Glück war, dass der Verlag und alle Beteiligten beschlossen hatten, erst Gespräche über die Verfilmungsrechte zu führen, wenn klar ist, wie sich die Reihe entwickelt. Ich kam gerade noch rechtzeitig.

© Constantin Film

Sie wollten dann daraus zunächst eine Fernsehreihe für die ARD Degeto und den BR machen.

Wir haben mit Dampfnudelblues als Fernsehfilm gestartet und von der Redaktion, der leider verstorbenen Stephanie Heckner und von Katja Kirchen große Freiheiten bekommen und konnten inhaltlich sehr unkonventionell arbeiten: Zum Beispiel haben wir – das war Ed Herzogs Vision – unseren fiktiven Ort Niederkaltenkirchen bewusst fast menschenleer gedreht. Auch in puncto Humor waren wir sehr unkonventionell. Als der erste Film fertiggestellt war und zum Filmfest München eingeladen wurde, hatte sich das schon rumgesprochen. Da haben bayerische Kinobetreiber bei unserem Verleih angerufen, und bereits vor dem Filmfest liefen schon Gespräche darüber, ins Kino zu gehen.

 

Was waren die weiteren Meilensteine?

Die Premiere auf dem Münchner Filmfest war fantastisch. Es war ein Wahnsinnserlebnis, zu merken, dass nicht nur wir das lustig finden, sondern auch viele andere. Im Kino ging das dann weiter. Ich habe mich oft in Vorführungen gesetzt, und das war total motivierend. Denn ich hatte ja zuvor ausschließlich fürs Fernsehen produziert, und die direkte Rückkopplung im Kino ist fantastisch. Wir haben dann ab Winterkartoffelknödel fürs Kino produziert. Mit dem fünften Film Sauerkrautkoma erreichten wir zum ersten Mal über eine Million Zuschauer. Mit Grießnockerlaffäre habe ich den Bayerischen Produzentenpreis bekommen. Und es gab viele tolle Publikumspreise, mit Leberkäsjunkie haben wir sogar den „Publikumspreis des Jahrzehnts“ beim Bayerischen Filmpreis gewonnen.

© Constantin Film

Im neuen Eberhofer kommt sogar die Ballettstange zum Einsatz

Die Schauspieler der Reihe sind unersetzlich und damit in einer guten Verhandlungsposition. Ist das für Sie als Produzentin eine große Herausforderung?

Wir sind alle zusammengewachsen und wir versuchen immer faire Partner zu sein. Das Ensemble besteht aus lauter tollen Menschen. Franziska Aigner hat sie fantastisch gecastet, viele Schauspieler*innen waren ja damals noch nicht so populär wie heute. Sie sind alle menschlich total in Ordnung und würden uns nie erpressen. Hoffe ich zumindest!

 

Aber Sie müssen das gesamte Ensemble immer wieder zur gleichen Zeit zusammenbringen.

Das müssen wir von langer Hand planen. Wir haben seit 2012 zehn Filme gedreht, die hohe Taktung war nur möglich, weil wir fast immer im gleichen Zeitraum gedreht haben – ab ungefähr Mitte September, das war dann bei den Agenturen schon eingeplant, und alle haben sich daran gehalten. Dafür bin ich unheimlich dankbar.

 

Wäre es nicht effizienter, zwei Bücher auf einmal zu verfilmen?

Das wurde mal diskutiert, aber das würden wir nicht schaffen. Ich glaube, das funktioniert beim Kinofilm nicht. Man braucht immer die Rückkopplung vom letzten Film, das Zuschauerfeedback, um sich auf den nächsten vorzubereiten. Ich fände es gefährlich, zwei Filme auf einmal zu drehen, schließlich hat man immer wieder ein neues Learning.

 

Zum Beispiel?

Die Zuschauer haben uns mal gesagt, dass für sie ein wichtiger Bestandteil ist, dass der Eberhofer, Flötzinger, Simmerl und Wolfi immer gemeinsam Schmarrn machen. Das kommt in der Buchreihe nicht durchgehend vor, aber für viele Fans der Filme sind diese Filmmomente unheimlich wichtig.

 

Können Sie bei einem Eberhofer pro Jahr noch andere Filme produzieren?

Es ist für mich eine Lebensentscheidung und große Freude, Eberhofer zu machen, und ich muss sehr genau planen. Aber ich habe auch ganz anders gelagerte Filme in den letzten Jahren produziert, auf die ich ebenfalls sehr stolz bin, wie zuletzt den Netflix-Actionthriller Exterritorial und die ARD-Miniserie Haus aus Glas.

 

Für Sie war Bernd Eichinger die Initialzündung, um Produzentin zu werden. Können Sie mehr darüber erzählen?

Ich habe in einem Buch über Filmemacher*innen einen Text gelesen, in dem Bernd Eichinger schilderte, wie er die Finanzierung für Das Geisterhaus zusammenbekommen hat und wie er für seine Vison einstand. Das las sich spannend wie ein Krimi! Ich war schon zuvor filmfanatisch, wusste aber nicht, ob das ein Berufsbild für mich sein kann.

© Constantin Film

Sie haben dann an der HFF München Produktion studiert. Hat sich Finanzierung als der Bereich Ihres Berufs erwiesen, der am spannendsten ist?

Bernd Eichinger ist ja vor allem für seine Kreativität und Gespür für Talente und Stoffe bekannt, und damit hat er bis heute eine große Vorbildfunktion: Mir macht die Arbeit mit den Kreativen am meisten Spaß. Aber es ist auch so, wie Bernd Eichinger geschrieben hat: Wenn man jahrelang an einem Projekt arbeitet, und dann am ersten Drehtag sieht, wie es los geht – das ist jedes Mal ein unglaublich befriedigendes Gefühl.

 

Das überwiegt die Anspannung am ersten Drehtag?

Die ist immer dabei. Es gibt immer einen Grund, angespannt zu sein.

 

Aber es muss doch auch mal einen Moment geben, an dem sie abfällt.

Nach der Filmpremiere. Aber die Spanne ist nicht lang (lacht). Denn kurz darauf kommen die ersten Kinozahlen.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Dominik Petzold
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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