Alles wird gut, sagt Marianne, die mit Kuchen und Wunderkerze bewaffnet das Schlafzimmer ihres Mannes betritt, um ihm zum 100. Geburtstag zu gratulieren. Die nächste Einstellung zeigt den toten Herrmann, der mit aufgerissenen Augen, blau angelaufen im Bett liegt. Und während die treusorgende Ehefrau noch das Lied For He’s a Jolly Good Fellow singt und ein paar Minuten dafür braucht, um festzustellen, dass ihr Leben eine ungeahnte Wendung nimmt, ahnt man schon: So ein netter Typ wird Herrmann wohl nicht gewesen sein. Wie so oft in ihrem Leben beschließt Marianne, die Haltung zu wahren und so zu tun, als sei alles normal.
Momente,
die man niemals
wiederholen kann
Schlafende Hunde soll man nicht wecken, besagt ein Sprichwort. Bereits in den ersten Minuten von Pauline Roennebergs Kalter Hund, der im Juli in der Reihe Neues Deutsches Kino auf dem Filmfest München Premiere feiert, spürt man: Einer ist vielleicht tot, da liegen aber sicherlich noch ein paar andere ganz tief in der Familienvergangenheit begraben. Subtil, aber unmissverständlich und äußert stilsicher wird gleich zu Beginn der Ton dafür gesetzt, was einen in den folgenden 137 Minuten erwartet. Eine schwarzhumorige Familientragödie, bei der einem schon mal das Lachen im Halse stecken bleibt bei all den düsteren Geheimissen, die in den verborgenen Ecken des riesigen Hauses schlummern. „Die Prämisse des Films ist autobiografisch inspiriert“, sagt Roenneberg die mit ihrer Doku-Serie Früher oder später (2018) über ein Totengräberpaar schon Erfahrungen im tragisch-komischen Genre gesammelt hat. Ihr Großvater sei wirklich während eines Familienessen oben tot im Bett gelegen, während die Oma der englischen Verwandtschaft unten ein Festmahl aufgetischt hätte. Alle weiteren Ereignisse hätte sie zugespitzt und fiktionalisiert, die Dynamiken basierten jedoch auf ihren Erlebnissen und Beobachtungen, so die Münchner Regisseurin.
Im Film geht es um Geheimnisse, deren Verleugnung oft über Generationen hinweg Spuren hinterlässt. So schweigt Marianne lieber, anstatt zu handeln und überlässt es ihrer Enkelin Fanny, den toten Großvater aufzufinden, was ein absurdes Schmierentheater in Gang setzt und einen bitteren Streit ums Erbe entfacht, bei dem sich alte Machtverhältnisse ins Gegenteil verkehren. Passive Aggression, unausgesprochene Gefühle und verdrehte Rollenkonstellationen wollte Roenneberg besonders erforschen: „Mir war es wichtig, dass man mit jeder Figur fühlt, sie nicht vorverurteilt und jede ihre eigene Ambivalenz in sich trägt.“ Eine skurrile Familienaufstellung, zu der Fannys Hippietante alle Anwesenden zwingt, ist das Herzstück des Films. Sie hätte selbst ihre eigene Mutter einmal bei einer solchen „filmreifen“ Aufstellung begleitet, so die Regisseurin, die zeigen wollte, dass diese Technik durchaus gefährlich sein kann, wenn alte Traumata aufbrechen, die eigentlich aufgefangen werden müssten.
Den Kern der Familie bilden die drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen Lea Drinda als Fanny, ihre im Rollstuhl sitzende Mutter (Victoria Mayer) und Corinna Harfouch als Oma Marianne. Deren Stiefsohn Kasimir (Thomas Mranz) und die Stieftochter Karoline (Karoline Eichhorn) ergänzen den tollen Cast, den Niels Bormann als zwielichtiger Familienaufsteller analysiert. Um Emotionen möglichst authentisch rüberzubringen hat Roenneberg sich eine besondere Arbeitsweise überlegt, die einige Vorbereitung erforderte: Die Schauspieler*innen improvisieren auf der Basis eines Treatments, ohne feste Dialoge. An einem Probenwochenende im September 2024 testete der Hauptcast diese Mumblecore-Technik aus, wie sie Roenneberg, die Dokumentarfilmregie an der HFF studierte, schon in früheren fiktionalen Projekten wie ihrem Kurzfilm Honeymoon (2019) einsetzte.
Jede*r Darsteller*in bekam dafür von Roenneberg eine eigene zehnseitige Figurenmappe, die Familieninsider, Stammbaum, Backstory und Kindheitserinnerungen enthielt – inklusive eines Geheimnisses, das die anderen nicht erfahren durften. „Weil sie nicht wissen, was die anderen gerade planen, machen und erleben, sind die Schauspieler*innen sehr im Moment. Dadurch wird das Spiel so intensiv“, so die Regisseurin, die nach dem Probedreh einen Kurzfilm schnitt, der als Grundlage für das größere Projekt diente und ihr das Vertrauen des hochkarätigen Ensembles sicherte. Weil sie nicht das proben wollte, was später gedreht wurde, war die Vorgabe, dass sich alle ein Jahr vorher zum 99. Geburtstag des Großvaters treffen. „Wir haben versucht, Erinnerungen zu schaffen. Für die Impro ist das entscheidend, wenn die Figuren wissen, sie hatten schon mal so ein schreckliches Familienfest“. Eine wahnsinnige Energie sei an diesem Wochenende entstanden und sie hätten entscheidende Dinge über die Familiendynamik herausgefunden, so die Regisseurin. Ihr Produzent Felix Bärwald ergänzt: „Dass alle Schauspieler sich darauf eingelassen haben, so nackt zu spielen und so uneitel miteinander umzugehen, hat uns das Vertrauen gegeben, dass das auch in der großen Form funktioniert.“ Gedreht wurde 20 Tage lang chronologisch im April 2025 im Haus einer Bekannten in Iffeldorf mit bewusst kleinem Team.
Überhaupt hätten sie bei diesem Film vieles anders gemacht, als man es normalerweise macht, erzählen Bärwald und Roenneberg, die für Kalter Hund ihre eigene Produktionsfirma Milk Pictures gründeten. Dass das ungewöhnliche Projekt in dieser Form entstehen konnte und der FFF Bayern das szenische Treatment ohne Dialogbuch und zunächst auch ohne Senderbeteiligung förderte, sei auch der öffentlichkeitswirksamen Kampagne „Angst essen Kino auf“ zu verdanken, die Roenneberg 2023 mit zwei Kolleginnen initiierte: „Mein Film ist die Antwort darauf und die Konsequenz. Mir war klar: Wenn ich so laut fordere, dass ein Film mutig sein muss, eine Handschrift verfolgt und produktionell andere Wege gehen muss, dann muss ich das selbst auch tun und ins Risiko gehen.“
Ohne die Bürgschaft von Veronica Ferres und ihre Construction Film mit Julia Rappold als Ko-Produzentin und ohne gewisse Selbstausbeutung hinsichtlich der eigenen Gagen hätten Roenneberg und Bärwald es nicht geschafft. Dank des ZDF, das die Weiterentwicklung schließlich finanzierte, konnte das Probenwochenende realisiert werden. Ihr Hauptproblem sei es gewesen, das gesamte Geld im Vorhinein auszulegen, so Bärwald – ein Problem, mit dem viele kleine Produktionsfirmen kämpfen. Doch für den Produzenten geht das Konzept dennoch auf: „Ich glaube, man muss einen Film so konsequent wie möglich machen und die Vision eines Künstlers verfolgen. Zu viele Kompromisse verwässern eine konstante künstlerische Handschrift.“
Diese Arbeitsweise vereine alles, was sie sich in den letzten Jahren erarbeitet hätte, so Roenneberg: „Es geht nicht darum, dass man keine Kompromisse macht, sondern darum, dass man den Kern seiner Vision bewahrt und nicht anfängt zu versuchen, es allen recht zu machen.“ Besonders überzeugt ist sie von der dokumentarischen Herangehensweise, die sehr viel flexibler ist und weiß, dass es Momente gibt, die man niemals wiederholen kann. „Ich möchte mir gerne die Freiheit für das bewahren, was passiert und gleichzeitig die Stilmittel nutzen, die das Kino bietet“, so die Regisseurin. „Im Film suche ich gleichzeitig eine krasse Authentizität und eine Hyperstilisierung – das ist eigentlich ein totaler Gegensatz. Aber beides gehört zu mir.“
Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Anna Steinbauer
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier