Ton mit
Genre-Ambition

Das Studio Cobalt Lane bringt Audiokunst mit Game Design zusammen und erfindet ganz nebenbei noch ein neues Genre auf der Shopplattform Steam mit. Mit Imprinted erkunden die Münchner die Leiden eines Tonmeisters, der lieber Musiker wäre – doch über einen Restaurationsjob in die Abgründe der Verschwörungen driftet.
Text von Pascal Wagner
7 Minuten Lesezeit
S

So mancher Karriereweg lässt sich im Vorhinein nicht erahnen. „Vom Komponisten zum Spieleentwickler mutiert.“ So beschreibt Filippo Beck Peccoz den seinen. Peccoz’ Musik kennt man, wenn man großartige deutsche Spiele spielt: Er ist in Shadow Tactics und Shadow Gambit – The Cursed Crew von Mimimi Games genauso zu hören wie in Saga of Sins, Tavern Talk oder Desperados III. Der Münchner hat zusammen mit Systems Designer Alexander Zacherl vor zwei Jahren seine Firma Cobalt Lane gegründet, um die Produktion eines einzigartigen Spiels zu tragen. Die Rede ist von Imprinted, einem hochspannend, forensischen Audio Adventure, dem man Peccoz’ Prägung als Komponist ebenso ansieht wie die gleichsam ungewöhnlichen Lebenswege seiner Mitstreiter.

In Imprinted verkörpern Spielende die Rolle des Audio-Ingenieurs Vincent Brandt, der beauftragt wird, stark beschädigte Kassettenaufnahmen der (fiktiven) Komponistin Viola Fossati aus den 1970ern zu restaurieren. Überlagerte Tonspuren und verzerrte Videoaufnahmen führen Vincent nach und nach auf die Spur einer Verschwörung, die sich um die im italienischen Faschismus geborene Künstlerin drehen. Während sich das Gameplay vollends auf einem simulierten Computerbildschirm abspielt, auf dem Vincent zwischen Audioprogramm, Chats, Browsern und Dateipfaden wandelt, wird die Gefahr, in der er potenziell schwebt, dennoch immer greifbarer, nicht zuletzt durch die hervorragenden visuellen und akustischen Designs des Spiels. Und die stammen aus dem besonderen Mix an Talenten.

Imprinted ist ein hochspannendes, forensisches Audio Adventure

„Gerade sind wir vier Personen im Kernteam. Wir arbeiten aber auch mit einer Reihe an Künstlern und Freelancern zusammen, die nicht aus der Gamesbranche kommen”, erklärt Peccoz. „Das macht dieses Projekt für mich um ein vielfaches spannender: Joe McLaren, ein Illustrator aus England, hat unser ‚Linolschnitt’ Key Art erschaffen, meine Cousine Carlotta Beck Peccoz, eine Filmemacherin aus London, dreht mit Super8 Kameras die Found-Footage-Sektionen unseres Spiels, und der Soundtrack entsteht durch eine Kollaboration mit der kanadischen Songwriterin Charlotte Oleena. Das ist ein unglaublich inspirierender Prozess.” Auch die spielerischen Inspirationen von Imprinted versteckt er nicht. „Wir lieben Spiele wie Catherine und Killer7, The Operator, Her Story und auch Another World.” Puzzle-Spiele mit undurchdringlich-gefährlicher Aura, kombinatorische User-Interface-Puzzle und bedrohliche, doch simplifiziert dargestellte Spielwelten – die Bezüge zu Imprinted ziehen sich von selbst.

Dabei verarbeiten die Künstler hinter Cobalt Lane mehr als nur den Drang, ein Spiel zu machen. In Imprinted kommen echte Ängste von Kreativschaffenden mit spezifischen Problemen von Musikern und Musikerinnen zusammen. Protagonist Vincent mag erfolgreicher Tonmeister sein, doch seinem eigentlichen Drang, selbst Musik zu machen, kann er nicht nachgehen, aus wirtschaftlichen wie aus psychologischen Gründen. Geplagt vom traumatisierenden Glauben, nicht gut genug zu sein, versteckt sich Vincent hinter seinem Routinejob. „Ich denke, dass man als kreativer Mensch diesem ‚Imposter Syndrome’ schon öfter begegnet ist. Dieses Gefühl, nicht genug zu tun, sich nicht komplett dem Rausch der Kreativität hinzugeben, sondern eine gewisse Scheu zu haben, in tiefere Gewässer zu springen”, so Peccoz. Dennoch: „Ich meine, dass Imprinted nicht unbedingt von der äußeren Spannung ‚Kunst-Kommerz’, sondern einer inneren Unruhe erzählt: die Frage, was bleiben wird, wenn wir uns nicht mehr hinter der Idee einer Routine, eines Jobs, eines geordneten Lebens verstecken können.”

In Imprinted kommen echte Ängste von Kreativschaffenden mit spezifischen Problemen von Musikern und Musikerinnen zusammen

Wenig überraschend, wenn man sich das einzigartige Konzept von Imprinted ins Gedächtnis ruft, sind daher auch die Lorbeeren, die der Titel bereits vor Release einheimsen konnte. Auf der GG Bavaria 2026 gewann Imprinted den Echo Award für Best Audio, außerdem hat es das Spiel in die Official Selection des London Games Festivals, des IGN Fan Fest Selection und des Steam Detective Fest geschafft. Und natürlich sind auch die Förderempfehlungen des FilmFernsehFonds Bayern in gewisser Weise schon Auszeichnungen an sich, müssen sich die Konzepte und Spiele doch zunächst in der Auswahl behaupten. Imprinted wurde von Anfang an durch den FFF unterstützt, erhielt erst 20.000€ Konzeptförderung, dann 100.000€ für den Prototyp und aktuell 124.000€ für die Produktion. „Die finanzielle Unterstützung für die Umsetzung unseres ersten Spieles war essenziell. Dass Imprinted durch alle Stufen von Konzept bis Produktion gefördert wurde, hat uns aber nicht nur ökonomisch geholfen, sondern bestärkt uns auch in der Meinung, dass wir hier ein Spiel mit einer starken Vision umsetzen, die ‚ins Blut geht’”, sagt Peccoz. „Ich bin sehr dankbar für die Bereitschaft des FFF, an ein doch sehr spezielles und recht wagemutiges Projekt zu glauben.“

Das Spiel fertigzuentwickeln – aktuell ist übrigens noch kein Releasetermin öffentlich – ist am Ende jedoch nicht alles, was Cobalt Lane erreichen will. Ebenso ‚meta’, wie der Titel mit seinen Audio-, Video- und Interfaceebenen umgeht, will Cobalt Lane auch die Genregrenzen, innerhalb derer sich Imprinted bewegt, neu definieren. Nicht durch revolutionäre Buzzwords, sondern durch eine Graswurzel-Bewegung, die den größten PC-Spieleshop dazu bringt, Games wie Imprinted als eigene Kategorie anzuerkennen. Gemeinsam mit anderen Studios wie Jumpy Bit, Grey Alien Games und Muscle Cat Games haben Cobalt Lane das InterfaceX26-Showcase ins Leben gerufen, eine Sammlung an Spielen auf Valves Storefront Steam, die alle eines gemeinsam haben: Dass das eigentliche Spiel in einem fiktiven Interface wie einem Desktop oder einem Archivprogramm stattfindet. Unterstützung kam von Genregrößen wie dem Her Story-Erfinder Sam Barlow, Dem Pony Island-Developer Daniel Mullins und den Automation-Game-Größen von Zachtronics. „Am Ende waren es über 150 Entwickler und Publisher, dazu sechs Creator, die uns beim Showcase geholfen haben. So wurde aus der Idee InterfaceX26, mit einer Sale-Woche und einem Livestream-Showcase”, erklärt Game Designer und Producer Alexander Zacherl.

Auf der GG Bavaria 2026 gewann Imprinted den Echo Award für Best Audio, außerdem hat es das Spiel in die Official Selection des London Games Festivals, des IGN Fan Fest Selection und des Steam Detective Fest geschafft

Zum Ziel hatte das Event nicht nur, die Spiele in den Vordergrund zu stellen und mehr Einheiten zu verkaufen: „Das eigentliche Ziel ist ein offizieller ‚Fake OS’-Tag auf Steam. Statt darauf zu warten, dass Valve so eine Kategorie von oben anlegt, gehen wir den umgekehrten Weg: Wir rufen die Spieler dazu auf, passende Titel selbst mit ‚Fake OS’ zu taggen, so wie es auf Steam bei anderen Genres schon früher funktioniert hat”, sagt Zacherl. Dafür bauten die Organisatoren sogar ein eigene Website: ein eigenes Steam-Interface, natürlich, mit dem Spielende die Titel gamifiziert taggen konnten. „War es erfolgreich? Letztlich hängt das daran, ob bei Valve genug Interesse und Nutzung des Tags ankommt, und das kann am Ende nur Valve selbst beurteilen. Die gute Nachricht: Valve zieht das Tag aktuell aktiv in Betracht. Daumen drücken!”

Und wohin soll die Reise in der Zukunft für Cobalt Lane gehen? Nun – zunächst zum Release von Imprinted natürlich. Vor der Veröffentlichung soll das Spiel außerdem noch in einige wichtige Sprachen übersetzt werden. Und bis dahin steht die große Event- und Werbetour an. „Wir freuen uns auch auf den Auftritt auf der diesjährigen Gamescom im Rahmen des Games/Bavaria-Standes. Auf der GG Bavaria im März haben wir gesehen, wie schön es ist, Menschen beim Playtesten von Imprinted zu beobachten und zu merken, wie gewisse Spieler wirklich komplett in die Atmosphäre und die Geschichte eintauchen, und das trotz lauter Messeumgebung!“ so Peccoz. Aber auch für die Zeit nach Imprinted hat er Ideen. „Ich träume aber schon von ein paar weiteren Konzepten, die sich ebenfalls im FakeOS Genre sehr wohl fühlen könnten. Die einzigartige Perspektive, die man als Spieler eines FakeOS-Games hat, finde ich unendlich spannend. Wir sind schon dabei, die vielversprechendsten Ideen zu sortieren, um direkt im Anschluss mit einem neuen ‚Traumprojekt’ starten zu können!”

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Pascal Wagner
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

Zum nächsten Artikel

Eine preis­gekrönte
VR-Oper und
ein neugie­riger
Riese in
der Kuppel