Eine
un­glaub­liche
Reise

Zum zweiten Mal in Folge war ein Film einer Münchner Produktionsfirma für den Oscar nominiert, dieses Mal für das Drehbuch. Und das nach einem bereits aufsehenerregenden Preis- und Nominierungsreigen vom Golden Globe über die PGA-Awards bis zu den Critics Choice Awards auf der großen internationalen Bühne. Ein Gespräch mit dem Produzenten Philipp Trauer von BerghausWöbke sowie den Oscar-nominierten Autoren Tim Fehlbaum und Moritz Binder zu ihrer Reise nach Hollywood.
Interview von Olga Havenetidis
9 Minuten Lesezeit
(c) German Films/Kurt Krieger

Erstmal herzlichen Glückwunsch! Wie war es in Hollywood? 

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Danke für die Glückwünsche. Es hat sich tatsächlich alles etwas unwirklich angefühlt. Die Nominierung, die Anteilnahme der Öffentlichkeit und die Verleihung an sich. Es waren unvergleichliche Momente und wir sind sehr froh, dass wir sie mit so vielen tollen Menschen aus dem Team gemeinsam erleben durften.

 

Die Situation war ja überschattet von den Waldbränden – was haben Sie davon wahrgenommen?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Die Ko-Produzenten des Films leben in LA. Und auch viele Mitarbeiter von Paramount, die uns bereits im Vorfeld der Nominierung großartig unterstützt haben. Mit all diesen Menschen haben wir natürlich sehr mitgefühlt, wie generell mit dieser besonderen Stadt. Wir haben in diesen tragischen Tagen aber auch erlebt wie eng eine Gemeinschaft zusammenhalten kann und was ein wirkliches Miteinander bewirken kann.

 

Die Nominierungen wurden am 23. Januar 2025 bekanntgegeben. Wie haben Sie sie verfolgt?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Wir saßen gemeinsam mit den Produzenten Philipp Trauer und Thomas Wöbke im Büro der BerghausWöbke und haben den Livestream verfolgt. Enge Freunde und unsere Familien waren dabei. Das Team war größtenteils über Video zugeschaltet.

 

Und wie war Ihre erste Reaktion?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Es war tatsächlich eine Achterbahn der Gefühle und ein Moment, den man so schnell nicht mehr vergessen wird.

 

Philipp Trauer, ab welchem Moment der Entwicklung und Produktion haben Sie gedacht: Ok, das könnte ein Oscar-Kandidat werden?

Philipp Trauer: Ich hatte relativ früh in der Entwicklung mal den Gedanken, dass diese Geschichte ein Kandidat für den Best Foreign Language Oscar werden könnte. Dann fand ich heraus, dass wir uns mit dem hohen englischen Sprachanteil niemals dafür qualifizieren könnten. Insofern habe ich damals das Thema Oscars abgehakt. Umso mehr freut es mich natürlich, dass wir nun trotzdem diese unglaubliche Reise erleben durften.

 

(c) BerghausWöbke Filmproduktion

Tim Fehlbaum während der Dreharbeiten von September 5 

Mitnominiert wurde auch Alex David – welche war seine konkrete Rolle im Stoffentwicklungsprozess?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Alex David kam zunächst als Native Speaker mit an Board, um vor allem bei der Übersetzung des Scripts zu helfen. Sein genauer Blick und seine treffsicheren Fragen haben dann aber noch mal ganz entscheidend geholfen die Dramaturgie der Erzählung zu schärfen.

 

Sie haben den Nominierungsreigen in einer der Hauptkategorien – Best Original Screenplay – mitgemacht. Wie können wir uns das vorstellen?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Ehrlich gesagt können wir das selbst noch nicht so ganz glauben. Deshalb ist es auch schwer das zu erklären. Wir empfinden es einfach als große Ehre mit so tollen Kolleg*innen in einem Atemzug genannt zu werden. Und die Nominierung sehen wir auch als Auszeichnung für das ganze Team. Denn die Geschichte, die unser Film erzählt ist das Produkt ALLER. Ob vor oder hinter der Kamera.

 

Was war damit von der Academy her verbunden? Gab es spezielle Events, an denen Sie teilgenommen haben?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Es gab das Dinner der Nominierten am Dienstag vor der Verleihung. Das war schön, weil man sich hier mit den anderen Nominierten und Kreativen austauschen konnte.

 

Philipp Trauer, die Nominierung hat Moritz Binder, Tim Fehlbaum und Alex David mit ihrer Drehbucharbeit in den Fokus gerückt. Wie war für Sie als Produzent?

Philipp Trauer: Zunächst einmal muss ich sagen, dass es sich sehr schön anfühlt, wie Tim, Moritz und Alex uns an all der Aufmerksamkeit der letzten Wochen haben teilhaben lassen. Ehrlich gesagt habe ich die Best Screenplay Nominierung auch als Nominierung für den Film empfunden. Denn gerade das Drehbuch ist natürlich die Basis für die Arbeit aller Departments. Und hätten diese wiederum nicht alles so grandios umgesetzt, wäre niemandem das tolle Drehbuch aufgefallen. Ich glaube also es ist in gewisser Weise ein Wechselspiel. Zudem entstand die Idee zu September 5 mit Tim und Thomas zusammen, dann kam Moritz früh hinzu und wir haben in diesem Team sehr eng zusammengearbeitet. Insofern fühle ich mich, wenn es ums Drehbuch geht, auch immer ein wenig angesprochen, natürlich nicht als Autor, aber eben dennoch als jemand der den Prozess kreativ betreut hat.

 

Mit Tim Fehlbaum hat BerghausWöbke bisher seine beiden ersten Filme, Hell und Tides, schon gemacht. Wie kam es dazu, dass bei September 5 Moritz Binder mit an Bord war?

Philipp Trauer: Ich kenne Moritz noch aus HFF Zeiten, wo wir schnell Freunde wurden und viele kleine Studenten-Projekte gemeinsam realisiert haben. Im Zuge eines Serienprojekts, das im München der 70er Jahre spielt, haben Thomas und ich dann erstmals mit ihm als Drehbuchautor zusammengearbeitet. Wir wussten also, dass er nicht nur hervorragend und schnell schreibt, sondern sich auch für eben diese Epoche Münchner Geschichte sehr begeistern kann und aufgrund seines Dokumentarfilm-Backgrounds Recherche liebt. Wir waren überzeugt, dass er der richtige Partner für Tim ist und Thomas hat die beiden dann zusammengebracht.

(c) Lars Nitsch

Philipp Trauer bei der Premiere von September 5 in Venedig

Sie waren im Dolby Theatre bei der Verleihung. War sie so, wie Sie sich das immer vorgestellt haben?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Es war beeindruckend zu sehen, was für eine Maschinerie und Aufwand hinter der Übertragung der Verleihung stecken. Wie perfekt alles organisiert und für die große Show ausgerichtet ist. Seit der Beschäftigung mit der Thematik unseres Films fasziniert uns das Thema Live-Fernsehen, und da war es spannend mal einen Blick hinter die Kulissen der Oscar-Übertragung zu bekommen.

 

Gewonnen hat schließlich Sean Baker mit Anora. Wie finden Sie das?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Als Sean Baker bei der Verleihung eine kämpferische Liebeserklärung an das Kino als Ort der gesellschaftlichen Begegnung gehalten hat, hatte jeder im Saal Gänsehaut. Was Sean Baker seit über zwei Jahrzehnten für das Independentkino leistet, ist nahezu beispiellos. Ein würdiger Gesamtsieger dieses Abends und eine Inspiration, weiter an die eigenen Stoffe zu glauben.

 

Welche Tipps haben Sie für junge Talente, die auch mal mit ihren Stoffen für den Oscar nominiert werden wollen?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Es gibt keine Tipps für eine Oscarnominierung, weil es darum auch einfach nie gehen sollte beim Filmemachen. Unser größtes Aha-Erlebnis war, es in der Stoffentwicklung eine Erzählperspektive zu finden, mit der wir wirklich aus tiefstem Herzen etwas anfangen konnten. Es geht am Ende immer darum, den Stoff, die Erzählung und die Perspektive zu finden, die einem entspricht und die den Film zum eigenen Film macht.

 

Sie haben das Projekt mit BerghausWöbke gemacht. Was zeichnet diese Firma für Kreative wie Sie aus?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Es gibt keine besseren Startvoraussetzungen für ein Projekt, als die richtige Filmfamilie gefunden zu haben. Philipp Trauer und Thomas Wöbke sind das Herz dieser Filmfamilie. Sie sind Produzenten aus bedingungsloser Leidenschaft, sie haben eine klare Haltung und ein unglaubliches, kreatives Gespür. Deshalb ist die Frage in diesem Fall falsch gestellt. Denn wir sind nicht „die Kreativen“ und Philipp und Thomas die Produzenten. Wir alle gemeinsam sind der kreative Kern dieses Projekts. Und wenn man Menschen wie Thomas und Philipp an seiner Seite hat, die bis zum letzten Tropfen Herzblut für diesen Film kämpfen, gibt man auch selbst sein absolut Bestes.

Die Oscar-Nominierung war ein weiterer Höhepunkt auf einer großen internationalen Preis- und Nominierungsreise: Editor Hansjörg Weißbrich gewann bei bei den Independent Spirit Awards den Preis der Sparte „Bester Schnitt“. Zudem war September 5 nominiert für den Golden Globe als Bestes Drama und von der Producers Guild of America für die herausragende Produktion. Schnitt und Drehbuch waren außerdem nominiert für den Critics Choice Award.

Philipp Trauer, welche Rahmenbedingungen haben Sie den Autoren geboten, damit sie das Drehbuch so gut entwickeln konnten?

Philipp Trauer: Ich glaube, das Wichtigste ist Vertrauen! Wir hatten das große Glück uns alle schon zu kennen und haben in verschiedenen Konstellationen bereits zusammengearbeitet. Wir wussten also: Aufeinander ist Verlass. So konnten wir eine Atmosphäre schaffen, in der alles ausgesprochen werden kann. Das ist sehr viel wert! Speziell bei diesem Projekt bestand ein Großteil des Drehbuchprozess aus Recherche. Ich bin ein Nerd, wenn es darum geht, nach Informationen zu graben. Und so lag es auch an Thomas, mir und unseren Mitarbeiterinnen Anna, Lena und Ruth, immer weiter nach Material zu suchen, dieses aufzubereiten und dann Moritz und Tim mit auf den Weg zu geben. Die Originalausschnitte von abc waren dabei die größte Hürde und ich bin sehr froh und dankbar, dass es uns nach langem Kampf gelungen ist, diese verwenden zu dürfen. Das war sicherlich einer der entscheidenden Momente in der Drehbuchentwicklung, zugleich aber – aufgrund des Timings sehr kurz vor Drehbeginn – auch eine der größten Herausforderungen, die die Autoren unglaublich toll gemeistert haben.

 

Mit Tim hat BerghausWöbke bisher seine beiden ersten Filme, Hell und Tides, schon gemacht. Wie kam es dazu, dass bei September 5 Moritz Binder mit an Bord war?

Philipp Trauer: Ich kenne Moritz noch aus HFF Zeiten, wo wir schnell Freunde wurden und viele kleine Studenten-Projekte gemeinsam realisiert haben. Im Zuge eines Serienprojekts, das im München der 70er Jahre spielt, haben Thomas und ich dann erstmals mit ihm als Drehbuchautor zusammengearbeitet. Wir wussten also, dass er nicht nur hervorragend und schnell schreibt, sondern sich auch für eben diese Epoche Münchner Geschichte sehr begeistern kann und aufgrund seines Dokumentarfilm-Backgrounds Recherche liebt. Wir waren überzeugt, dass er der richtige Partner für Tim ist und Thomas hat die beiden dann zusammengebracht.

 

Tim Fehlbaum und Moritz Binder, Sie sind jetzt Academy Award-Nominees – was hat sich für Sie seitdem dadurch verändert?

Moritz Binder, Tim Fehlbaum: Das E-Mail Postfach ist sehr viel voller. Aber auch, weil man so lange zu nichts mehr gekommen ist. Und man kann dem nächsten gemeinsamen Projekt mit Freude entgegenblicken, weil sich dieses Team gefunden und bewährt hat.

 

An welchen Projekten arbeitet BerghausWöbke momentan?

Philipp Trauer: Wir haben gerade den Schnitt für die Adaption des Bestsellerromans 22 Bahnen von Caroline Wahl abgeschlossen. Constantin Film wird den Kinofilm der Regisseurin Mia Maariel Meyer Anfang September ins Kino bringen. Parallel dazu beginnen wir mit der Entwicklung des Folgeprojekts Windstärke 17. Ebenfalls in den letzten Zügen der Postproduktion ist I am the Greatest, ein Hybridprojekt (Film und Serie) mit der HFF München und dem ZDF Kleines Fernsehspiel unter der Regie von Nicolai und Marlene Zeitler. Diese drei Projekte wurden initiiert und maßgeblich betreut von unserer Produzentin Anna Eigl. Mit Autorin und Regisseurin Mareille Klein (Da kommt noch was) arbeiten wir aktuell an zwei neuen Stoffen. Und dann planen wir natürlich ein neues Projekt mit Tim. Unser großer Wunsch ist es, die Zusammenarbeit mit dem bewährten Team von September 5 fortzusetzen.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Olga Havenetidis
Fotos: German Films / Kurt Krieger, BerghausWöbke Filmproduktion, Lars Nitsch, FFF Bayern / Kurt Krieger
Gestaltung: Schmid/Widmaier

Zum nächsten Artikel

Medien-
szene