Epizentrum der deutschen Film­industrie

95.000 Besuche und David Duchovny zum Abschluss: Das 43. Filmfest München ging Anfang Juli enthusiastisch zu Ende. Zehn Tage lang wurde die Stadt mit dem neuen Festivalzentrum in der HFF München zum Treffpunkt für Filmbegeisterte und die internationale und nationale Branche. Ein Gespräch mit dem Leitungsduo am Tag 1 nach dem Festivalende.
Interview von Olga Havenetidis
9 Minuten Lesezeit
© Kurt Krieger / Filmfest München

Wir haben heute Tag 1 nach dem Festival. Wie gehts Euch?

Christoph Gröner: Wir sind euphorisch, glücklich und natürlich auch müde. Aber wir können noch gar nicht richtig loslassen, weil die letzten zehn Tage einfach sehr intensiv und inspirierend waren…

Julia Weigl: Erstmal schnaufen wir kurz durch und verarbeiten das Erlebte. Wir gehen sehr inspiriert aus dieser Edition und waren direkt auf dem Kulturempfang der Landeshauptstadt München unterwegs und eröffnen das Open Air auf dem Königsplatz. Denn nach dem Filmfest heißt direkt vor dem Filmfest.

 

Egal wo man war, Ihr wart schon da oder kamt sogleich, wie zwei Drohnen, die über dem Festival fliegen. Wie war Euer Blick von dort aufs Festival?

JW: Wir wollen einfach so viel Support wie möglich zeigen während dem Filmfest. Da ist es uns wichtig, so viele Veranstaltungen wie möglich zu besuchen.

CG: Natürlich schaffen wir leider nie alle. Aber der Blick auf alle Events, die im Rahmen des Filmfests stattfinden, ist fantastisch. Wir haben tolle Begegnungen erlebt, viele Gespräche geführt und wollten natürlich dort sein, wo zum ersten Mal wieder neue Begegnungsmomente kreiert wurden, auf neuen Parties und bei besonderen Diskussionen und Empfängen, ob zur Feier des Minitraité oder bei unserem erstmals stattfindenden Pitching-Format First Cut+.

JW: … und was uns am meisten freut: die Stimmung war positiv und der Zukunft zugewandt!

Die HFF München bildete das neue Festivalzentrum

Viele Vorstellungen wirkten extrem voll. Wie hoch war die durchschnittliche Auslastung?

CG: Tatsächlich hatten wir eine beeindruckende Auslastung in diesem Jahr, der Zuspruch von Branche und Publikum war immens! In der Reihe Neues Deutsches Kino war es besonders hoch. Da lag die Auslastung bei 80%. Aber wir haben quer durch alle Reihen deutlich zugelegt.

JW:  Wichtig bleibt uns gleichzeitig, besondere Momente zu kreieren, die ein konzentriertes Publikum erreichen. Die Ausstellung zu Krakatoa im Haus der Kunst ist da ein fantastisches Beispiel. In einem kleineren Ausstellungsraum kamen über mehrere Tage ständig neue Besucher zusammen – diese Form von Genauigkeit neben den großen Kinosälen macht unsere Mischung aus.

 

Das Wetter ging diesmal von Rekordhitze über Starkregen in angenehme trockene Wärme über. Welche Auswirkungen hatten diese Schwankungen auf den Verlauf der Edition?

JW: Die sommerliche Hitze gehört mittlerweile zur Identität und Atmosphäre des Filmfests. In den letzten Jahren sind wir immer mit rund 35 Grad gestartet. Da kühlt man sich gerne im angenehmen Kinosaal ab. Festival bedeutet immer auch Rock’n’Roll und Improvisation, das hat auch diese Edition wieder gezeigt. Da müssen Fotosituationen wegen Gewitter spontan komplett umgebaut werden, Flüge umgebucht und nasse Gäste wieder ins Trockene gebracht werden.

CG: Da sind wir unheimlich stolz auf unser ganzes Team, das wirklich auf jede Witterung und Veränderung mit viel Energie und Kreativität reagiert!

 

Wie hat sich die HFF München als neues Festivalzentrum bewährt?

CG: Wir haben die HFF München für diese Tage zum Epizentrum der deutschen Filmindustrie gemacht, alle Förderer, alle Sender waren hier bei Empfängen und Diskussionen vertreten. Das ist natürlich ganz im Sinne der Mission und des Selbstverständnisses der HFF, den Nachwuchs mit der Branche zusammenzubringen. Wir sind als Festival einfach dankbar, dass es da diese große Offenheit von Präsident Daniel Sponsel, Kanzlerin Gilla Sommerrock, dem Kollegium und den Studierenden dafür gibt.

JW: Für diese Zeit wird die HFF transformiert und bildet mit dem Amerikahaus zusammen, in dem es mehr Publikumsformate gibt, wirklich ein pulsierendes Festivalzentrum im Kunstareal. Damit ist Platz für alle Bedürfnisse von Filmkultur und Filmbranche, auch der in Ausbildung.

© Joel Heyd / Filmfest München

Toni Servillo beim Filmtalk im Theatersaal im Amerikahaus

Was hat aus Eurer Sicht bei den Industry Days unter der neuen Leiterin Alina dieses Mal besonders gut funktioniert?

JW: Sehr, sehr vieles. Sie hat mit frischem Blick unserem Industrieprogramm eine vertiefte, genaue Struktur gegeben, an vielen Stellschrauben gedreht. So wurde einfach sehr schnell viel sichtbarer, was München seit Jahren prägt: Wir sind die Nr. 1 Plattform des deutschen Films und bieten internationale Vernetzung.

CG: Wir sind über diesen Zuspruch sehr dankbar, und sehr glücklich, dass Alina Götzlich nach ihren Anfängen bei uns jetzt zu uns zurückgekehrt ist – und damit das Filmfest bereits sehr gut kannte. Insofern ist auch diese wichtige Harmonisierung nach Innen aus dem Stand wunderbar geglückt. Und auch auf der internationalen Ebene sind alle Elemente gewachsen, von der CineCoPro Conference bis hin zu unserer ersten Edition von First Cut+.

 

Was waren bei den ganzen Branchentalks immer wiederkehrende Themen?

JW: Überall wird nach frischen Ideen gesucht, nicht nur der Status Quo dokumentiert. Von der Creators Conference ganz am Anfang zu Ideen für junge Produktionsweisen am Ende der Woche war dies überall spürbar. Es geht immer um Zukunftsperspektiven!

CG: Und natürlich ist klar, dass die Themen Investitionsverpflichtung und Jobs in der Film- und Medienbranche überall diskutiert werden. Zum Glück mit einer guten Portion Optimismus.

 

Wie wurde das Angebot von Isar Jump und Yoga angenommen?

CG: Diese Angebote betonen die Sommerlichkeit unseres Festivals, unsere lockere Atmosphäre, die Zugänglichkeit von uns als ganzes Team. Wir haben beim Sprung in die Isar Gäste aus NRW und Hamburg erstmals kennengelernt und sogar eine Vertreterin einer indischen Postproduktions-Firma.

JW: Wichtig ist dabei, dass wir möglichst viele Momente der Begegnung schaffen wollen. Die gibt es auch vor den Kinos, in den Gärten von HFF und Amerikahaus, am Pavillon 333 und an vielen weiteren Orten. München steht für diese Momente der lockeren Zufallsbegegnung, aus denen Kreativität und Vernetzung entsteht. Kurze Distanzen, große Wirkung.

Immer gut drauf wie am ersten Tag: die künstlerische Leiterin Julia Weigl und Festivaldirektor Christoph Gröner

Welchen Mehrwert bildet die Initiative Munich Beyond für das Filmfest München?

CG: Im Jahr 2019 hat das Filmfest München einmal allein eine Reihe für XR auf die Beine gestellt. Daher wissen wir: Dieses fantastische, innovative Experimentierfeld ist kapitalintensiv und braucht besondere Betreuung und Expertise. Das ist einfach auf vielen Schultern viel besser verteilt. Und da sind wir für unsere Kooperationspartner sehr dankbar: vom Festival der Zukunft, XR Hub Bavaria, FFF Bayern, bis hin zum Residenztheater.

JW: Das Festival der Zukunft hat fast 15.000 Besuche gezählt, viele davon bei unserem gemeinsamen XR-Sektion Munich Beyond. Gemeinsam können wir zeigen, was der Medienstandort München bzw. Bayern alles zu bieten hat. Dieser Zeitraum im und am FILMFEST MÜNCHEN bietet uns die Möglichkeit, alle erzählerischen und technischen Möglichkeiten auszuloten, zu feiern, weiter zu diskutieren und zu entwickeln.

 

Es war übrigens nach meiner Einschätzung das erste Mal, dass ein parallel stattfindendes sportliches Großereignis überhaupt niemals Thema und komplett egal war. Filmfest war einfach wichtiger. Wie habt Ihr das geschafft?

CG: Die späten Spielzeiten haben uns natürlich in die Karten gespielt, da war der Fokus einfach komplett auf dem Filmfest. Zu keinem Zeitpunkt war es ein Thema bei den Teams, die Premiere hatten. Und bei den nächtlichen Empfängen und Partys konnte ab und zu nebenbei Fußball geguckt werden.

JW: Dass die Kinos noch einmal in einem WM-Jahr voller wurden, ist schon sehr toll für uns. Eine noch genauere Kommunikation auf Social Media und über andere digitale Kanäle – wir haben zum ersten Mal auch einen Filmfinder angeboten, ein KI-gestütztes Tool zum Empfehlungsmanagement – hat da sicherlich geholfen.

 

Hattet Ihr persönliche Lieblingsmomente?

JW: Die Begegnung mit Pedro Almodóvar war einzigartig. Viele aus dem Team hatten sich unheimlich auf ihn gefreut, mich eingeschlossen. Denn seit vielen Jahren begeistert er uns alle mit seinen großartigen und sehr eigenwilligen Kinovisionen. Ihn das allererste Mal in der Stadt von Rainer Werner Fassbinder begrüßen zu dürfen, war ein außergewöhnlicher Moment.

CG: Und am Ende der Woche David Duchovny in München, der ebenfalls endlos lange Autogramme gab und dann auf wunderbare Art und Weise poetisch und anti-trumpisch über die Kraft des Verlierens sprach, war ziemlich magisch. Als wir fertig waren mit diesen zehn Tagen, konnten wir kaum fassen, wer alles tatsächlich seinen Weg nach München gefunden hatte. Toni Servillo, Haley Bennett, Ira Sachs und Arnaud Desplechin, Sandra Hüller und Paweł Pawlikowski. Und so viele mehr.

© Filmfest München Kurt Krieger

Sandra Hüller, Hauptdarstellerin im Eröffnungsfilm Vaterland am Eröffnungsabend im Gasteig HP8 

Nun geht es gleich an die Arbeit für das Festival of Future Storytellers im November. Was könnt Ihr uns jetzt schon zum Planungsstand sagen?

JW: Das Festival ist unsere große Spielwiese, bei der uns immer die Frage leitet: Wie inspirieren wir die neue Generation junger Filmemacher:innen, wie feiern wir sie? Wir haben schon erste Ideen für interessante Labs und neue Formate …

CG: Aber dazu müssen wir uns als Team kurz sammeln. Klar ist: Wir wollen allen Studierenden aus dem ganzen deutschsprachigen Raum die Möglichkeit geben, mit jungen Gästen aus aller Welt ihre Werke zu diskutieren und zu feiern. Dieser globale Austausch mit den Talenten als unsere Stars, ganz im Zentrum, macht uns in Deutschland einzigartig.

 

Außerdem war zu hören, es würde wieder eine Tagung zu Diversität in Tutzing geben. Könnt Ihr uns hierzu schon was verraten?

JW: Wir wurden von vielen Branchenvertreter:innen angesprochen, dass es an der Zeit ist, dass wir die Tagung wieder durchführen. Unsere Demokratien sind noch mehr in Gefahr, das Thema Diversität und Teilhabe rückt wieder in den Hintergrund. Da wollen wir gemeinsam mit wichtigen Menschen aus der Filmbranche und Kulturexpertinnen darüber sprechen. Und natürlich wieder an unserem magischen Ort, der Evangelischen Akademie Tutzing.

 

Und welche Festivals besucht Ihr in den nächsten Monaten, um das 44. Filmfest München vorzubereiten?

CG: Los geht es für uns wieder mit Venedig Anfang September, der beste Zeitpunkt, um das Filmfest mit etwas Abstand Revue passieren zu lassen und für die neue Edition wieder loszulegen.

JW: Für mich geht es im Anschluss direkt nach Toronto, denn der neue tiff – the market interessiert uns natürlich sehr!

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text und Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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