„Der Kinobesuch als solcher sollte wieder Event werden“

Das Park-Kino in Bad Reichenhall erhielt den mit 20.000 Euro dotierten Spitzenpreis der bayerischen Kinoprogrammprämie. Ein Gespräch mit Kinobetreiber Josef Loibl
Text von Dunja Bialas
5 Minuten Lesezeit
© Park Kino Bad Reichenhall
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Als am 20. November in Kempten die Kinoprogrammprämien an die bayerischen Filmtheater verliehen wurden, erlebte der Kinobetreiber Josef Loibl aus Bad Reichenhall einen Fiebertraum. In alphabetischer Reihenfolge wurden die ausgezeichneten Kinos aufgerufen, zuerst die untere Kategorie mit 7.500 Euro für 28 Kinos, dann 30 Namen für 10.000 Euro. Das Reichenhaller Park-Kino war nicht dabei. Schon seit 25 Jahren reichen Loibl und sein Kollege Max Berger Unterlagen für die Prämie ein; einen höherstelligen Betrag hatte ihr Kino noch nie erhalten. Ihr Kino wurde wieder nicht genannt, als 18 Häuser 15.000 Euro erhielten. „Jetzt haben sie uns vergessen, wie ein Sack Wasser saß ich da“, erinnert er sich später an diesen Moment. Als Staatsminister Florian Herrmann das Park-Kino Bad Reichenhall aufruft und es als Spitzenpreisträger verkündet, ist Loibl überwältigt.

Wie in Trance nimmt er die Laudatio wahr und die Glückwünsche der vielen Kolleg*innen entgegen, von Christian Mitzam aus Bad Füssing, Rudolf Huber und seinem Nachfolger Kai Erfurt aus Bad Wörishofen und natürlich von seinen Freunden vom Amper-Kino aus Wolnzach in der Holledau. Mit Kinobetreiber Max Amper jr. ist er zur Schule gegangen; über dessen Familie fand er zum Kinomachen. Wie sehr die Freund*innen und Kollegen ihm alle die Auszeichnung ehrlich gegönnt hätten: „Das war der Moment“, erinnert sich Loibl vierzehn Tage später im Gespräch. Unangenehm war ihm allein, dass er bloß eine Jeans und keinen Anzug trug, als er zur spontanen Dankesrede ansetzte.

© FFF Bayern / Patrick Vöhringer

Der Moment danach: die beiden frischgekürten Spitzenpreisträger Josef Loibl und Max Berger mit Staatsminister Dr. Florian Herrmann, FFF Geschäftsführerin Dorothee Erpenstein und dem AG Kino-Vorstandsvorsitzenden Dr. Christian Bräuer

Sich selbst nicht allzu sehr ins Licht zu stellen und seine befreundeten Kolleg*innen mit in den Scheinwerfer zu holen: Das ist einer der Grundzüge von Josef Loibl. Seit 1998 betreiben er und der technikversierte Max Berger gemeinsam das Park-Kino. Sie kamen von den großen Innenstadtkinos Münchens nach Bad Reichenhall, Loibl arbeitete im alten Mathäser und im Gloria-Palast am Stachus, Berger war im Theater am Karlstor tätig. Das Kino in Bad Reichenhall übernahmen sie von der Berchtesgadener Kinobetreiberfamilie Klegraefe. Sie waren 31 und 44 Jahre alt und hatten keine Ahnung, was sie in der alpenländischen Kurstadt mit knapp 20.000 Einwohner*innen erwarten würde. Nach einem erfolgreichen Start mit Der Pferdeflüsterer kam der Reichenhaller Winter. Schon im November war es „zappenduster“, erinnert sich Loibl. Der Grund für die einbrechenden Zahlen war das Airport-Cineplexx in Salzburg, das wenige Monate zuvor eröffnet hatte. In nur sieben Kilometern Entfernung.

Es folgte ein Umdenken. Sie zeigten nun Arthouse sowie eher nischige kommerzielle Titel und auch Filme in englischer Originalfassung. „Man hat richtig gespürt, dass die Menschen darauf gewartet haben“, sagt Loibl. Eine der tragenden Säulen für das Kino wurden neben dem guten europäischen und dem starbesetzten deutschen Kino bald die regionalen Filme: Marcus H. Rosenmüller und Ed Herzog etablierten den Kinobesuch für die Einheimischen zur angesagten Freizeitbeschäftigung.

Eine entscheidende Entwicklung für die Kinos in ländlichen Regionen. Auch Loibl und Berger betreiben ihr Kino für die Ortsansässigen, weniger für die knapp eine Million Übernachtungsgäste – „sie können sich aber gerne anschließen“, so Loibl. Früher habe das Credo gegolten: Kommerzielles für die Fremden, kaum Kino für die Einheimischen. Jetzt aber kommen sogar die Salzburger*innen, mit den benachbarten, eher mainstreamig aufgestellten Berchtesgadenern Kolleg*innen tausche man Publikum aus. Loibl wählt die Filme persönlich aus, horcht auf die Wünsche der Reichenhaller*innen und folgt auch seinem eigenen Geschmack; so liebt er beispielsweise das britische Kino in seiner Kombination aus Sozialkritik und schwarzem Humor. Und dann ist da noch die stilvolle Gestaltung des altehrwürdigen, popcornfreien Kinos.

Interaktive 360-Grad-Fotos auf der Website machen auf die im Fünfzigerjahre-Ambiente gehaltenen Säle aufmerksam. Im „Saal Maximilian“ mit 70 Plätzen verheißt ein Samtvorhang mit goldenen Bordüren gehobenen Filmtheatergenuss, das angebrachte bayerische Staatswappen bekundet Heimatverbundenheit. Im kleineren „Saal Josef“ mit 50 Plätzen wird die Leinwand von Säulen gerahmt, und um einen Kronleuchter rankt sich eine sorgfältig drapierte Stoffrosette. Beide Säle, benannt nach den Kinobetreibern, verfügen über Dolby-7.1-Surround. Im kleineren „Studio Maaz“, dem Radio- und Fernsehtechniker und Kino-Förderer Karl-Siegfried Maaz gewidmet, gibt es eine Sofalandschaft. Unter dem Podest liegt das Vermächtnis von Maaz: seine technischen Zeichnungen und Berechnungen für das Kino – eine verborgene Sentimentalität des Hauses.

© Park Kino Bad Reichenhall

Die Ausstattung passt zu den historischen Axelmannstein-Kolonnaden, wo im Mai 1918 das Park-Kino mit Max Macks Othello eröffnet wurde. Hundert Jahre später wurde das Jubiläum mit dem Musical Greatest Showman begangen, inklusive Sing-alongs und einem von Hauptdarsteller Hugh Jackman handsignierten Glückwunsch-Plakat. Mit derartigen Premieren-Events bindet Loibl das Kino an die städtische Gemeinschaft in Bad Reichenhall und Umgebung. Es wird gerne extravagant gefeiert: Mit einem Afternoon-Tea für 160 Gäste im 20er-Jahre-Outfit anlässlich von Downton Abbey oder in der Lokwelt Freilassing zur Premiere von Mord im Orient Express.

Die Events stemmt der Zwei-Mann-Betrieb zusätzlich zum Kinoalltag. Aber auch der normale Kinobesuch ist im Park-Kino besonders: Die Vorstellung beginnt bei geschlossenem Vorhang – bisweilen ertönt dazu eine Ouvertüre aus den 30er-Jahren oder die ikonische Fox-Fanfare. Diese Momente der Inszenierung feiern das Kinoerlebnis. „Ein Film sollte auch aus sich heraus funktionieren und der Kinobesuch als solcher wieder ein Event werden“, findet Loibl. Wenn sich der Vorhang bei gedimmter Lichtstimmung langsam öffnet, bekommen nichts anderes als die Filme die volle Aufmerksamkeit. Für dieses Kino brennt Loibl.

Im kommenden Kinojahr werden sich Loibl und Berger auf das normale Verleihprogramm konzentrieren, auch eine Renovierung stehe nach dem Einbau der Klimaanlage im vergangenen Sommer nicht an. „Eine unspektakuläre Aussicht auf 2026“, findet Loibl. Im Wissen um die Inszenierungsbegabung des Park-Kinos erwartet die Menschen in Bad Reichenhall jedoch mit Sicherheit: ganz großes Kino.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Dunja Bialas
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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