Herr Fliess, in Gelbe Briefe gerät ein türkisches Künstlerpaar in einem autokratischen System unter Druck und verliert seine Lebensgrundlage. İlker Çatak hat 2019 mit der Arbeit an dem Film begonnen, seither ist das Thema jenseits der Türkei ungleich relevanter geworden. Ist das Pech für die Welt und Glück für die Filmemacher?
Ingo Fliess: Wenn man das so zynisch sagen will: Ja. Wir haben uns zum Beispiel nicht vorstellen können, wie innerhalb eines Jahres eine der ältesten Demokratien der Welt, die USA, sich in eine Postdemokratie, eine Autokratie verwandelt. Wir hatten immer gedacht, der Film könnte obsolet sein, wenn er fertig ist. Dass das Gegenteil passiert ist, kann einen nicht freuen. Aber umso wichtiger ist, dass es den Film jetzt gibt.
Das Künstlerpaar muss sich zwischen Anpassung und moralischem Anspruch entscheiden. Beide gehen einen eigenen Weg – aber welcher der richtige ist, beantwortet der Film nicht eindeutig.
Komplexität ist ein hoher Wert, den wir in unserer Arbeit immer anstreben. Wir versuchen immer, dass man in unseren Filmen die Dilemmata, in die Menschen geraten, miterleben kann. Ich glaube aber, dass der Film viel mehr Antworten gibt als Das Lehrerzimmer. Gelbe Briefe geht viel weiter und hat einen dritten Akt, der eine Lösung für beide Figuren bedeutet – die ist allerdings zweischneidig und ambivalent.