„Er hat Talent im Über­maß“

Der Münchner Produzent und Hochschulprofessor Ingo Fliess hat İlker Çatak als Student in seinem Seminar kennengelernt. Ihr zweiter gemeinsamer Film Das Lehrerzimmer wurde für den Oscar nominiert. Jetzt läuft Gelbe Briefe im Wettbewerb der Berlinale, am 5. März kommt der Film ins Kino. Ein Gespräch mit Ingo Fliess über die Zusammenarbeit und den neuen Film
Interview von Dominik Petzold
9 Minuten Lesezeit
© EllaKnorz / if... Productions / Alamode-Film

Herr Fliess, in Gelbe Briefe gerät ein türkisches Künstlerpaar in einem autokratischen System unter Druck und verliert seine Lebensgrundlage. İlker Çatak hat 2019 mit der Arbeit an dem Film begonnen, seither ist das Thema jenseits der Türkei ungleich relevanter geworden. Ist das Pech für die Welt und Glück für die Filmemacher?

Ingo Fliess: Wenn man das so zynisch sagen will: Ja. Wir haben uns zum Beispiel nicht vorstellen können, wie innerhalb eines Jahres eine der ältesten Demokratien der Welt, die USA, sich in eine Postdemokratie, eine Autokratie verwandelt. Wir hatten immer gedacht, der Film könnte obsolet sein, wenn er fertig ist. Dass das Gegenteil passiert ist, kann einen nicht freuen. Aber umso wichtiger ist, dass es den Film jetzt gibt.

 

Das Künstlerpaar muss sich zwischen Anpassung und moralischem Anspruch entscheiden. Beide gehen einen eigenen Weg – aber welcher der richtige ist, beantwortet der Film nicht eindeutig.

Komplexität ist ein hoher Wert, den wir in unserer Arbeit immer anstreben. Wir versuchen immer, dass man in unseren Filmen die Dilemmata, in die Menschen geraten, miterleben kann. Ich glaube aber, dass der Film viel mehr Antworten gibt als Das Lehrerzimmer. Gelbe Briefe geht viel weiter und hat einen dritten Akt, der eine Lösung für beide Figuren bedeutet – die ist allerdings zweischneidig und ambivalent.

© 2023 HFF München

Produzent Ingo Fliess, der mit İlker Çatak nach den preisgekrönten Kinofilmen Es gilt das gesprochene Wort und Das Lehrerzimmer nun Gelbe Briefe realisiert hat

Die Ambivalenz entsteht auch dadurch, dass die Künstler nicht nur für sich selbst eintreten können: Sie müssen auch eine Tochter großziehen.

Es ist sogar noch etwas komplexer: Auch wenn es das Kind nicht gäbe, würde die Figur Derya alles tun, um wieder zu spielen, weil sie eine Schauspielerin ist und davon lebt, im Rampenlicht zu stehen. Das ist auch ein untergründiges Thema des ganzen Films: unsere performativen Akte im Leben. Wen spielen wir die ganze Zeit? Den strengen Vater, den braven Muslim, der in die Moschee geht, den aufrichtigen Bürger, der sein Land liebt. Diese Rollen werden uns von der Gesellschaft zunehmend aufgezwungen, und nur indem wir sie spielen, kommen wir weiter im Leben.

 

Aber der Drang, gesehen zu werden, rechtfertigt nichts. Sonst könnten wir ja auch das Verhalten von Heinz Rühmann im Dritten Reich einfach akzeptieren.

Aus der sicheren historischen Distanz ist das leicht zu verurteilen. Wir glauben alle, dass wir im Dritten Reich Widerstandskämpfer gewesen wären … Und andersrum gedacht: Würden wir in einer AfD-Diktatur wirklich alle auswandern?

Im Film stellen Berlin und Hamburg Istanbul und Ankara dar: Wie sind Sie auf die Idee dieses Verfremdungseffekts gekommen?

Wir haben das nicht gemacht, weil man den Film in Istanbul und Ankara nicht drehen könnte. Unser türkischer Co-Produzent hat gefragt: Wie wäre es, wenn wir die Orte einfach verlegen? Wir hatten schon nach den Gesprächen mit den möglichen Co-Produzenten auf der Berlinale 2022 das Gefühl, dass der Film in vielen europäischen und außereuropäischen Ländern verstanden wird. Das ist kein Film gegen oder ausschließlich über die Türkei. Dass er dort spielt, liegt an der Biografie des Regisseurs und Autors, der in Deutschland und der Türkei zu Hause ist. Es erschien uns reizvoll, dass wir vom Regionalen und Zeitpolitischen wegkommen und etwas Universelles erschaffen.

 

Sie zeigen aber nicht einfach Hamburg und Berlin, sondern haben dort nach visuellen Ähnlichkeiten zur Türkei gesucht.

Über weite Strecken des Films denkt man deshalb wahrscheinlich gar nicht darüber nach, dass wir nicht in der Türkei sind. Die Fähre im Hamburger Hafen sieht einer Bosporus-Fähre in Istanbul ziemlich ähnlich. Aber wir haben auch gezielt Brüche gesucht. Wir hatten Spaß daran, mit dem Verfremdungseffekt zu spielen.

© if… Productions Film GmbH / Ella Knorz

Am Set von Gelbe Briefe (v.l.): İpek Bilgin (Darstellerin), Enis Köstepen (Co-Autor und Co-Produzent), Leyla Cabas (Darstellerin), İlker Çatak (Drehbuch & Regie), Özgü Namal (Hauptdarstellerin), Judith Kaufmann (Bildgestaltung), Tansu Biçer (Hauptdarsteller) und Ingo Fliess

Der Film ist auf Türkisch. Wie war es für Sie, einen fremdsprachigen Film zu produzieren?

Sehr herausfordernd und schwierig. Das geht nur mit unbedingtem Vertrauen zu dem Regisseur, der beide Sprachen perfekt spricht. Aber ich konnte ihm am Set nicht zur Seite stehen wie sonst. Und es war ein anspruchsvoller Prozess, das Team hinter den Film zu kriegen. Nur zehn Prozent des Teams kamen aus der Türkei. Für die Editorin Gesa Jäger und die Kamerafrau Judith Kaufmann war es eine besondere Herausforderung, auch wenn sie natürlich Übersetzer hatten. Und für İlker war es doppelte und dreifache Arbeit, weil er in mehrere Richtungen kommunizieren musste. Das war schon eine sehr abenteuerliche Art zu arbeiten.

 

Wieso haben Sie überhaupt auf Türkisch gedreht, wenn der Film einen universellen Anspruch hat?

Ein Film braucht eine Identität, einen eigenständigen Charakter, eine Herkunft. Wenn wir auf Deutsch gedreht hätten, wäre der Film eine Science Fiction geworden. Dann hätten wir uns den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass wir in Alarmismus verfallen. Die Herkunft der Geschichte aus der Türkei – inspiriert durch die wahren Ereignisse und die Säuberungen, die dort bis heute stattfinden – gibt dem Film eine Kraft, die eine Science Fiction nie hätte.

 

Gelbe Briefe ist Ihr dritter Spielfilm mit İlker Çatak. Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung?

Das war 2014 im Seminarraum der Hamburg Media School, wo ich ein Seminar gegeben habe. İlker ist mir positiv aufgefallen in seiner Mischung aus Neugier, großem, freundlichem Interesse und einer großen Portion Demut. Ich dachte: Der will es wissen – und gleichzeitig weiß er genau, wo er steht. Die Mischung fand ich faszinierend. Dann sind wir ins Gespräch gekommen und waren uns einfach auch sympathisch.

© if…-Productions Film GmbH, Ella-Knorz

İlker Çatak am Set mit Judith Kaufmann

Wie ging es weiter?

Er hatte mir ein paar Wochen später einen Entwurf geschickt, den ich nicht sehr überzeugend fand, und das habe ich ihm auch ehrlich gesagt. Aber ich sagte, vielleicht finden wir etwas anderes. Bei der Berlinale 2016 hat er mich zum Abendessen zu sich nach Hause eingeladen und mir von der Idee zu Es gilt das gesprochene Wort erzählt. Er musste nur erzählen, was er in seinen vielen Sommerurlauben bei seiner Großmutter in Marmaris gesehen hat: Wie sich Gigolos an Frauen ranmachen, um nach Deutschland oder nach Europa zu kommen. Ich habe gesagt: Du musst mir gar nicht mehr erzählen. Das sollten wir entwickeln. Und die Arbeit an diesem Film hat uns gezeigt, wie gut wir zusammen funktionieren. Ab da waren wir im permanenten Austausch, bis heute telefonieren wir fast täglich.

 

Was zeichnet İlker Çatak aus?

Er ist neugierig geblieben und will sich immer weiter nach der Decke strecken. Er hat einen gesunden Ehrgeiz, gepaart mit einer großen Menschlichkeit. Ich schätze auch sehr, dass er Unsicherheit zulässt und immer eher mehr Fragen als Antworten hat. Und er steckt Rückschläge schnell weg, hält sich nicht lange auf, wenn irgendwas mal nicht gelungen ist. Er ist ein totaler Profi und hat Talent im Übermaß. Und wir sind Freunde, wissen viel voneinander und vertrauen uns.

© Florian Mag

Mit seinem Abschlussfilm Sadakat gewann İlker Çatak 2015 den Student Academy Award in Gold. 2024 war sein Film Das Lehrerzimmer als Best International Feature Film für den Oscar nominiert

Die intensivste gemeinsame Zeit hatten Sie vermutlich in den Monaten vor der Verleihung der Oscars, für die Sie mit Das Lehrerzimmer nominiert waren.

Die Zeit war sehr intensiv, vor allem, weil parallel die Vorbereitung zu Gelbe Briefe lief. Wir hatten ursprünglich vor, im Oktober und November 2023 zu drehen, aber dann wurde Das Lehrerzimmer der deutsche Oscar-Kandidat, und wir wussten, dass wir nicht parallel drehen können. Wir haben den Dreh auf den Mai verschoben. Das heißt: Wir kamen am 11. März 2024 aus Los Angeles zurück und am 12. März begannen die heißen Vorbereitungen für Gelbe Briefe. Da gab es schon mal eine Gereiztheit, aber das lag einfach an der Erschöpfung. Wir haben das gut überstanden und auch hinterher noch sehr ausführlich besprochen.

 

 

Wie hat sich Ihr Produzentenleben seit der Oscar-Nominierung verändert?

Ich habe jetzt eine neue Art von innerer Ruhe, weil ich denke: Es hat ja funktioniert, wie wir es bisher gemacht haben. Ich rede und urteile ja über die Filmbranche und das deutsche Kino auch mal scharf, und dann sollten irgendwann auch Taten folgen. Und mit Das Lehrerzimmer war der Beweis erbracht, dass unsere Arbeit mit Autoren, wie wir sie hier bei if… Productions machen, zum Erfolg führen kann. Es war auch eine große Genugtuung, da Das Lehrerzimmer lange übersehen wurde. Viele Weltvertriebe hatten abgesagt, viele Festivals hatten uns nicht eingeladen. Und es freut mich sehr, dass der Erfolg ein paar Filmemacher angelockt hat, die jetzt denken, sie könnten auch mal mit if… Productions einen Film machen, zumal sich rumgesprochen hat, dass wir in dem Umgang mit Filmautor*innen offen und fair sind und vielleicht auch helfen können, Filme noch besser zu machen.

Ist es nicht auch leichter geworden, Geld einzusammeln?
Nein. Ich kriege vielleicht schneller einen Termin bei den Entscheidern. Aber uns werden nicht Koproduktionsbeträge nachgeworfen und mit der Förderung klappt es auch nicht automatisch. Das bleibt projektabhängig. Im kommerziellen Arthouse-Bereich ist es ganz schwer geworden, einen Film zwischen drei und sechs Millionen Euro zu finanzieren, der nicht auf einer Marke basiert. Und ein solches Budget braucht man für einen anspruchsvollen Filmemacher. Aber wir strengen uns weiterhin sehr an, Sachen zu machen, die die Welt braucht – und möglichst wenig von dem, was die Welt nicht braucht. Wir werden künftig mehr europäische Koproduktionen machen müssen.

 

Wie viel stressiger ist das für einen Produzenten?
Viel stressiger, aufwendiger, anspruchsvoller und komplizierter. Natürlich ist es jetzt nicht mehr so schwer, Filme mit İlker Çatak zu machen, aber unsere Arbeit besteht ja auch darin, andere Leute durchzusetzen. Zum Beispiel drehen wir demnächst den neuen Film von Berthold Wahjudi, einem fantastischen Talent, das gerade beim Torino Comedy Lab den Pitch Award gewonnen hat.

 

Mit İlker Çatak machen Sie auch weiter, oder?
Es ist keine Frage, dass wir weiter als Team arbeiten. İlker ist auch Gesellschafter der if… Productions, und solange wir uns gegenseitig stärker machen werden wir zusammenarbeiten. Auch unsere Partner im Ausland profitieren davon. İlkers Karriere wird sicherlich noch ganz woanders hingehen als meine, er ist 20 Jahre jünger. Aber ich werde nicht aufhören nützlich zu sein, um diese Karriere weiter zu befördern.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Dominik Petzold
Redaktion: Olga Havenetidis

Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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