Festival de Cannes:

FFF-geförderter Film im Wettbewerb

Marie Kreutzers neuer FFF-geförderter Kinofilm „Gentle Monster“ lief im Wettbewerb des Festival de Cannes. Der FFF-geförderte Talentfilm „Vaterland oder ein Bule namens Yanto“ gewann den Canal+-Award der Reihe Semaine de la Critique. Der FFF Bayern begrüßte die Teams bei zwei Fachveranstaltungen an der Croisette.
© FFF / MBB Daniel Hinz

Nach dem FFF-geförderten Sisi-Film Corsage, der vor vier Jahren in der Reihe Un certain regard lief und einen Preis für Hauptdarstellerin Vicky Krieps gewann, präsentierte Autorin und Regisseurin Marie Kreutzer in diesem Jahr ihr FFF-gefördertes Drama Gentle Monster mit Lea Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp und Catherine Deneuve im Wettbewerb. Der geförderte Talentfilm Vaterland oder Ein Bule namens Yanko lief in der Semaine de la Critique und gewann den Canal + Award. Die Produzent*innen beider Filme nahmen teil am FFF International Press Dinner und am Business Lunch, den der FFF Bayern mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg und der British Film Commission organisierte. Mit den anderen Länderförderungen lud der FFF Bayern das Gastland Schweden zum Co-Production Breakfast in den German Pavillon im Marché du Film ein. Eine Bildergalerie.

© FFF Bayern Oliver Walterscheid

Kalter Hund-Regisseurin Pauline Roenneberg und Produzentin Veronica Ferres beim FFF International Press Dinner in Cannes

© FFF Bayern Oliver Walterscheid

Melissa Byrne, Berthold Wahjudi, Sylvain Cruiziat und Jonas Egert nahmen mit Vaterland oder Ein Bule namens Yanko am FFF International Press Dinner in Cannes teil,

© FFF Bayern Oliver Walterscheid

Spiegel-Autor Matern von Boeselager und 3sat Kulturzeit-Redakteurin Gudula Moritz beim FFF International Press Dinner in Cannes

© FFF Bayern Oliver Walterscheid

Janine Jackowski, Produzentin des FFF-geförderten Wettbewerbsbeitrags Gentle Monster, mit Lutz Müller beim FFF International Press Dinner in Cannes

© FFF Bayern Oliver Walterscheid

FFF International Press Dinner in Cannes

© FFF Bayern Oliver Walterscheid

Claudia Jung und Liane Ströbel von 3sat Kulturzeit mit der FFF Pressesprecherin beim FFF International Press Dinner in Cannes

© FFF Bayern Oliver Walterscheid

KinoKino-Redakteur*innen Antje Harries und Florian Kummert mit SZ Filmkritiker David Steinitz beim FFF International Press Dinner in Cannes

© FFF Bayern Oliver Walterscheid

Martin Hartung, stellvertretender FFF Geschäftsführer, mit Screen Daily-Redakteur Tim Dams und Produzent Joe Neurauter beim FFF International Press Dinner in Cannes

© FFF Bayern Oliver Walterscheid

FFF International Press Dinner

© Elena Lindenzweig

Die Geschäftsführer*innen der Bundes- und Länderförderungen mit den Ehrengästen aus Schweden beim Co-Production Breakfast im German Pavillon im Marchè du Film beim Festival de Cannes

© FFF MBB Daniel Hinz

Judith Erber, Sarah Duve-Schmid, Veronika Grob und Martin Hartung bei der Uraufführung des FFF- und MBB-geförderten Wettbewerbsfilms Gentle Monster beim Festival de Cannes

© FFF MBB Daniel Hinz

Die Hauptrollen im FFF-geförderten Wettbewerbsfilm Gentle Monster spielen Léa Seydoux und Jella Haase.

© FFF MBB Daniel Hinz

Zum Cast gehören außerdem Catherine Deneuve und Laurence Rupp, hier das Ensemble mit Sängerin Camille (l.) sowie Autorin und Regisseurin Marie Kreutzer (r.) auf dem Roten Teppich am Palais du Festival

© FFF MBB Daniel Hinz

Das Team von Gentle Monster vor der Uraufführung beim Festival de Cannes

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

© FFF Bayern Kurt Krieger

Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

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Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

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Gemeinsamer Business Lunch von FFF, MBB und British Film Commission

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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Kollabo­ration für die Zukunft

„Unser Konzept ist aufge­gangen“

Im Mai ging das DOK.fest München zum ersten Mal unter der Leitung von Adele Kohout und ihrer Stellvertreterin Maya Reichert über die Bühne. Der Eröffnungsfilm von Regina Schilling über Ingeborg Bachmann läutete gleichzeitig den 100. Geburtstag der Schriftstellerin ein. Ein Gespräch mit den beiden Leiterinnen über das Neue und das Bewährte.
Interview von Dunja Bialas
9 Minuten Lesezeit
© Ronny Heine

Das DOK.fest München hat in eurem ersten Jahr als Leiterinnen wieder einen Besucherrekord aufgestellt. Insgesamt verzeichnet ihr 58.000 Besucher*innen. Im Vergleich zum letzten Jahr kamen 4.500 mehr Menschen in die Kinos. Wie erklärt ihr euch diesen großen Erfolg?

Adele Kohout: Wir freuen uns sehr, dass unsere Neuerungen offenbar Früchte getragen haben. Wir hatten uns überlegt, wie wir das Festival sinnvoll und nachhaltig mit neuen Facetten, Farben und Nuancen erweitern können. Wir hatten den Wunsch, dass sich eine Euphorie einstellt. Das hat sich gerade in den Kinos widergespiegelt, was ich sehr, sehr erfreulich finde. Unser Konzept ist aufgegangen! Zum einen haben wir die Programmstruktur, die bereits letztes Jahr aufgebohrt wurde, weiterentwickelt. Den thematischen Reihen haben wir jeweils einen „Signature-Film“ vorangestellt und in „Fokus-Talks“ das Thema vorgestellt. Das Rahmenprogramm zu einzelnen Filmen haben wir als weitere Öffnung gesehen. Die Filme stehen natürlich im Fokus und für sich, aber sie enden nicht mit dem Abspann und auch nicht mit dem Besuch des Films.

In den Fokus-Talks treffen Expert*innen und oft auch Protagonist*innen außerhalb des geschützten Raums des Films aufeinander. Welche Talks fandet ihr besonders gelungen?

Adele Kohout: Finding Connection aus der Reihe „Visions of the Future“ fand ich ein tolles Gespräch. Da waren der Regisseur Florian Karner, zwei Protagonist*innen und der Geschäftsführer der Companion-Apps vor Ort. Die Fragen, die der Film stellt, waren: Wie bauen sich Beziehungen heutzutage auf, wenn man zum Beispiel aus toxischen Beziehungen kommt? Wo kann man vielleicht Hilfe finden? Wie entwickeln sich andere Arten von Beziehungen? Es ging um die Mensch-Maschine-KI-Beziehung. Die Protagonisten haben von ihren eigenen Erfahrungen gesprochen. Man hat sie wirklich von der Leinwand heruntertreten sehen! Eine Protagonistin erzählte mit spürbarem Stolz, dass ihr KI Partner „Randy“ ihr in einer schwere Lebensphase Halt gegeben hat und sie dabei unterstützt hat, neue Kraft zu schöpfen. Das sind Momente, die das Gesehene noch nahbarer, greifbarer und menschlicher machen.

Maya Reichert: Ein anderes Beispiel ist der Fokus-Talk zu Becoming Kim in der Reihe „Beziehungsweise“. Aus der sehr persönlichen Perspektive der Regisseurin Susanne Kim wird erzählt, wie du in einer langjährigen Beziehung an den Punkt einer Midlifecrisis geraten kannst. Als sie eigentlich gehen möchte, nimmt die Regisseurin die Kamera in die Hand und erzählt von ihrer Beziehung. Im klassischen Filmgespräch im Kino ging es um die Form des Films, um Regieentscheidungen und darum, was das Filmemachen für die Regisseurin bedeutet hat. Im Fokus-Talk nach einem anderen Screening war dann eine systemische Psychologin anwesend, mit der wir generell über Beziehungen gesprochen haben und darüber, wie diese Beziehung in diesem Film dargestellt wurde.

Watching People Watching Birds @ DOK.fest München 2026

Lasst uns über Trends sprechen: Welche Filme sind beim Publikum besonders gut angekommen?

Adele Kohout: Wir haben einen absoluten Publikumsliebling. Die Überraschung dieses Jahr war Watching People Watching Birds von Ulrike Franke und Michael Loeken. Der ist durch die Decke geschossen. Man sieht Menschen dabei zu, wie sie Vögel beobachten, und erfährt, welche Gedanken sie sich dabei machen. Der Mensch steht im Fokus, obwohl eigentlich das Tier den Ausgangspunkt der Erzählung bildet. Das hat beim Publikum viel aufgemacht über die Beziehung zwischen Mensch und Tier und darüber, wie wir mit unserer Umwelt umgehen. Er hatte eine Zartheit in der Erzählung, die sich wunderbar übertragen hat.

Maya Reichert: Das breite Publikum war da: sowohl die Bird-Watchers als auch das ganz klassische Kinopublikum kam. Viele Menschen kamen zur Vogelwanderung, obwohl sie kein Kinoticket hatten und gingen danach gemeinsam ins Kino. Hier zeigt sich, wie die Verbindung zwischen dem Film und den durch das Rahmenprogramm neu geschaffenen Räumen das Publikum auf sinnvolle Weise erweitern lässt.

Adele Kohout: Ein anderer Publikums-Magnet war Regina Schillings Ingeborg Bachmann, der durch die hybride Form angezogen hat und natürlich auch durch Sandra Hüller. Bachmann hat außerdem dieses Jahr den 100. Geburtstag. Finding Connection lief ebenfalls sehr gut, und auch Maria Wischnewskis Helene Weigel.

Maya Reichert: Einen Trend, den wir aus unserem Programm ableiten können, ist, aus persönlicher Sicht eine Geschichte zu erzählen und daraus gesellschaftliche Zusammenhänge zu entfalten. Das sind Filme, die aus einer sehr subjektiven Perspektive erzählen, beobachtend, mit einer intelligent gebauten Dramaturgie, die kein klassisches Voiceover braucht. Das Verständnis für Dramaturgie und Plot Points – für die Frage, wann du welche Bilder zeigst – hat sich geschärft und dem Spielfilm genähert. Indira Geisels Politik ist persönlich ist ein Beispiel dafür. Absolut „character driven“ gibt er ein Verständnis von Politik und erzählt zugleich über eine Vater-Tochter-Beziehung.

Adele Kohout: Interessant ist auch, dass sich viele dieser Tendenzen in bayerischen Produktionen wiederfinden. Einige der FFF-geförderten Filme im Programm und unter den Preisträger*innen haben genau diese sehr persönlichen und zugleich gesellschaftlich relevanten Erzählweisen aufgegriffen. Und es gibt aktuell auch viele Archivfilme. Man verlässt sich auf die Bilder, die zu einer bestimmten Zeit entstanden sind. Sie vertrauen auf die erzählerische Kraft dieser historischen Bilder.

Wie erklärst du dir die Beliebtheit des Archivs?

Adele Kohout: Es gibt ja mittlerweile synthetische Bilder, die mit KI generiert werden können. Man hat ein Bedürfnis nach Echtheit und Wahrhaftigkeit, nach dem echten Bild von damals. Wobei ja auch ein Dokumentarfilm nicht sofort gleich die Wahrheit ist, er ist immer eine künstlerische Erzählung mit der Wirklichkeit. Hybride Formen ergänzen das. Die verschiedensten klassischen Formen des Dokumentarfilms werden aufgebrochen und nicht mehr so klassisch bedient.

 

Könnt ihr einen Unterschied zwischen dem Kinobesuch und dem Online-Zugriff bemerken?

Adele Kohout:
Was gut im Kino läuft, wird auch online gerne gesehen. Die Mund-Propaganda wirkt auch für die @Home-Festivaledition.


Maya Reichert:
Unsere Moderator*innen sagen das auch bewusst bei der Begrüßung im Kino: Der erste und beste Ort, an dem Filme gesehen werden sollen, ist das Kino. Ein Beispiel: Laura Kansys Hello, New Body, How Are You today? ist ein Kurzfilm, der die Erkrankung ME/CFS filmkünstlerisch erzählt, unter anderem auch mit Schwarzbild. Wie ich nach der ersten Sichtung am Monitor den Film im Kino anders wahrgenommen habe, ist beeindruckend. Und gleichzeitig ist es toll, dass der Film online verfügbar ist. Für Menschen, die diese Erkrankung haben und nicht in ein Kino kommen können. Der Film hat den All-inclusive-Dokumentarfilmpreis 2026 erhalten.

Hello New Body © DOK.fest München 2026

Ihr seid vom Vorstand des Trägervereins des Festivals direkt aus dem Team bzw. der stellvertretenden Position als Nachfolge von Daniel Sponsel in die neue Leitung berufen worden. Wie findet ihr euer eigenes Profil?

Adele Kohout: Da haben wir ein großes Erbe angetreten. Wohin Daniel das DOK.fest München gebracht hat, hat man in der 40. Edition noch einmal gesehen. Es ist heute eines der renommiertesten Dokumentarfilmfestivals und steht für den künstlerisch wertvollen Dokumentarfilm, besondere Erzählweisen und gesellschaftliche Relevanz. In dieser Tradition sehen wir uns vereint. Der Auftrag, den wir haben, lautet: Dass das Festival eine Sichtbarkeit in der Branche hat und eine Plattform für Filmschaffende ist, die ihre Werke gut präsentiert finden und damit selbst mehr Sichtbarkeit bekommen. Wir haben dem bekannten Orange nun eine neue Farbe hinzugefügt: Wir wollen die Stärken des Festivals weiterführen und zugleich neue Zugänge für Publikum, Filmschaffende und die Branche schaffen.

 

Die Farbe Lila ist mit Weiblichkeit konnotiert …

Adele Kohout: Sie spricht in der Kulturgeschichte nicht nur das Weibliche an, sondern auch viele andere Facetten. Das Lila steht für Offenheit und Vielfalt der Perspektiven. Insofern wollen wir zeigen, welche Fülle möglich ist. Wir haben unseren Plakaten auch ein Scribble hinzugefügt. Damit wollen wir sagen: Wir schaffen Verbindungen, Knotenpunkte, eine Linie und kreatives Chaos.

 

Die Verbindungslinien führen mich zu einem Thema außerhalb des Festivals. Daniel hat sich in verschiedenen Verbänden immer stark filmpolitisch engagiert und Lobbyarbeit für den Dokumentarfilm gemacht. Habt ihr vor, euch in ähnlicher Weise zu engagieren?

Adele Kohout: Wir bringen unsere Erfahrungen in unterschiedliche Verbände und Netzwerke ein – die AG DOK, die AG Filmfestival, die AG Filmvermittlung und auch in verschiedenen europäischen Netzwerken – und verstehen unsere  Festivalarbeit selbst als wichtigen Beitrag für die Sichtbarkeit des Dokumentarfilms und seiner Filmschaffenden, weil wir die Möglichkeit und die Größe haben, eine Außenwirkung zu entfalten. Wir sind die Botschafter für den Dokumentarfilm.

Maya Reichert: Für mich gehört dazu auch die Filmvermittlung. Ich bin Gründungs- und Vorstandsmitglied der AG Filmvermittlung, die sich für die Professionalisierung und Sichtbarkeit dieses Berufsfeldes einsetzt. Gemeinsam haben wir beim DOK.fest München erstmals eine bundesweite Konferenz veranstaltet, bei der Akteur*innen aus Festivals, Kinos, Schulen und Wissenschaft zusammengekommen sind. Gerade der Dokumentarfilm eignet sich besonders für die Filmvermittlung, weil man sowohl über die Form als auch über die Inhalte sprechen kann.

Adele Kohout und Maya Reichert mit Regina Schilling, Autorin und Regisseurin von Ingeborg Bachmann – Jemand der einmal ich war bei der Eröffnung im Deutschen Theater

Ihr habt jetzt wieder mit DOK.aroundtheclock begonnen, eurem Ganzjahresprogramm. Wie nehmt ihr das Momentum des Festivals ins Kinojahr mit und was braucht der Dokumentarfilm aus eurer Sicht, um langfristig sichtbar zu bleiben?

Adele Kohout:
Ich sehe das „DOK.around the Clock“-Programm als eine schöne und wertvolle Verlängerung. Das Festival versteht sich als Plattform für Filmschaffende und ihre Werke und begleitet viele Filme über die Premiere hinaus. Dabei interessiert uns auch: Wie kann man Filme, die keinen Kinostart haben, trotzdem Sichtbarkeit verschaffen und im Gespräch halten? Und die Kooperation mit den verschiedenen Akteuren bedeutet auch eine Vernetzung in der Stadtkultur.

Maya Reichert: Was ich mir für den Dokumentarfilm wünschen würde, ist sehr, sehr viel mehr Budget für die generelle Sichtbarkeit. Das würde einen riesigen Unterschied für die Wahrnehmung der Dokumentarfilme machen. Und die zahlreichen Möglichkeiten der Filmvermittlung sollten bewusster und viel mehr ausgeschöpft werden. Im Schulbereich, aber auch für erwachsenes, reguläres Publikum.

 

Ein großes Plädoyer in Sachen Filmpolitik!  Habt ihr aufgrund der Erfahrungen, die ihr in eurem ersten Jahr in der Leitung gemacht habt, schon erste Ideen für die nächste Ausgabe?

Adele Kohout: Ich freue mich schon auf unsere Klausur in zwei Wochen mit dem Kern-Team. Wir haben eine Besucherbefragung durchgeführt und bereits einiges an Feedback gesammelt. Insgesamt würde ich sagen: Die Richtung stimmt und sollte mit der entsprechenden Unterstützung unserer Förderer weiterverfolgt werden. Ich glaube, wir haben gezeigt, dass der Dokumentarfilm mit einem Festival wie dem DOK.fest München genau die richtige und wichtige Bühne hat, um gesehen und verstanden zu werden, um anzukommen, um etwas zu bewirken und damit auch wichtige Impulse für die Filmbranche zu setzen.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Dunja Bialas
Redaktion: Olga Havenetidis

Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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Dokumentar­filmszene traf sich beim FFF Empfang

Ein Viertel­jahrhundert

Auszeich-
nungen an
Filme für
die Mensch-
lichkeit

Im Juni verlieh der Bernhard Wicki Gedächtnis Fonds e.V. zum 25. Mal den Friedenspreis des Deutschen Films – Die Brücke. Unter den preisgekrönten Filmen waren auch zwei FFF-geförderte Kinofilme: Gelbe Briefe und Was an Empfindsamkeit bleibt. Die Verleihung war zudem der letzte öffentliche Auftritt von Gründerin Elisabeth Wicki-Endriss.
5 Minuten Lesezeit

25 Jahren lange hat der Bernhard Wicki Gedächtnis Fonds e.V. unter dem Vorsitz von Gründerin Elisabeth Wicki-Endriss in München den Friedenspreis des Deutschen Films – Die Brücke verliehen. Die Schauspielerin hat damit ein Netzwerk ganz eigener Art geschaffen: Die Preisstatue besteht aus Brückenpfeilern, die imaginiert durch die internationalen Preisträger*innen eine Brücke des Friedens um den Globus bilden. FFF-geförderte Filme, die hier ausgezeichnet wurden, sind etwa Treasure – Familie ist ein fremdes Land, Sophie Scholl – Die letzten Tage, Nebel im August, Willkommen bei den Hartmanns, Ballon, Picco, Almanya – Willkommen in Deutschland, Das Leben der Anderen, Schachnovelle, Die Brücke am Ibar und September 5.

Rund drei Wochen nach der Verleihung, die Elisabeth Wicki-Endriss noch auf dem Balkon verfolgte und kommentierte, starb sie. „Seit 25 Jahren steht der Friedenspreis des Deutschen Films – Die Brücke für Humanität, Verständigung und die Kraft des Films, Brücken zwischen Menschen und Kulturen zu bauen“, so FFF Geschäftsführerin Dorothee Erpenstein. „Mit ihrer Idee, die Preisstatue aus Brückenpfeilern zu gestalten, die durch die internationalen Preisträger*innen symbolisch eine Brücke des Friedens um die Welt bilden, hat Elisabeth Wicki-Endriss ein einzigartiges filmisches Netzwerk geschaffen. Der FFF Bayern hat den Friedenspreis des Deutschen Films über Jahre hinweg begleitet und gefördert, zuletzt auch die 25. Preisverleihung 2026. Ebenso unterstützte der FFF Bayern Elisabeth Wicki-Endriss‘ Dokumentarfilm ‚Verstörung – und eine Art von Poesie. Die Filmlegende Bernhard Wicki‘ (2007). Erst im Juni sind wir Elisabeth Wicki-Endriss bei der 25. Friedenspreis-Verleihung im Münchner Cuvilliéstheater persönlich begegnet. Nun fehlt sie uns. Wir sind sehr traurig. Unsere Gedanken sind bei ihrer Familie, ihren Freund*innen und allen, die ihr verbunden waren.“

Bei der Trauerfeier auf dem Friedhof Nymphenburg war der 2. Satz von Schuberts Sonate für Arpeggione und Klavier in A-Moll (Adagio), D.821 zu hören. Diese hat Elisabeth Wicki-Endriss an den letzten Tagen ihres Lebens wahrscheinlich gehört, da die entsprechende CD in ihrem CD-Player steckte. In ihrer Ansprach an die Trauergäste erinnerte Bettina Reitz, seit vielen Jahren Mitglied der Friedenspreis-Jury, an die liebenswerte und unnachgiebige Hartnäckigkeit, mit der Elisabeth Wicki Endriss den Friedenspeis Jahr für Jahr auf die schillernde Bühne des Cuvilliéstheater brachte und München damit ein strahlendes, bedeutsames und unverzichtbares Ereignis schenkte, das unter den gesellschaftlichen Terminen seinesgleichen sucht. Jede*n Preisträger*in rief die Initiatorin höchstpersönlich an, um die ehrenvolle Auszeichnung auf direktem Weg zu kommunizieren.

Im 25. Jubiläumsjahr zeichnete die Jury den FFF-geförderten Kinofilm Gelbe Briefe mit dem Friedenspreis  aus. Der Film von Autor und Regisseur İlker Çatak und Produzent Ingo Fliess lief im Wettbewerb der Berlinale im Februar 2026 und gewann den Goldenen Bären.

Preisträgerin Daniela Magnani-Hüller

Im Berlinale Forum lief Was an Empfindsamkeit bleibt, ein Dokumentarfilm zum Thema Femizid von Daniela Magnani-Hüller. Auch diesen Film, mit dem die Autorin und Regisseurin ihren Abschluss an der HFF München machte, zeichnete die Jury in diesem Jahr mit dem Friedenspreis aus.

Preisträger İlker Çatak mit Produzent und Laudator Ingo Fliess sowie Moderatorin Benita Sarah Bailey

Der Ehrenpreis des Friedenspreises des Deutschen Films 2026 ging an Edgar Reitz, Autor, Regisseur und Produzent wegweisender Filmwerke und Filmtheoretiker, der auch das Denken über Film stets weiterentwickelt und als Professor an renommierten Kunsthochschulen und Kunstakademien weitergibt. Seit mehr als 70 Jahren lebt der herausragende Filmemacher in München, wo er in den Fünfzigerjahren an der LMU München Theaterwissenschaft, Germanistik, Kunstgeschichte und Publizistik studierte und erste Kurzfilme drehte. Der FFF Bayern förderte Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende, Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht und Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes.

Ehrenpreisträger Edgar Reitz

„Gelbe Briefe und Was an Empfindsamkeit bleibt zeigen auf unterschiedliche Weise, wie Kino gesellschaftliche Umbrüche widerspiegeln und Empathie stiften kann“, so FFF Geschäftsführerin Dorothee Erpenstein. „Besonders freut es mich, dass sowohl ein etablierter Filmemacher als auch eine Nachwuchsregisseurin gewürdigt werden. Gratulation an Edgar Reitz zum Ehrenpreis! Diese Auszeichnung schenkt dem einzigartigen weltweiten Friedenspreis-Netzwerk einen der größten Autorenfilmemacher unserer Zeit. Zugleich gratuliere ich dem Bernhard Wicki Gedächtnis Fonds zu 25 Jahren Friedenspreis des Deutschen Films. Seit einem Vierteljahrhundert setzt dieser Preis ein wichtiges Zeichen für Humanität, Verständigung und die Kraft des Films, Brücken zu bauen.“

Elisabeth Wicki-Endriss bei der 25. Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Films am 23. Juni 2026

Der 25. Friedenspreis des deutschen Films International ging an an Autorin, Regisseurin, Produzentin und Hauptdarstellerin Cherien Dabis für Im Schatten des Orangenbaums. Ein Film, den Elisabeth Wicki-Endriss mehrfach gesehen hat, weil sie ihn so schätzte. Bei der Trauerfeier dankte Bettina Reitz der Friedenspreis-Organisatorin Katrin Strauch, die mit viel Sensibilität und Professionalität die Verleihung realisiert hat, über die Jahre mehr und mehr Aufgaben von der Gründerin übernommen hat, ohne je den Eindruck zu erwecken, dass Elisabeth Wicki-Endriss die Fäden nicht mehr in der Hand hielte.

Wenig verwunderlich, wenn Elisabeth die Fäden nicht auch in Zukunft noch in der Hand halten sollte.

Die 25. Verleihung fand mit Unterstützung der FFF Bayern-Standortförderung statt.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text und Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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„Unser Konzept ist aufge­gangen“

Eine preis-
gekrönte
VR-Oper
und ein
neugie­riger
Riese in
der Kuppel

Während das Münchner Filmfest „Kino für alle“ feierte, wurde bei „Munich Beyond“ die Vielfalt immersiven Storytellings präsentiert
Text von Jürgen Moises
7 Minuten Lesezeit
E

Eine neue, virtuelle Welt wollte Mark Zuckerberg mit Horizon Worlds erschaffen. Ein Metaversum, in dem sich die Menschen mittels VR-Headset treffen, miteinander spielen, einkaufen und arbeiten gehen. Von der ursprünglichen Vision eines vor allem über VR-Headsets zugänglichen Metaversums hat sich Meta inzwischen weitgehend verabschiedet. Der Konzern setzt heute wesentlich stärker auf die Entwicklung künstlicher Intelligenz, bleibt aber weiterhin im Geschäft mit VR-Hardware und -Software aktiv. Eine Welt ohne Schmutz, einen digitalen Ozean, in dem tausende Menschen ihre Sinne verbinden, das wollte auch Tremens erfinden, als er noch Chief Executive Officer im Silicon Valley war. Jetzt lebt Tremens in einem Loch. In der gleichnamigen immersiven Performance, die als eines von 35 XR-, VR-und Dome-Projekten bei Munich Beyond zu erleben war, sehen wir ihn außerdem mit einer Tüte Karotten vor dem Münchner Residenztheater herumschlappen, wo er uns via Mikrofon von seinen geplatzten Visionen erzählt.

Danach geht es bei Tremens ins Theater, ins Foyer, wo auf zwei Ebenen VR-Experiences ablaufen. Es geht in ein virtuelles Badehaus und einen Pool, in den von oben herab virtuelle Körper fallen und in dem digitale Taler schwimmen, die unsere von den Tech-Firmen abgeschöpften Daten symbolisieren. Währenddessen hält der von Moritz Treuenfels gespielte Tremens weiter seinen gewitzten Dialog, der viel über die abgründige Welt heutiger Tech-Mogule erzählt. Und das auf Grundlage des Shakespeare-Stücks Timon von Athen, das hier einen anderen Dreh kriegt. Geschaffen hat Tremens das belgische Kollektiv CREW im Auftrag des Residenztheaters, wo das VR-Theater-Experiment im Februar Premiere hatte.

@ Bayerisches Staatsministerium für Digitales

Staatsminister Dr. Fabian Mehring mit FFF Geschäftsführerin Dorothee Erpenstein (l.) beim Rundgang durch die Ausstellungsflächen im Deutschen Museum

Bei Munich Beyond, der vom FFF Bayern geförderten, gemeinsamen XR- und Immersive-Storytelling-Initiative des Festivals der Zukunft und des Filmfests München in Zusammenarbeit mit dem Residentheater und XR Hub Bavaria, war Tremens nun wieder zu sehen. Und es gehörte dort schon deshalb zu den spannendsten Werken, weil es mit dem Hinterfragen einstiger VR-Visionen auf eine Meta-Ebene führt. Damit reagiert die Arbeit zugleich auf ein Medium, dessen frühere Heilsversprechen inzwischen selbst historisch geworden sind. Und weil es durch die Liaison von VR und Theater aufzeigt, wohin es technisch gehen könnte. Auch wenn die Liaison nicht durchgehend gelingt. Seine besondere Qualität entsteht dabei weniger aus der VR-Technik allein als aus dem Zusammenspiel von Schauspiel, realem Raum und virtueller Umgebung. Die kreativen Möglichkeiten von VR zeigten auch andere Arbeiten auf. Da gab es 3D-Trick- und Doku-Filme, auf Tanz-Performances basierende Werke, die das Körper- oder Frauenbild im technischen Zeitalter befragen. Es gab eine VR-Oper, eine VR-Disko und ein Audio-VR-Tauchspiel für Smartphones. Gerade bei immersiven Arbeiten stellt sich deshalb immer wieder die Frage, welchen eigenständigen erzählerischen oder körperlichen Mehrwert die räumliche Umsetzung bietet

In der Dome-Stage des Forums der Zukunft wurden immersive Fulldome-Produktionen präsentiert. Wie man dieses Medium spielerisch, kreativ nutzt, war dort bei Demo:Dome von Chuang Ho zu erleben. Da blickte ein gezeichneter Riese neugierig nach unten, eine rennende Trickfigur sprang über die Zuschauer und in Realaufnahmen warf eine Frau kleine Gummifiguren und Pflanzen auf die Kuppel. La méthode des moments von Lydia Yakonowsky, die dafür eine statistische Technik nutzte, wirkte wie ein ambitioniertes, Makro- und Mikrokosmos vereinendes Krautrock-Video. Und Material Topology von Ke Peng erweckte mit seinen mikroskopischen Aufnahmen den Eindruck: Das hätte mit 2D genauso funktioniert.   

Auch bei den VR- und XR-Arbeiten wirkte 3D nicht immer zwingend. So dürfte etwa die FFF-geförderte Experience The Sad Story of the Little Mouse Who Was Determined to Be Somebody als 2D-Animationsfilm genauso funktionieren. Re-Launching Luigi Broglio ist in seinem Wesen eine schrullig-sympathische Low-Budget-Theater-Produktion, für die es eine 360-Grad-Umsetzung nicht unbedingt braucht. Gerade bei einem jungen Medium gehört es zur Entwicklung des Feldes, auch unterschiedliche gestalterische Ansätze zu erproben und ihre Wirkung in der praktischen Anwendung zu überprüfen. Lacuna erzählt einfühlsam von der Erinnerungsarbeit einer holländischen Frau, die im Zweiten Weltkrieg ihre Eltern verlor. Hier wirken aber die Geschichte und die historischen Fotos bereits so stark, dass die Animationen eigentlich nur illustrativ wirken. Das ist nicht grundsätzlich ein Argument gegen diese Arbeiten, zeigt aber, dass die immersive Technik allein noch keine immersive Erzählung entstehen lässt.

Das Audio-VR-Tauchspiel Sona, das auf der Zusammenarbeit mit sehbehinderten Menschen basiert, vermittelt dagegen das Gefühlt: Hier entsteht etwas Neues. Und auch eine VR-Oper wie From Dust erlebt man nicht jeden Tag. Michel van der Aa hat dafür 2025 in Cannes den Preis für die beste immersive Arbeit bekommen. From Dust bewegt sich zwischen Musik-Clip und Sci-Fi-Trip. Und es macht Spaß, mit den 3D-Doppelgängeringen des Vokalensembles Sjaella durch die digitalen Landschaften zu gehen. Optisch gibt es trotzdem ab und zu ein bisschen Leerlauf. Und die eingearbeiteten KI-Szenen, die auf einem vorausgehenden Frage-Antwort-Spiel basieren, wirken doch eher wie Fremdkörper.

© Bayerisches Staatsministerium für Digitales

Starke Player hinter der Initiative Munich Beyond: FFF Geschäftsführerin Dorothee Erpenstein, Bayerns Digitalminister Dr. Fabian Mehring, Filmfest München-Leitung Christoph Gröner und Julia Weigl, Festival der Zukunft-Leiter Wolfgang Kerler

Aber VR, XR und Dome, das sind eben noch junge Medien, was die Arbeit damit herausfordernd, aber auch spannend macht. Wie man auch bei der Veranstaltung „Kino im Aufbruch – Was XR und digitale Räume möglich machen“ in der HFF München erfuhr. Dort plauderte Katharina Weser von Reynard Films, die neben Arthaus-Filmen auch VR-Experiences wie etwa Emperor (2023) produzieren, aus dem Nähkästchen. Hier ging es um wichtige Fragen, was die Produktion von immersiven Inhalten betrifft, für die es in Deutschland noch keine wirklichen Regeln, keine Ausbildung, keine richtigen Vertriebswege gibt. Stattdessen ist hier fast alles noch Learning by Doing. Das heißt, so die Leipziger Produzentin: „Man lernt ständig neue Techniken kennen“. Es gelte, immer wieder neue Tools und Erzählweisen zu entwickeln, und vor allem zu schauen, was in 3D wirklich funktioniert. Weser fand 2021 zur VR-Produktion, als sie Corona und ihr zweites Baby ausbremsten. Da merkte sie, dass sich bestimmte VR-Projekte auch ohne klassische Dreharbeiten, Schauspieler oder physische Sets umsetzen lassen. Und inzwischen sei es so, dass sie bei zwei aktuellen VR-Projekten vielleicht sogar Geld zurückbekommt. Bei ihren Filmprojekten gelang ihr das in zehn Jahren nie. Und Weser meinte sogar: Als Filmproduzentin hatte sie trotz vieler Preise noch nie ein gutes Jahr.

Weit besser ist es bei Peter Popp gelaufen, der bei der Veranstaltung mit auf die Bühne kam. Mit seiner Münchner Firma Softmachine produziert er seit 20 Jahren Inhalte für Domes. Popp sagte: Eine Krise kenne er nicht. Der Markt für Domes wachse ständig. Und im Grunde ginge es jetzt erst richtig los. Weltweit entstünden ständig neue Spielstätten. Aber auch für VR-Experiences werden, so Katharina Weser, inzwischen eigene Venues gebaut. Weil die Menschen diese nicht alleine, sondern in der Gruppe erleben wollen. Und diese Venues hätten sogar eine Auslastung „von über 50 Prozent“. Und was den Vertrieb von VR-Arbeiten in Deutschland betrifft, da ist Weser sicher: Da wird in den nächsten zwei Jahren viel passieren. Deshalb ihr Appell: „Wir müssen die Menschen für die neuen Medien ausbilden!“ Die neuen Techniken, Formate, Game Engines, das gehöre an den Filmhochschulen in die Lehrpläne. Dabei gehe es nicht darum, die klassische Filmausbildung zu ersetzen, sondern sie um Kompetenzen für interaktive und räumliche Medien zu erweitern. Weil die Leute, die dort für Film und Fernsehen ausgebildet werden, einfach „zu viele“ seien. Und was bringe es, wenn deren Filme keiner sieht? Für sie seien die immersiven Projekte ein wichtiges zweites Standbein geworden. In dieser Nische ist kreativ und finanziell also noch einiges möglich, unabhängig davon, ob die großen Technologiekonzerne ihre ursprünglichen Metaverse-Visionen weiterverfolgen. Damit solche Projekte nicht nur als einzelne Experimente entstehen, braucht es allerdings verlässlichere Produktionsbedingungen, höhere Budgets und bessere Möglichkeiten der Entwicklung und Auswertung. Der FFF Bayern hat diese Entwicklungen mit seiner seit Anfang 2026 geltenden fortgeschriebenen XR-Richtlinie aufgegriffen. Sie öffnet die Förderung stärker für immersive audiovisuelle Inhalte und ermöglicht höhere Fördersummen für größere und ambitioniertere Produktionen. Damit soll das kreative und wirtschaftliche Potenzial von XR weiterentwickelt und zugleich der Aufbau nachhaltiger Produktionsstrukturen unterstützt werden.“

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Jürgen Moises
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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Epizentrum der deutschen Film­industrie

Film
Commission
Bayern
News

Messen und Märkte–Akquise und Präsentation des Filmstandortes Bayern
8 Minuten Lesezeit

DREHARBEITEN

DREH DER INTERNATIONALEN KOPRODUKTION MONSANTO IN BAYERN

Dreharbeiten bringen immer wieder Herausforderung für die Motivgeber aber auch für Stadt und Region, also den öffentlichen Raum als solchen mit sich. Eine wichtige Aufgabe der Film Commission ist, Produktionen zu unterstützen und zwischen genehmigenden Behörden und den Filmschaffenden zu vermitteln und gemeinsam Lösungen zu finden. Auch in den vergangenen Monaten wurden wieder zahlreiche nationale wie internationale Projekte von der Vorbereitung bis zur Umsetzung der Dreharbeiten betreut. Wie wichtig vorbereitende gemeinsame Gespräche zwischen Produktion und genehmigenden Behörden sind, hat sich vor allem bei der Planung von Dreharbeiten im bayrischen Voralpenland gezeigt. Der stetige Austausch und Kontaktaufbau zu den genehmigenden Behörden ist fundamental zur Sicherung der Bedeutung des Filmstandortes und wird kontinuierlich ausgebaut. Dem Aufbau des Standortes dienen Location-Pitches, die zum Ziel haben, die jeweilige Produktion für den Drehort Bayern zu gewinnen, in dem in Frage kommende Motive präsentiert werden. Seit Anfang des Jahres hat die Film Commission nationale wie internationale Produktionsfirmen nach Bayern gelockt, um im Rahmen von Scoutings potenzielle Drehorte mit Produzent*innen, Szenenbildner*innen und Regisseur*innen zu besuchen. Im Fokus standen dabei neben der Landeshauptstadt München auch das Voralpenland, Niederbayern, sowie die nördlichen Regionen Frankens. Aktuell laufen die Dreharbeiten von Monsanto. Hierzu hatte die Film Commission im Herbst 2025 der Produktionsleitung erfolgreich Locations vorgestellt.  Ein Projekt, das wie schon so viele zuvor, zeigen wird, welche vielfältigen Möglichkeiten Bayern an Motiven zu bieten hat: Es werden hier neben großen US- Firmenzentralen auch US-Städte und US-Gerichtshäuser gecovert.

Bayerns Ministerpräsident Dr. Markus Söder mit Hauptdarstellerin Michelle Rodriguez am Set von Left Seat in Warngau

DREHARBEITEN

VERNETZUNG
IN DEN REGIONEN

Im ersten Halbjahr 2026 stand ein Besuch des langjährigen Partners Allgäu GmbH in Kempten an. Hier wurden neue Motive besichtigt, Dreharbeiten, die gerade vor Ort stattfanden besucht und Perspektiven für den Ausbau der Drehregion gemeinsam erörtert. Gerade die Nähe zu Landsberg und Penzing führt immer mehr Filmteams auch ins Allgäu auf der Suche nach On-Location Motiven.

In der Region Tegernsee-Schliersee wird bereits viel gedreht, hier findet man nicht nur einzigartige Landschaften und Berge, auch die kleinen Orte, Schlösser und Gutshöfe bieten sich als Drehkulissen an. Die Film Commission besichtigte das Gut Kaltenbrunn, das in den Reigen der bayerischen Filmlocations eingetreten ist und deren Detailangaben demnächst auch unter www.filmlocations-bayern.de zu finden sind.

Die Stadt Augsburg hat auf Initiative der Film Commission zu einem Runden Tisch geladen und wichtige städtische Motivgeber*innen zusammengebracht, um darüber zu sprechen, wie sich Augsburg als Filmregion aufbauen und sichtbar machen kann. Für die zweite Jahreshälfte sind Arbeitsgruppen und Workshops geplant.

© FFF Bayern

Netzwerk-Treffen im Allgäu: Simone Zehnpfennig, Unternehmenssprecherin der Allgäu GmbH und Sarah Rothmund von Kempten Tourismus mit Kathrin Winter von der Film Commission des FFF Bayern

DREHARBEITEN

SETBESUCHE

Zu den besuchten Projekten gehörte die FFF-geförderte internationale Serien-Koproduktion Queen Silvia (Pyjama Pictures in Koproduktion mit der schwedischen Unlimited Stories AB im Auftrag von Prime Video und SAT.1.), die die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen der bürgerlichen Deutschen Silvia Sommerlath und dem schwedischen König Carl XVI. Gustaf erzählt. Gedreht wurde unter anderem im Münchner Gasteig, der für die Produktion in historische Schauplätze verwandelt wurde. 

Ein weiteres Highlight war der Besuch der Dreharbeiten des FFF-geförderten Actionfilms Left Seat in Warngau, mit Richard Gere und Michelle Rodriguez in den Hauptrollen. Die deutsch-amerikanische Koproduktion von augenschein Filmproduktion, A/Vantage Pictures und Mandalay Pictures (mit Produktionsdienstleistungen von Bavaria Fiction) ist ebenfalls ein Beispiel dafür, wie Bayern große internationale Projekte anzieht. Auch bei Wolf (Elfenholz Film) machte sich die Film Commission Bayern ein Bild von den kreativen und technischen Herausforderungen der Dreharbeiten und sprach mit den Verantwortlichen über die Arbeit mit Tieren am Set.

Familienpublikum und jüngere Zuschauer*innen dürfen sich auf die FFF-geförderte Bilderbuchverfilmung Der Regenbogenfisch (Studiocanal, Claussen+Putz Filmproduktion und Zodiac Pictures) mit der Augsburger Puppenkiste freuen. Die Verfilmung des weltweit bekannten Klassikers setzt die beliebte Geschichte mit den bekannten Marionetten in Szene.

Neben Filmproduktionen standen auch etablierte Fernsehformate bei den Dreharbeiten auf dem Gelände der Bavaria Studios auf dem Programm. Die Rosenheim-Cops und Sturm der Liebe zählen seit vielen Jahren zu den bekanntesten TV-Produktionen Bayerns und begeistern regelmäßig ihr Publikum. Die beiden langlebige Formate stehen beispielhaft für die kontinuierliche Serienproduktion am Medienstandort Bayern.

© FFF Bayern Anja Schmidt

Am Set von Queen Silvia

MESSEN IN ALLER WELT

FILM COMMISSION BAYERN BEIM MARCHÉ DU FILM 2026 IN CANNES

Nach Stationen in Göteborg, Berlin, Los Angeles und Lille präsentierte die Film Commission des FFF Bayern den Filmstandort wieder beim größten Filmmarkt der Welt. Head of Film Commission Anja Metzger repräsentierte das Team als Teil der German Film Commissions am Gemeinschaftsstand von German Films. Im Mittelpunkt des Messeauftritts standen der internationale Austausch mit Produzent*innen, Kreativen und Branchenvertreter*innen aus aller Welt sowie die Präsentation Bayerns und Deutschlands als attraktive Drehstandorte. Dabei wurden Interessierte über Produktionsbedingungen, Serviceangebote und Fördermöglichkeiten für nationale und internationale Film- und Serienproduktionen informiert. Darüber hinaus bot der Marché du Film zahlreiche Gelegenheiten zur Pflege bestehender Kontakte und zum Aufbau neuer internationaler Partnerschaften. Zu den besuchten Branchenveranstaltungen zählte unter anderem der Producers Network Brunch des European Film Commission Network (EUFCN), der Film Commissions und Produzent*innen aus Europa und weiteren internationalen Märkten zusammenbrachte. Die Teilnahme am Marché du Film unterstreicht die Bedeutung internationaler Netzwerke für die Positionierung Bayerns als Filmstandort und ermöglicht den direkten Austausch zu aktuellen Entwicklungen und zukünftigen Kooperationsmöglichkeiten in der globalen Filmbranche.

EVENTS

RIVER RAFT
FLOSSFAHRT AUF
DER ISAR

Gemeinsam mit dem Filmfest München und German Films lud die Film Commission zu einem besonderen Tag auf der Isar ein, für neue Begegnungen, inspirierende Gespräche und zum Netzwerken abseits des Gewohnten.  Bei sommerlichsten Temperaturen wurde die Gelegenheit auch zur Abkühlung im Wasser genutzt. Unerschrockene wagten sogar den Sprung von der Brücke ins Wasser. Internationale Gäste des Festivals, eingeladene Regisseur*innen und Filmemacher, die Teilnehmenden der CineCopro Conference, Schauspieler, Studios und Partner*innen des Festivals genossen die Fahrt flussabwärts. Am Ende waren sich alle einig: Die Floßfahrt war ein absolutes Highlight des straffen Festivalprogramms und sorgte kurzzeitig für Entschleunigung und bot so Zeit für einen intensiven Austausch, der nachklingt.

 

„Die schönsten Begegnungen passieren oft dort, wo niemand auf die Uhr schaut. Danke für diesen wunderbaren Floß Nachmittag auf der Isar.“
Pia Strietmann, Regisseurin

„To be able to travel on water through the beautiful Bavarian river land and do this with films makers throughout Europe is one of the best experiences in a long time. Thank you for thinking outside the box! This is what the industry is all about.“
Madeleine Ekman, Produzentin Schweden, Teilnehmerin CineCopro Conference

„Die Floßfahrt war mit Abstand das beste Event für mich dieses Jahr. Angenehme Atmosphäre, gut kuratierte Gästeliste, einfach ausgezeichnet.“
Patrick Schlegel, Schauspieler 

© FFF Bayern

Floßfahrt auf der Isar bei den Industry Days des 43. Filmfests München 2026

Location Tour SAP Garden
& Olympiapark

Für 45 Gäste organisierte die Film Commission im Rahmen des Industry Program des Filmfest München eine exklusive Besichtigung des neuen und hochmodernen Stadions SAP Garden im Olympiapark mit anschließendem Rundgang durch den Olympiapark. Die Eventarena, die Austragungsort aller Basketballspiele von Bayern München ist sowie Heimat des Eishockey Teams von Red Bull, eröffnete 2024 und ist nicht nur architektonisch spannend, sondern auch durch die technischen Möglichkeiten als multifunktionale Halle interessant. Der SAP Garden verfügt über großzügigen Foyers sowie authentische Backstage- und Sportkulissen. Die verschiedenen Bereiche bieten abwechslungsreiche Motive und flexible Einsatzmöglichkeiten für unterschiedliche Drehszenarien. Außerhalb des Spiel- und Veranstaltungsbetriebs sind Dreharbeiten problemlos möglich. Die Besichtigung bot Einblicke hinter die Kulissen einer der modernsten Veranstaltungsstätten Deutschlands. Auf dem Programm standen unter anderem die Dachterrasse mit einzigartigem Weitblick, diese ist aktuell nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Von dort ging es in die Tiefgeschosse, wo sich drei Eistrainingshallen befinden. Ebenfalls besichtigt wurden die VIP-Bereiche, die ansonsten ausschließlich bei Spielbetrieb und nur auf Einladung betreten werden dürfen. Im Anschluss begrüßte Claudia Costa von der Olympiapark GmbH die Tourgruppe, sie ist die zentrale Ansprechpartnerin für Dreharbeiten im Park, einige Teilnehmende kannte sie bereits.

Networking bei den Industry-Days

NEUE FILMLOCATIONS 

NEUE MOTIVE IN DER FILMLOCATIONS BAYERN
DATENBANK  

Wer auf der Suche nach Filmkulissen ist, findet auf Filmlocations Bayern vielfältige Drehlocations und Motive in ganz Bayern. Ob romantisches Schloss oder verwunschene Burgruine, ob faszinierende Naturkulisse oder brachliegende Industrieanlagen – in der von der Film Commission Bayern gepflegten Datenbank lassen sich gewünschte Motive über die Filterfunktion finden. Die Datenbank wächst stetig und wird ständig aktualisiert. Aktuell neu hinzugefügt wurden das Nürnberger Stadion, das Royal Residence Kempinski in München-Nymphenburg, das Limeseum in Wittelshofen und die Galerie Schellmann in München. Zur direkten Kontaktaufnahme und für weitere Informationen lassen sich die jeweiligen Ansprechpartner*innen in der Detaildarstellung der jeweiligen Motive entnehmen. Darüber hinaus unterstützen professionelle Location Scouts und Agenturen Teams bei der Suche.

© Thomas-Lewandowski

Limeseum

© Kempinski

Royal Residence Kempinski

© Schellmann Art

Gallerie Schellmann

© Nürnberg Stadion Wolkenware

Nürnberger Stadion

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Texte: Kathrin Winter, Anja Schmidt
Redaktion: 
Olga Havenetidis

Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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Deutsche
Kinofilme
2026

Ton mit
Genre-Ambition

Das Studio Cobalt Lane bringt Audiokunst mit Game Design zusammen und erfindet ganz nebenbei noch ein neues Genre auf der Shopplattform Steam mit. Mit Imprinted erkunden die Münchner die Leiden eines Tonmeisters, der lieber Musiker wäre – doch über einen Restaurationsjob in die Abgründe der Verschwörungen driftet.
Text von Pascal Wagner
7 Minuten Lesezeit
S

So mancher Karriereweg lässt sich im Vorhinein nicht erahnen. „Vom Komponisten zum Spieleentwickler mutiert.“ So beschreibt Filippo Beck Peccoz den seinen. Peccoz’ Musik kennt man, wenn man großartige deutsche Spiele spielt: Er ist in Shadow Tactics und Shadow Gambit – The Cursed Crew von Mimimi Games genauso zu hören wie in Saga of Sins, Tavern Talk oder Desperados III. Der Münchner hat zusammen mit Systems Designer Alexander Zacherl vor zwei Jahren seine Firma Cobalt Lane gegründet, um die Produktion eines einzigartigen Spiels zu tragen. Die Rede ist von Imprinted, einem hochspannend, forensischen Audio Adventure, dem man Peccoz’ Prägung als Komponist ebenso ansieht wie die gleichsam ungewöhnlichen Lebenswege seiner Mitstreiter.

In Imprinted verkörpern Spielende die Rolle des Audio-Ingenieurs Vincent Brandt, der beauftragt wird, stark beschädigte Kassettenaufnahmen der (fiktiven) Komponistin Viola Fossati aus den 1970ern zu restaurieren. Überlagerte Tonspuren und verzerrte Videoaufnahmen führen Vincent nach und nach auf die Spur einer Verschwörung, die sich um die im italienischen Faschismus geborene Künstlerin drehen. Während sich das Gameplay vollends auf einem simulierten Computerbildschirm abspielt, auf dem Vincent zwischen Audioprogramm, Chats, Browsern und Dateipfaden wandelt, wird die Gefahr, in der er potenziell schwebt, dennoch immer greifbarer, nicht zuletzt durch die hervorragenden visuellen und akustischen Designs des Spiels. Und die stammen aus dem besonderen Mix an Talenten.

Imprinted ist ein hochspannendes, forensisches Audio Adventure

„Gerade sind wir vier Personen im Kernteam. Wir arbeiten aber auch mit einer Reihe an Künstlern und Freelancern zusammen, die nicht aus der Gamesbranche kommen”, erklärt Peccoz. „Das macht dieses Projekt für mich um ein vielfaches spannender: Joe McLaren, ein Illustrator aus England, hat unser ‚Linolschnitt’ Key Art erschaffen, meine Cousine Carlotta Beck Peccoz, eine Filmemacherin aus London, dreht mit Super8 Kameras die Found-Footage-Sektionen unseres Spiels, und der Soundtrack entsteht durch eine Kollaboration mit der kanadischen Songwriterin Charlotte Oleena. Das ist ein unglaublich inspirierender Prozess.” Auch die spielerischen Inspirationen von Imprinted versteckt er nicht. „Wir lieben Spiele wie Catherine und Killer7, The Operator, Her Story und auch Another World.” Puzzle-Spiele mit undurchdringlich-gefährlicher Aura, kombinatorische User-Interface-Puzzle und bedrohliche, doch simplifiziert dargestellte Spielwelten – die Bezüge zu Imprinted ziehen sich von selbst.

Dabei verarbeiten die Künstler hinter Cobalt Lane mehr als nur den Drang, ein Spiel zu machen. In Imprinted kommen echte Ängste von Kreativschaffenden mit spezifischen Problemen von Musikern und Musikerinnen zusammen. Protagonist Vincent mag erfolgreicher Tonmeister sein, doch seinem eigentlichen Drang, selbst Musik zu machen, kann er nicht nachgehen, aus wirtschaftlichen wie aus psychologischen Gründen. Geplagt vom traumatisierenden Glauben, nicht gut genug zu sein, versteckt sich Vincent hinter seinem Routinejob. „Ich denke, dass man als kreativer Mensch diesem ‚Imposter Syndrome’ schon öfter begegnet ist. Dieses Gefühl, nicht genug zu tun, sich nicht komplett dem Rausch der Kreativität hinzugeben, sondern eine gewisse Scheu zu haben, in tiefere Gewässer zu springen”, so Peccoz. Dennoch: „Ich meine, dass Imprinted nicht unbedingt von der äußeren Spannung ‚Kunst-Kommerz’, sondern einer inneren Unruhe erzählt: die Frage, was bleiben wird, wenn wir uns nicht mehr hinter der Idee einer Routine, eines Jobs, eines geordneten Lebens verstecken können.”

In Imprinted kommen echte Ängste von Kreativschaffenden mit spezifischen Problemen von Musikern und Musikerinnen zusammen

Wenig überraschend, wenn man sich das einzigartige Konzept von Imprinted ins Gedächtnis ruft, sind daher auch die Lorbeeren, die der Titel bereits vor Release einheimsen konnte. Auf der GG Bavaria 2026 gewann Imprinted den Echo Award für Best Audio, außerdem hat es das Spiel in die Official Selection des London Games Festivals, des IGN Fan Fest Selection und des Steam Detective Fest geschafft. Und natürlich sind auch die Förderempfehlungen des FilmFernsehFonds Bayern in gewisser Weise schon Auszeichnungen an sich, müssen sich die Konzepte und Spiele doch zunächst in der Auswahl behaupten. Imprinted wurde von Anfang an durch den FFF unterstützt, erhielt erst 20.000€ Konzeptförderung, dann 100.000€ für den Prototyp und aktuell 124.000€ für die Produktion. „Die finanzielle Unterstützung für die Umsetzung unseres ersten Spieles war essenziell. Dass Imprinted durch alle Stufen von Konzept bis Produktion gefördert wurde, hat uns aber nicht nur ökonomisch geholfen, sondern bestärkt uns auch in der Meinung, dass wir hier ein Spiel mit einer starken Vision umsetzen, die ‚ins Blut geht’”, sagt Peccoz. „Ich bin sehr dankbar für die Bereitschaft des FFF, an ein doch sehr spezielles und recht wagemutiges Projekt zu glauben.“

Das Spiel fertigzuentwickeln – aktuell ist übrigens noch kein Releasetermin öffentlich – ist am Ende jedoch nicht alles, was Cobalt Lane erreichen will. Ebenso ‚meta’, wie der Titel mit seinen Audio-, Video- und Interfaceebenen umgeht, will Cobalt Lane auch die Genregrenzen, innerhalb derer sich Imprinted bewegt, neu definieren. Nicht durch revolutionäre Buzzwords, sondern durch eine Graswurzel-Bewegung, die den größten PC-Spieleshop dazu bringt, Games wie Imprinted als eigene Kategorie anzuerkennen. Gemeinsam mit anderen Studios wie Jumpy Bit, Grey Alien Games und Muscle Cat Games haben Cobalt Lane das InterfaceX26-Showcase ins Leben gerufen, eine Sammlung an Spielen auf Valves Storefront Steam, die alle eines gemeinsam haben: Dass das eigentliche Spiel in einem fiktiven Interface wie einem Desktop oder einem Archivprogramm stattfindet. Unterstützung kam von Genregrößen wie dem Her Story-Erfinder Sam Barlow, Dem Pony Island-Developer Daniel Mullins und den Automation-Game-Größen von Zachtronics. „Am Ende waren es über 150 Entwickler und Publisher, dazu sechs Creator, die uns beim Showcase geholfen haben. So wurde aus der Idee InterfaceX26, mit einer Sale-Woche und einem Livestream-Showcase”, erklärt Game Designer und Producer Alexander Zacherl.

Auf der GG Bavaria 2026 gewann Imprinted den Echo Award für Best Audio, außerdem hat es das Spiel in die Official Selection des London Games Festivals, des IGN Fan Fest Selection und des Steam Detective Fest geschafft

Zum Ziel hatte das Event nicht nur, die Spiele in den Vordergrund zu stellen und mehr Einheiten zu verkaufen: „Das eigentliche Ziel ist ein offizieller ‚Fake OS’-Tag auf Steam. Statt darauf zu warten, dass Valve so eine Kategorie von oben anlegt, gehen wir den umgekehrten Weg: Wir rufen die Spieler dazu auf, passende Titel selbst mit ‚Fake OS’ zu taggen, so wie es auf Steam bei anderen Genres schon früher funktioniert hat”, sagt Zacherl. Dafür bauten die Organisatoren sogar ein eigene Website: ein eigenes Steam-Interface, natürlich, mit dem Spielende die Titel gamifiziert taggen konnten. „War es erfolgreich? Letztlich hängt das daran, ob bei Valve genug Interesse und Nutzung des Tags ankommt, und das kann am Ende nur Valve selbst beurteilen. Die gute Nachricht: Valve zieht das Tag aktuell aktiv in Betracht. Daumen drücken!”

Und wohin soll die Reise in der Zukunft für Cobalt Lane gehen? Nun – zunächst zum Release von Imprinted natürlich. Vor der Veröffentlichung soll das Spiel außerdem noch in einige wichtige Sprachen übersetzt werden. Und bis dahin steht die große Event- und Werbetour an. „Wir freuen uns auch auf den Auftritt auf der diesjährigen Gamescom im Rahmen des Games/Bavaria-Standes. Auf der GG Bavaria im März haben wir gesehen, wie schön es ist, Menschen beim Playtesten von Imprinted zu beobachten und zu merken, wie gewisse Spieler wirklich komplett in die Atmosphäre und die Geschichte eintauchen, und das trotz lauter Messeumgebung!“ so Peccoz. Aber auch für die Zeit nach Imprinted hat er Ideen. „Ich träume aber schon von ein paar weiteren Konzepten, die sich ebenfalls im FakeOS Genre sehr wohl fühlen könnten. Die einzigartige Perspektive, die man als Spieler eines FakeOS-Games hat, finde ich unendlich spannend. Wir sind schon dabei, die vielversprechendsten Ideen zu sortieren, um direkt im Anschluss mit einem neuen ‚Traumprojekt’ starten zu können!”

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Pascal Wagner
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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Eine preis­gekrönte
VR-Oper und
ein neugie­riger
Riese in
der Kuppel

Momente,
die man niemals
wiederholen kann

Nach ihrem preisgekrönten HFF München-Abschlussprojekt „früher oder später“ legt Autorin und Regisseurin Pauline Roenneberg ihren Debütfilm vor: „Kalter Hund“ ist eine Komödie mit Star-Besetzung und Familienaufstellung. Premiere feierte der Film in der Reihe Neues Deutsches Kino beim Filmfest München.
Text von Anna Steinbauer
6 Minuten Lesezeit
A

Alles wird gut, sagt Marianne, die mit Kuchen und Wunderkerze bewaffnet das Schlafzimmer ihres Mannes betritt, um ihm zum 100. Geburtstag zu gratulieren. Die nächste Einstellung zeigt den toten Herrmann, der mit aufgerissenen Augen, blau angelaufen im Bett liegt. Und während die treusorgende Ehefrau noch das Lied For He’s a Jolly Good Fellow singt und ein paar Minuten dafür braucht, um festzustellen, dass ihr Leben eine ungeahnte Wendung nimmt, ahnt man schon: So ein netter Typ wird Herrmann wohl nicht gewesen sein. Wie so oft in ihrem Leben beschließt Marianne, die Haltung zu wahren und so zu tun, als sei alles normal.

Schlafende Hunde soll man nicht wecken, besagt ein Sprichwort. Bereits in den ersten Minuten von Pauline Roennebergs Kalter Hund, der im Juli in der Reihe Neues Deutsches Kino auf dem Filmfest München Premiere feiert, spürt man: Einer ist vielleicht tot, da liegen aber sicherlich noch ein paar andere ganz tief in der Familienvergangenheit begraben. Subtil, aber unmissverständlich und äußert stilsicher wird gleich zu Beginn der Ton dafür gesetzt, was einen in den folgenden 137 Minuten erwartet. Eine schwarzhumorige Familientragödie, bei der einem schon mal das Lachen im Halse stecken bleibt bei all den düsteren Geheimissen, die in den verborgenen Ecken des riesigen Hauses schlummern. „Die Prämisse des Films ist autobiografisch inspiriert“, sagt Roenneberg die mit ihrer Doku-Serie Früher oder später (2018) über ein Totengräberpaar schon Erfahrungen im tragisch-komischen Genre gesammelt hat. Ihr Großvater sei wirklich während eines Familienessen oben tot im Bett gelegen, während die Oma der englischen Verwandtschaft unten ein Festmahl aufgetischt hätte. Alle weiteren Ereignisse hätte sie zugespitzt und fiktionalisiert, die Dynamiken basierten jedoch auf ihren Erlebnissen und Beobachtungen, so die Münchner Regisseurin.

© MilkPictures

Im Film geht es um Geheimnisse, deren Verleugnung oft über Generationen hinweg Spuren hinterlässt. So schweigt Marianne lieber, anstatt zu handeln und überlässt es ihrer Enkelin Fanny, den toten Großvater aufzufinden, was ein absurdes Schmierentheater in Gang setzt und einen bitteren Streit ums Erbe entfacht, bei dem sich alte Machtverhältnisse ins Gegenteil verkehren. Passive Aggression, unausgesprochene Gefühle und verdrehte Rollenkonstellationen wollte Roenneberg besonders erforschen: „Mir war es wichtig, dass man mit jeder Figur fühlt, sie nicht vorverurteilt und jede ihre eigene Ambivalenz in sich trägt.“ Eine skurrile Familienaufstellung, zu der Fannys Hippietante alle Anwesenden zwingt, ist das Herzstück des Films. Sie hätte selbst ihre eigene Mutter einmal bei einer solchen „filmreifen“ Aufstellung begleitet, so die Regisseurin, die zeigen wollte, dass diese Technik durchaus gefährlich sein kann, wenn alte Traumata aufbrechen, die eigentlich aufgefangen werden müssten.

Den Kern der Familie bilden die drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen Lea Drinda als Fanny, ihre im Rollstuhl sitzende Mutter (Victoria Mayer) und Corinna Harfouch als Oma Marianne. Deren Stiefsohn Kasimir (Thomas Mranz) und die Stieftochter Karoline (Karoline Eichhorn) ergänzen den tollen Cast, den Niels Bormann als zwielichtiger Familienaufsteller analysiert. Um Emotionen möglichst authentisch rüberzubringen hat Roenneberg sich eine besondere Arbeitsweise überlegt, die einige Vorbereitung erforderte: Die Schauspieler*innen improvisieren auf der Basis eines Treatments, ohne feste Dialoge. An einem Probenwochenende im September 2024 testete der Hauptcast diese Mumblecore-Technik aus, wie sie Roenneberg, die Dokumentarfilmregie an der HFF studierte, schon in früheren fiktionalen Projekten wie ihrem Kurzfilm Honeymoon (2019) einsetzte.

Jede*r Darsteller*in bekam dafür von Roenneberg eine eigene zehnseitige Figurenmappe, die Familieninsider, Stammbaum, Backstory und Kindheitserinnerungen enthielt – inklusive eines Geheimnisses, das die anderen nicht erfahren durften. „Weil sie nicht wissen, was die anderen gerade planen, machen und erleben, sind die Schauspieler*innen sehr im Moment. Dadurch wird das Spiel so intensiv“, so die Regisseurin, die nach dem Probedreh einen Kurzfilm schnitt, der als Grundlage für das größere Projekt diente und ihr das Vertrauen des hochkarätigen Ensembles sicherte. Weil sie nicht das proben wollte, was später gedreht wurde, war die Vorgabe, dass sich alle ein Jahr vorher zum 99. Geburtstag des Großvaters treffen. „Wir haben versucht, Erinnerungen zu schaffen. Für die Impro ist das entscheidend, wenn die Figuren wissen, sie hatten schon mal so ein schreckliches Familienfest“. Eine wahnsinnige Energie sei an diesem Wochenende entstanden und sie hätten entscheidende Dinge über die Familiendynamik herausgefunden, so die Regisseurin. Ihr Produzent Felix Bärwald ergänzt: „Dass alle Schauspieler sich darauf eingelassen haben, so nackt zu spielen und so uneitel miteinander umzugehen, hat uns das Vertrauen gegeben, dass das auch in der großen Form funktioniert.“ Gedreht wurde 20 Tage lang chronologisch im April 2025 im Haus einer Bekannten in Iffeldorf mit bewusst kleinem Team.

Überhaupt hätten sie bei diesem Film vieles anders gemacht, als man es normalerweise macht, erzählen Bärwald und Roenneberg, die für Kalter Hund ihre eigene Produktionsfirma Milk Pictures gründeten. Dass das ungewöhnliche Projekt in dieser Form entstehen konnte und der FFF Bayern das szenische Treatment ohne Dialogbuch und zunächst auch ohne Senderbeteiligung förderte, sei auch der öffentlichkeitswirksamen Kampagne „Angst essen Kino auf“ zu verdanken, die Roenneberg 2023 mit zwei Kolleginnen initiierte: „Mein Film ist die Antwort darauf und die Konsequenz. Mir war klar: Wenn ich so laut fordere, dass ein Film mutig sein muss, eine Handschrift verfolgt und produktionell andere Wege gehen muss, dann muss ich das selbst auch tun und ins Risiko gehen.“

© MilkPictures

Ohne die Bürgschaft von Veronica Ferres und ihre Construction Film mit Julia Rappold als Ko-Produzentin und ohne gewisse Selbstausbeutung hinsichtlich der eigenen Gagen hätten Roenneberg und Bärwald es nicht geschafft. Dank des ZDF, das die Weiterentwicklung schließlich finanzierte, konnte das Probenwochenende realisiert werden. Ihr Hauptproblem sei es gewesen, das gesamte Geld im Vorhinein auszulegen, so Bärwald – ein Problem, mit dem viele kleine Produktionsfirmen kämpfen. Doch für den Produzenten geht das Konzept dennoch auf: „Ich glaube, man muss einen Film so konsequent wie möglich machen und die Vision eines Künstlers verfolgen. Zu viele Kompromisse verwässern eine konstante künstlerische Handschrift.“

Diese Arbeitsweise vereine alles, was sie sich in den letzten Jahren erarbeitet hätte, so Roenneberg: „Es geht nicht darum, dass man keine Kompromisse macht, sondern darum, dass man den Kern seiner Vision bewahrt und nicht anfängt zu versuchen, es allen recht zu machen.“ Besonders überzeugt ist sie von der dokumentarischen Herangehensweise, die sehr viel flexibler ist und weiß, dass es Momente gibt, die man niemals wiederholen kann. „Ich möchte mir gerne die Freiheit für das bewahren, was passiert und gleichzeitig die Stilmittel nutzen, die das Kino bietet“, so die Regisseurin. „Im Film suche ich gleichzeitig eine krasse Authentizität und eine Hyperstilisierung – das ist eigentlich ein totaler Gegensatz. Aber beides gehört zu mir.“

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Anna Steinbauer
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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Ton mit Genre-Ambition

Nieder­kalten­kirchen ist überall

Am 13. August kommt Steckerfischfiasko ins Kino, der zehnte Film rund um Dorfgendarm Franz Eberhofer. Produzentin Kerstin Schmidbauer blickt auf die erstaunliche Erfolgsgeschichte der bayerischen Komödienreihe zurück
Interview von Dominik Petzold
8 Minuten Lesezeit
© Constantin Film

Frau Schmidbauer, können Sie manchmal den riesigen Erfolg der Eberhofer-Filme selbst kaum glauben?

Kerstin Schmidbauer: Ja. Aber es ist nie ein Selbstläufer. Wir sind bei jedem Film so aufgeregt wie beim ersten, vielleicht sogar noch mehr, weil wir die Erwartungshaltung der Fans spüren.

 

Wie erklären Sie sich den anhaltenden Erfolg?

Es gibt viele Faktoren. Wir hatten von Anfang an eine populäre Buchreihe. Die ersten beiden Bände Winterkartoffelknödel und Dampfnudelblues hatten sich schon sehr gut verkauft. Es ist immer eine gute Basis, einen Bestseller zu haben – allerdings haben das auch andere Projekte. Ein wichtiger Faktor der Eberhofer-Bücher und Filme ist das anarchische Grundgefühl. Die Filme feiern eine analoge Welt, die viele noch kennen. Und es ist eine eigene Welt, in der auch mal Dinge passieren, die über das Reale hinausgehen. Wo gibt es Polizisten, die einen Nachbarschaftsstreit mit der Pistole schlichten? Wir können uns viel trauen, und das funktioniert so gut wegen der wunderbaren Charaktere: Sie sind unangepasst, eigenwillig und haben einen Wiedererkennungswert. Jeder kennt solche Leute.

 

Auch Sie als Nicht-Niederbayerin?

Ich komme aus Nürnberg, so anders ist die fränkische Provinz nicht. Rita Falk hat schon Briefe bekommen, in denen Leute aus Norddeutschland schrieben: Niederkaltenkirchen ist überall, auch bei uns. Und ich zum Beispiel hatte auch so eine Oma, die uns alle bekocht und ein Regiment geführt hat.

© Bernd Schuller

Produzentin der ersten Eberhofer-Stunde: Kerstin Schmidbauer

Eine filmische Grundregel lautet: Die Figuren müssen eine Entwicklung durchmachen. Auf die Figuren Ihrer Eberhofer-Filme trifft das überhaupt nicht zu.

Das ist in Rita Falks Romanen so angelegt. Franz Eberhofer ist resistent, was Veränderung anbelangt. Und das spiegelt unsere Realität: Wir verändern uns ja auch nicht, tappen immer wieder in dieselben Fallen und lernen nicht so richtig daraus. Auch darin liegt ein Wiedererkennungswert der Figuren. Man merkt: Die sind ja wie ich. Die Filmdramaturgie ist tatsächlich sehr untypisch. Das ist für die Drehbuchautoren Stefan Betz und Ed Herzog, unseren Regisseur, eine Herausforderung, sie müssen andere kreative Lösungen finden.

 

Es geht in den Filmen nicht immer politisch korrekt zu. Haben Sie keine Sorge, mal Ärger zu bekommen?

Es gehört zu der Reihe, dass wir uns in keine Richtung Einschränkungen auferlegen wollen. Wenn die Kreativen eine Schere im Kopf haben, verlieren sie die Unangepasstheit und die Spielfreude. Deshalb gehen wir immer eher das Risiko ein, dass sich der eine oder die andere an etwas stört.

 

Wie ist die Altersverteilung Ihres Publikums?

Die ganze Familie geht in die Filme, von Kindern bis zu den Großeltern. Das sehen wir auch bei den Kinotouren, dass Eberhofer alle abholt. Auch das Verhältnis Männer-Frauen ist nahezu fünfzig-fünfzig. Wenn nicht Menschen jeden Alters für Eberhofer ins Kino gehen würden, könnten wir nicht so hohe Zuschauerzahlen erreichen. Und wir erreichen viele Menschen, die sonst nicht ins Kino gehen.

Gibt es auch Hardcore-Fans?

Ja, viele machen die Kinotouren mit. Manche nehmen sich extra Urlaub, weil sie begeistert sind, so nah an den Darsteller*innen sein zu können. In Frontenhausen gibt es mittlerweile auch eine Filmtour, zu der die Fans zum Teil von ganz weit her pilgern.

 

Profitieren Sie davon?

Nein, das wird größtenteils über die Gemeinde organisiert. Aber wir unterstützen die Gemeinde Frontenhausen gern. Wir sind ihr zu großem Dank verpflichtet, weil sie uns so toll bei den Dreharbeiten unterstützt.

 

Blicken wir auf die Anfänge: Wie sind Sie auf Rita Falks Buchreihe gekommen?

Das war ein Glücksfall. Das Buch war in einer Filmstoffliste aufgeführt, die ich bekommen habe, aber ich habe es nicht so richtig wahrgenommen. Erst in einer Buchhandlung bin ich über die schrägen Titel gestolpert: Winterkartoffelknödel und Dampfnudelblues. In dieses Buch habe ich reingeblättert und der Einstieg lautet: „,Stirb, Du Sau.‘ steht auf der Hauswand des Schuldirektor Höpfl. Ärgerlich nicht nur für den Höpfl.“ Das fand ich so originell und lakonisch, dass ich die beiden Bücher mitgenommen habe. Mein Glück war, dass der Verlag und alle Beteiligten beschlossen hatten, erst Gespräche über die Verfilmungsrechte zu führen, wenn klar ist, wie sich die Reihe entwickelt. Ich kam gerade noch rechtzeitig.

© Constantin Film

Sie wollten dann daraus zunächst eine Fernsehreihe für die ARD Degeto und den BR machen.

Wir haben mit Dampfnudelblues als Fernsehfilm gestartet und von der Redaktion, der leider verstorbenen Stephanie Heckner und von Katja Kirchen große Freiheiten bekommen und konnten inhaltlich sehr unkonventionell arbeiten: Zum Beispiel haben wir – das war Ed Herzogs Vision – unseren fiktiven Ort Niederkaltenkirchen bewusst fast menschenleer gedreht. Auch in puncto Humor waren wir sehr unkonventionell. Als der erste Film fertiggestellt war und zum Filmfest München eingeladen wurde, hatte sich das schon rumgesprochen. Da haben bayerische Kinobetreiber bei unserem Verleih angerufen, und bereits vor dem Filmfest liefen schon Gespräche darüber, ins Kino zu gehen.

 

Was waren die weiteren Meilensteine?

Die Premiere auf dem Münchner Filmfest war fantastisch. Es war ein Wahnsinnserlebnis, zu merken, dass nicht nur wir das lustig finden, sondern auch viele andere. Im Kino ging das dann weiter. Ich habe mich oft in Vorführungen gesetzt, und das war total motivierend. Denn ich hatte ja zuvor ausschließlich fürs Fernsehen produziert, und die direkte Rückkopplung im Kino ist fantastisch. Wir haben dann ab Winterkartoffelknödel fürs Kino produziert. Mit dem fünften Film Sauerkrautkoma erreichten wir zum ersten Mal über eine Million Zuschauer. Mit Grießnockerlaffäre habe ich den Bayerischen Produzentenpreis bekommen. Und es gab viele tolle Publikumspreise, mit Leberkäsjunkie haben wir sogar den „Publikumspreis des Jahrzehnts“ beim Bayerischen Filmpreis gewonnen.

© Constantin Film

Im neuen Eberhofer kommt sogar die Ballettstange zum Einsatz

Die Schauspieler der Reihe sind unersetzlich und damit in einer guten Verhandlungsposition. Ist das für Sie als Produzentin eine große Herausforderung?

Wir sind alle zusammengewachsen und wir versuchen immer faire Partner zu sein. Das Ensemble besteht aus lauter tollen Menschen. Franziska Aigner hat sie fantastisch gecastet, viele Schauspieler*innen waren ja damals noch nicht so populär wie heute. Sie sind alle menschlich total in Ordnung und würden uns nie erpressen. Hoffe ich zumindest!

 

Aber Sie müssen das gesamte Ensemble immer wieder zur gleichen Zeit zusammenbringen.

Das müssen wir von langer Hand planen. Wir haben seit 2012 zehn Filme gedreht, die hohe Taktung war nur möglich, weil wir fast immer im gleichen Zeitraum gedreht haben – ab ungefähr Mitte September, das war dann bei den Agenturen schon eingeplant, und alle haben sich daran gehalten. Dafür bin ich unheimlich dankbar.

 

Wäre es nicht effizienter, zwei Bücher auf einmal zu verfilmen?

Das wurde mal diskutiert, aber das würden wir nicht schaffen. Ich glaube, das funktioniert beim Kinofilm nicht. Man braucht immer die Rückkopplung vom letzten Film, das Zuschauerfeedback, um sich auf den nächsten vorzubereiten. Ich fände es gefährlich, zwei Filme auf einmal zu drehen, schließlich hat man immer wieder ein neues Learning.

 

Zum Beispiel?

Die Zuschauer haben uns mal gesagt, dass für sie ein wichtiger Bestandteil ist, dass der Eberhofer, Flötzinger, Simmerl und Wolfi immer gemeinsam Schmarrn machen. Das kommt in der Buchreihe nicht durchgehend vor, aber für viele Fans der Filme sind diese Filmmomente unheimlich wichtig.

 

Können Sie bei einem Eberhofer pro Jahr noch andere Filme produzieren?

Es ist für mich eine Lebensentscheidung und große Freude, Eberhofer zu machen, und ich muss sehr genau planen. Aber ich habe auch ganz anders gelagerte Filme in den letzten Jahren produziert, auf die ich ebenfalls sehr stolz bin, wie zuletzt den Netflix-Actionthriller Exterritorial und die ARD-Miniserie Haus aus Glas.

 

Für Sie war Bernd Eichinger die Initialzündung, um Produzentin zu werden. Können Sie mehr darüber erzählen?

Ich habe in einem Buch über Filmemacher*innen einen Text gelesen, in dem Bernd Eichinger schilderte, wie er die Finanzierung für Das Geisterhaus zusammenbekommen hat und wie er für seine Vison einstand. Das las sich spannend wie ein Krimi! Ich war schon zuvor filmfanatisch, wusste aber nicht, ob das ein Berufsbild für mich sein kann.

© Constantin Film

Sie haben dann an der HFF München Produktion studiert. Hat sich Finanzierung als der Bereich Ihres Berufs erwiesen, der am spannendsten ist?

Bernd Eichinger ist ja vor allem für seine Kreativität und Gespür für Talente und Stoffe bekannt, und damit hat er bis heute eine große Vorbildfunktion: Mir macht die Arbeit mit den Kreativen am meisten Spaß. Aber es ist auch so, wie Bernd Eichinger geschrieben hat: Wenn man jahrelang an einem Projekt arbeitet, und dann am ersten Drehtag sieht, wie es los geht – das ist jedes Mal ein unglaublich befriedigendes Gefühl.

 

Das überwiegt die Anspannung am ersten Drehtag?

Die ist immer dabei. Es gibt immer einen Grund, angespannt zu sein.

 

Aber es muss doch auch mal einen Moment geben, an dem sie abfällt.

Nach der Filmpremiere. Aber die Spanne ist nicht lang (lacht). Denn kurz darauf kommen die ersten Kinozahlen.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Dominik Petzold
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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Momente,
die man niemals
wiederholen kann

„Eine echt
befreiende
Erfahrung“

Mit ihrem Bestsellerroman „Lügen über meine Mutter“ stand Daniela Dröscher 2022 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Das Buch ist in zehn Sprachen übersetzt. Im Frühjahr 2026 wurde es für „Berlin liest ein Buch“ ausgewählt, im Oktober kommt die FFF-geförderte Adaption unter der Regie von Aron Lehmann in die Kinos. Rosalie Thomass schrieb das Drehbuch und übernahm mit der Mutter Cornelia eine der drei Hauptrollen. Im Interview sprechen Daniela Dröscher und Rosalie Thomass über ihre Zusammenarbeit, Familie und die Bedeutung von Kilos für Frauen – im Leben und im Filmgeschäft.
Interview von Tina Rausch
10 Minuten Lesezeit
© Luis Zeno Kuhn / Tobis

Daniela, Sie hatten mehrere Angebote für die filmische Adaption Ihres Romans. Wie haben Rosalie Thomass und Aron Lehmann Sie überzeugt?

Daniela Dröscher: Ganz klar durch ihre Persönlichkeiten und ihren Love Letter an mich. Und durch viele Parallelen: Wir teilen die Liebe zum Absurden, wir mögen große Gefühle, wir lieben gute Figuren und gute Geschichten. Dazu kam ihr tolles Konzept: Im Buch gibt es keine einzige Kilogrammangabe. Literatur kann uns dazu animieren, uns so etwas wie einen umfangreichen Körper vorstellen. Das kann der Film nicht. Rosalie und Aron haben beide genuin filmisch gedacht und eine supercoole Übersetzung dafür gefunden.

Rosalie Thomass: Interessant, das wusste ich so noch nicht!

 

Lügen über meine Mutter ist Ihre erste eigenständige Drehbucharbeit, Rosalie …

R.T.: Nicht ganz: Es ist die erste Drehbucharbeit, die komplett aus meiner Feder stammt und verfilmt wurde. Es gab davor schon ein noch unverfilmtes Drehbuch von mir, und ich habe gemeinsam mit Aron Lehmann Jagdsaison von Lea Schmidbauer überarbeitet. Dass ich bereits von vorne bis hinten ein komplettes Drehbuch geschrieben hatte, war wichtig. Sonst hätte ich mir nie angemaßt, einen Roman zu adaptieren.  Zumal einen so komplexen. Es galt, der Vorlage treu zu bleiben, sich zugleich davon zu lösen und die Handlung zu verdichten: Im Roman erstreckt sie sich über vier Jahre – von 1983 bis 1986 –, im Film über lediglich eines.

R.T.: Ich glaube, dass viele meiner schauspielenden Kolleg*innen sehr gute Dramaturg*innen sind. Denn zu unseren Hauptvorbereitungsaufgaben gehört es, ein Drehbuch oder ein Theaterstück zu analysieren. An welchem Punkt in der Struktur befinde ich mich? Was sind die Wendepunkte? Welche Funktion trägt meine Figur? Ich durfte in meiner Karriere mit sehr vielen guten Texten arbeiten. Mein Eindruck war, dass dies genau die Kompetenz ist, die ich mir in den über 20 Jahren erschlossen habe, in denen ich jetzt schon als Schauspielerin arbeite: einen bestehenden Text aufmerksam zu lesen, ihn einzusaugen und intuitiv die Stellen herauszufiltern, die emotional und dramaturgisch am meisten Gewicht haben.

Links: © Linda Rosa Saal
Rechts: © Clemens Porikys

Daniela Dröscher und Rosalie Thomass

Wie sind Sie weiter vorgegangen?

R.T.: Ich habe auf einem Whiteboard Karteikarten mit den für mich zentralen Szenen angeordnet. Dann habe ich versucht, die für mich wichtigsten Ereignisse in einen immer kleineren Zeitrahmen zu bringen. Mein Ziel war, die Essenz der Erzählung zu erhalten, auch wenn sich die Ereignisse im Film zeitlich anders darstellen als im Roman. Ich habe mich getraut, deinem Text durchaus etwas zuzumuten, Daniela, weil er so genau und so stark ist. Diese Kraft, dieses Potenzial, ins Filmische zu übertragen, empfand ich eher als meine Aufgabe als jeden Satz Wort für Wort zu übernehmen.

 

Apropos Essenz, die Schlüsselszene des Films steht so nicht im Buch: Als die Mutter erfährt, dass ihr Mann auf dem Volksfest mit einer anderen tanzt, geht sie sofort dorthin. In Radlerhose und Frottee-T-Shirt vor der Dorfgemeinschaft tanzend führt sie ihren Mann vor. Sehen Sie das auch als Schlüsselszene?

R.T.: Auf jeden Fall. Für mich als Leserin des Romans und später als Verkörperung der Mutter war entscheidend, dass ich sie nie als Opferfigur oder schwächlich empfunden habe. Wobei ich durchaus Mitgefühl hatte – oder eher Mit-Wut, Empörung – und dachte: Wann spürst du endlich deine Kraft? Denn sie ist da. Das ist für mich das Urweibliche und Universelle an der Erzählung, das ich auch aus meinem privaten Umfeld kenne: Viele Frauen, ob Mütter oder nicht, haben diese Kraft, sich immer wieder selbst am eigenen Schopf aus der Gosse zu ziehen. In einer für mich ebenfalls sehr zentralen Szene im Roman springt die Mutter im Schwimmbad ins Wasser. Hier geht es zentral auch um das Thema Scham. Aber weil die Szene aus dem Roman einfach nicht eins zu eins in den Film passen wollte, habe ich eine Entsprechung gesucht. Also eine Situation, in der die Filmfigur – die eine Interpretation von vielen möglichen ist – einen ähnlichen Moment hat. Einen Moment, in dem sie ihren Körper der Öffentlichkeit zumutet. Da ich in der Figur auch eine Sinnlichkeit und Sehnsucht nach Ausdruck gespürt habe, lag der Tanz nahe. Sicher auch wegen meiner Leseerfahrung der Sequenz im Buch: Als ihr Mann auf der Kirmes mit der anderen Frau tanzt, hätte ich mir gewünscht, dass sie dort hingeht und ihm mal kurz zeigt, wo es langgeht. Dazu war es wichtig, dass sie nicht in einem tollen, sozusagen „vorteilhaften“ Kleid tanzt – wie sonst immer in Filmen –, sondern in dem, was sie eben gerade trägt: ihrer Putzuniform. Darin steckt in meiner Vorstellung die große Kraft und Selbstermächtigung dieser Frau.

Daniela, haben Sie die Filmszene ähnlich gelesen?

D.D.: Ich würde dem total zustimmen – ich habe es nur noch nie so genau von dir gehört, Rosalie. Dass aus der einen Szene im Buch die andere im Film geschlüpft ist, finde ich hochinteressant. Genau das ist symptomatisch für unsere gesamte Zusammenarbeit. Ich wusste meinen Stoff in vertrauensvollen Händen und konnte ihn komplett loslassen. Hinzu kommt: Ich wusste schon früh, dass Rosalie die Mutter spielen wird, meine Traumbesetzung. Rosalie kann sehr coole Drehbücher schreiben – Jagdsaison hatte ich gesehen –, und diese Rolle konnte sie sich sogar selbst erschreiben. Das fand ich genial. So sind diese ganz eigenen Szenen entstanden. Und ja, es ist eine Interpretation, weil die Mutter im Film eine Spur kraftvoller ist als in meinem Buch. Das finde ich megaschön. Durch Rosalies eigenen Zugriff auf den Stoff konnte ein eigenes künstlerisches Werk entstehen. Das geht nur mit Vertrauen, Wertschätzung, Loslassen.

 

Hatten Sie bei der weiteren Besetzung ein Mitspracherecht? Ich stelle es mir bei einem autofiktionalen Roman schon wichtig vor, wer welche Figur verkörpert.

D.D.: Das Wort Mitsprachrecht ist fast zu streng, wir waren stets im Austausch. Aron hat mir immer erzählt, wen er im Kopf hat, ich fand alles gut. Ich hätte mir auch nie angemaßt, etwas anzuzweifeln – Autofiktion hin oder her –, es handelt sich hier um eine Expertise, die nicht meine ist. Genau wie Drehbuchschreiben. Ich habe großen Respekt vor dem Handwerk anderer, und über Golo Euler als Vater habe ich mich total gefreut. Uns einen so sympathischen Schauspieler vor die Nase zu setzen, um uns auch gleich mitzuverführen – das fand ich extrem schlau. Über das Kind habe ich mich genauso gefreut. Ja, ich finde die ganze Filmfamilie toll.

© Luis Zeno Kuhn / Tobis

„Wir wollten sichtbar machen, wie extrem die Gesellschaft auf Frauen einwirkt, und ihnen – oft erfolgreich – das Gefühl vermittelt, ihr Körper sei tatsächlich ein Problem.“ Szene aus Lügen über meine Mutter

Die Tochter Ela, gespielt von Elise Lindner, fungiert zugleich als kindliche Erzählerin, die mit zeitlichem Abstand und dem Wissen einer Erwachsenen auf die Geschichte blickt. Der Kunstgriff ersetzt die erklärenden Zwischentexte im Roman. Wie hat Elise auf ihren Text reagiert – mit Begriffen wie „strukturelle Benachteiligung“ oder Aussagen wie: „Die finanziell unabhängige Frau ist eine Provokation im Patriarchat.“?

R.T.: Elise ist unglaublich schlau. Fast so, als hätte sie Zugang zu einem universellen Wissen. Das war faszinierend. Mein Eindruck war, dass sie von ihrem Elternhaus sehr gut begleitet wurde, was für uns natürlich ein großes Geschenk war. Wie es sich für sie angefühlt hat, kann sie nur selbst sagen. Ich habe sie als wertvolle Spielpartnerin erlebt, die eine gewisse Weisheit in sich trägt.

 

Einige Nebenfiguren werden im Roman als dick oder pummelig beschrieben. Im Film ist die Mutter die einzige korpulente Person weit und breit.

R.T.: Das war zunächst eine Regieentscheidung von Aron. Ich hatte anfangs die Chance gesehen, mehrere diverse Körper sichtbar zu machen. Aron wünschte sich allerdings, dass Cornelia mit diesem Körper alleine und wirklich ausgestellt ist. Wir wollten dadurch letztlich sichtbar machen, wie extrem die Gesellschaft auf Frauen einwirkt, und ihnen – oft erfolgreich – das Gefühl vermittelt, ihr Körper sei tatsächlich ein Problem.

Kommen wir zum wundersamen Körper der Mutter. So wie er im Roman nicht mit Kilos beziffert wird, lässt er sich im Film nicht fassen: Sie haben mit verschobenen Perspektiven gearbeitet, mit Spiegeln und Handkamera. Vieles sehen wir durch Elas Augen, durch ein Loch im Comicheft, unter dem Küchentisch liegend …

R.T.: Es gab einige Ideen, zum Beispiel die Tanzszene mit vielen Frauen mit den verschiedensten Körperformen zu inszenieren, um den Wahnsinn von Cornelias Mann zu dekonstruieren. Doch Aron und unser Produzent Sebastian Zühr haben mich davon überzeugt, es einfach zu halten. Letztlich ist es nicht entscheidend, was wir als Zuschauende sehen, ob Cornelia sie 20 Kilo mehr oder 10 weniger hat. Denn das, was wir erzählen – und dafür haben wir uns früh entschieden –, findet im Kopf des Ehemanns statt. Verbunden mit der Dynamik, dass durch seine Beeinflussung das Kind ins Zweifeln kommt. Und wir.

 

So ist es bei Ihrem Körper geblieben, der im Laufe des Filmes verschiedene Ausmaße anzunehmen scheint.

R.T.: Wir haben genau ausgelotet, was man mit meinem Körper machen kann: Je nachdem, wie du ihn einkleidest, aus welcher Perspektive wir ihn sehen, welche Körperhaltung ich einnehme – derselbe Körper, andere Wirkung. Unser Ziel war, dass man sich nie sicher sein kann, ob die Mutter vielleicht doch wieder mehr geworden ist. Ähnlich wie der Gedanke beim Lesen – zumindest ich ertappte mich bei dem Gedanken: „Na gut, aber … vielleicht ist sie wirklich sehr dick?“ Ich schämte mich, für den Reflex dem Vater recht geben zu wollen. Wir alle haben diese Sehgewohnheiten, und auch wenn es sich einige wenige bewusst abtrainiert haben, erlebe ich es immer noch, dass irgendwer erleichtert zu jemandem sagt: „Mei, du bist ja wieder schön schlank.“

© Luis Zeno Kuhn / Tobis

Juliane Köhler in der Rolle von Großmutter Martha

Wie haben Sie nach dem Schreiben und all den Überlegungen die Arbeit am Set erlebt?

R.T.: Als große Befreiung: In jeder meiner bisherigen Anproben ging es darum, mich so anzuziehen, dass ich möglichst schlank wirke. „Rosalie, du weißt, die Kamera legt noch mal was drauf.“ Sicher gut gemeint, aber warum ist das immer so zentral? Diesmal hieß es: „Wie bekommen wir es hin, dass der Po noch größer aussieht?“ Ich hatte das allererste Mal in meinem Berufsleben als Schauspielerin das Gefühl, dass mein Körper kein lästiges Hindernis ist, sondern bewusst eingeladen und willkommen. Eine echt befreiende Erfahrung. Im Film gibt es kaum Körper über Größe 34. Darüber hinaus zu existieren oder sichtbar zu sein, scheint schon ein kleiner Tabubruch zu sein. Ich weiß, dass das viele meiner Kolleginnen kennen, ungeachtet ihres tatsächlichen „Body-Mass-Index“: den Druck, möglichst wenig sein zu müssen.

 

Nicht zuletzt erzählt Lügen über meine Mutter von der Liebe zwischen Mutter und Tochter und von deren Aufbruch. Was sagen Sie zu dem Zitat, das im Film gerahmt an der Wand hängt: „Familie heißt, Teil von etwas Wunderbarem zu sein.“

R.T.: Ja … Daniela …?

D.D.: (lacht) Das kommt ganz darauf an. Ich finde die Idee von Familien nach wie vor sehr, sehr schön, aber man muss sie revolutionieren. Nicht reformieren, revolutionieren.

R.T.: Ich lebe in einer starken Freundinnengemeinschaft, meiner gefühlten Familie, so nenne ich es, das ist für mich ganz wichtig. Das Konzept „Vater, Mutter, Kind“ finde ich überholt. Deiner Revolution, Daniela, würde ich mich sofort anschließen.

D.D.: Ich hoffe, dass viele Freundinnen gemeinsam ins Kino gehen. Auch Buchclubs. Ich glaube, man kann über diesen Film genauso krass in Verbindung treten und diskutieren wie über das Buch. Es ist das volle Gemeinschaftserlebnis.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Tina Rausch
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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Nieder­kalten­kirchen
ist überall

Wie die
Freundin
das Leben
spiegelt

Ella Cieslinski und Nina Wesemann haben an der HFF München studiert, die eine Drehbuch, die andere Dokumentarfilm-Regie. Mit Crowdfunding haben sie ihr Debüt Erzähl mir dein Morgen finanziert, einen Film, der kunstvoll dokumentarische Aufnahmen eines Schüler*innen-Workshops mit fiktionalen Szenen sowie Collagen verwebt. Ein paar Fragen an die beiden Autorinnen, Regisseurinnen und Produzentinnen.
Interview von Olga Havenetidis
6 Minuten Lesezeit
D

Das Thema von Erzähl mir dein Morgen zeichnet eine Frauenfreundschaft und stellt fundamentale Fragen: Welches Leben will ich? Wie sieht mein Leben aus in den Augen meiner Freundin? Ist es je zu spät, es noch so zu leben, wie ich es mal gewollt habe? Für das Werk gab es zweifach den Förderpreis Neues Deutsches Kino beim 43. Filmfest München 2026, für die Regie und für eine der beiden Hauptdarstellerinnen.



Ella
Cieslinski und Nina Wesemann, Sie haben Ihren fiktionalen Debütfilm Erzähl mir dein Morgen ziemlich alleine gestemmt, darunter die Finanzierung. Wie haben Sie das geschafft?

Eine Arbeitsweise wie diese erfordert viel Ausdauer und ist ohne Unterstützung von außen kaum möglich. Dafür muss man andere zunächst von der eigenen Idee begeistern und überzeugen. Um die Dreharbeiten zu finanzieren, haben wir ein Crowdfunding gestartet. So konnten wir zumindest ein Mindestbudget für die Reise-, Unterkunfts- und Verpflegungskosten unseres Teams aufbringen. Gedreht wurde in Tübingen, Ellas Heimatstadt. Dort konnten wir auf ein großes Netzwerk an Unterstützer*innen zählen, die uns auf vielfältige Weise geholfen haben. Überhaupt haben wir Tübingen als außergewöhnlich gastfreundlich und offen gegenüber unserem Filmprojekt erlebt, sicherlich auch, weil dort vergleichsweise selten Dreharbeiten stattfinden. Während des Drehs und in der Postproduktion hatten wir dann professionelle Unterstützung von der Postproduktionsfirma Bewegte Bilder in Tübingen, sowie für das Colourgrading von Oasys Postproduction in München. Das war ein großes Glück!

 

Durch das begrenzte Budget haben Sie kreative Wege gesucht, um Ihren Stoff zu erzählen. Wie sind Sie bei den Überlegungen dazu vorgegangen?

Die ersten Überlegungen begannen mit der Entscheidung, die Handlung des Films in Tübingen anzusiedeln. Uns war bewusst, dass Ellas familiäres und freundschaftliches Umfeld die Suche nach geeigneten Motiven sowie nach helfenden Händen erheblich erleichtern würde. Eine weitere Überlegung bestand darin die Schulszenen in einem dokumentarischen Setting zu drehen. Nur so war es möglich, einen wichtigen Strang des Films an nur drei Tagen mit vielen Figuren zu drehen. Um die dokumentarischen Elemente und fiktionalen Szenen im Film am Ende zusammenzubringen, hilft die einheitliche Bildsprache. Ähnlich verhält es sich mit dem Erzählstrang des Onkels: Hier haben wir bewusst mit Archivmaterial gearbeitet und daraus eine eigenständige Erzählebene entwickelt. Entscheidend war, bereits im Drehbuch alle Erzählstränge und ihre möglichen Verknüpfungen anzulegen. So konnten die unterschiedlichen Ebenen im Schnitt miteinander in Beziehung treten und sich gegenseitig ergänzen.

© Freundinnen Film

Die Hauptdarstellerinnen Marlene-Sophie Haagen (l.) und Ricarda Seifried

Jede von Ihnen hatte bei dem Projekt mehrere Funktionen, Nina Wesemann war zum Beispiel auch als Kamerafrau für die Bildgestaltung verantwortlich. Wie hat sich das auf Ihre Arbeitsweise ausgewirkt?

Uns war von Anfang an wichtig, dass es ein Film von uns beiden ist. Die Geschichte und Erzählweise haben wir gemeinsam konzipiert. Ella kommt durch ihr Drehbuch-Studium mehr vom fiktionalen, Nina durch ihr Dokumentarfilmregie-Studium vom dokumentarischen Erzählen. Das wollten wir verbinden. Beim Dreh hat Ella Regie geführt, Nina hat die Kamera gemacht. In der Montage, für die Florian Seufert verantwortlich ist, haben wir den Film gemeinsam geformt. Die vielen unterschiedlichen Funktionen bringen eine sehr intensive Auseinandersetzung mit sich. Gleichzeitig gab es viele Dinge, die wir lernen mussten. Es war ja für uns beide das erste Mal, dass wir einen Film auch selbst produziert haben.

 

Den Workshop mit den Schüler*innen haben Sie dokumentarisch gefilmt.
Hat Sie das Ergebnis, wie gut sich das in dem Film als eigener Strang
macht, überrascht?

Wir haben den Workshop vorab sehr präzise thematisch geplant mit konkreten Arbeitsaufträgen für die beiden Schauspielerinnen. Überrascht waren wir davon, wie natürlich die Schüler*innen mit der Kamera umgegangen sind und wie großzügig sie ihre Geschichten mit uns geteilt haben. Das war aber auch möglich, weil wir vor Ort Unterstützung von Anja Markmann hatten, der Lehrerin für Literatur und Theater, die die Klasse für uns ausgesucht hatte. Beim Dreh hat dann manches natürlich besser geklappt als anderes, hier die starken Momente herauszuheben, die mit unserer Geschichte resonieren, war dann ein längerer Prozess im Schnitt. Aber schon während des Drehs gab es Momente, in denen wir uns angeschaut haben, weil uns das, was die Schüler*innen erzählt haben, so berührt hat.

Sie haben sich für den Film das Thema Frauenfreundschaft ausgesucht. Warum?

Wir beide leben und führen sehr intensive und intime Freundschaften, das sind teilweise Freundschaften noch aus der Kindheit und dann natürlich auch Freundschaften, die sich im Studium geformt haben. Dabei sind diese Freundschaften oft älter als unsere Beziehungen; sie sind Wegbegleiterinnen, Familie, Beständigkeit. Der Ausgangspunkt für den Wunsch, Frauenfreundschaften filmisch nachzugehen, kam aus dem Gefühl heraus, dass sich mit den 30ern die Selbstverständlichkeit dieser Freundschaften verändert. Lebensentwürfe beginnen auseinanderzudriften. Manche gründen Familie, andere nicht, manche ziehen in die Heimatstadt zurück, andere nicht. Im Gegenüber der Freundin kann es passieren, dass wir uns in unseren Lebensentscheidungen angegriffen fühlen, gerade weil man sich schon so lange kennt und die verschiedenen Phasen und Träume der anderen mitbekommen hat. Über die Frauenfreundschaft gehen wir im Film der Frage nach, wer wir sein wollen.

 

Welchen Rat haben Sie für andere Talente, die möglicherweise auch mit sehr geringen finanziellen Mitteln versuchen, einen Film zu machen, damit sie nicht verzagen?

Sucht euch jemandem mit dem ihr den Film zusammen machen könnt. Gerade, wenn man kein gängiges Budget hat, kann es essentiell sein den Druck nicht alleine aushalten zu müssen und sich jederzeit austauschen zu können. Geteilte Verantwortung kann einen langen, anstrengenden Prozess enorm erleichtern und vielleicht überhaupt erst möglich machen.

© Filmfest München

Die preisgekrönten Regisseurinnen Ella Cieslinksi und Nina Wesemann (2. u. 3. v.l.) mit der ebenfalls preisgekrönten Darstellerin Ricarda Seifried (2.v.r.) mit den beiden weiteren Förderpreisträger*innen Susanne Heinrich und Christoph Otto

Nun hat Erzähl mir dein Morgen zwei Förderpreise gewonnen: den für die beste Regie und den für die beste schauspielerische Darstellung. Wie hat diese tolle Auszeichnung Ihren Blick auf das Projekt verändert?

Es ist unglaublich schön zu sehen, wie der Film bei einem Publikum ankommt und verschiedenste Menschen berührt. Das hatten wir immer gehofft, aber bis der Film dann seine Premiere hat und er von einer größeren Gruppe gesehen wird, ist es doch schwer zu sagen, wie ein Film am Ende auf sein Publikum wirkt. Die Preise sind eine große Anerkennung für alle, die am Film mitgewirkt haben.

 

Wie geht es mit Erzähl mir dein Morgen jetzt weiter?

Wir sind auf der Suche nach einem Verleih und wollen den Film unbedingt ins Kino bringen.

 

Haben Sie schon Pläne für ein weiteres Projekt?

Ja, neben eigenen Projekten, an denen wir arbeiten, sind wir auch dabei eine Idee zu entwickeln für ein gemeinsames Projekt. Hier würden wir gerne unsere Erfahrungen aus Erzähl mir dein Morgen einfließen lassen und zum Beispiel die experimentelle Form weiter entwickeln. Diesmal aber unbedingt mit einem normalen Spielfilm Budget! Für die Entwicklung wollen wir bald Förderung beantragen.

Herausgeber: FilmFernsehFonds Bayern GmbH – Presse und Information
Text: Olga Havenetidis
Redaktion: Olga Havenetidis
Gestaltung und digitales Storytelling: Schmid/Widmaier

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